Interview zu "Bardo"
"Befinde mich seit 35 Jahren in Therapie": Bekenntnisse des Star-Regisseurs Alejandro González Iñárritu
Spätestens seit 2016 kennt wohl jeder seinen Namen: Alejandro González Iñárritu ergatterte für den Blockbuster "The Revenant - Der Rückkehrer" einen Oscar als bester Regisseur und wurde damit fast über Nacht in den Olymp der prominenten Hollywood-Filmemacher katapultiert. Was jedoch die Wenigsten wissen: Der gebürtige Mexikaner musste auf seinem Weg zum Erfolg jede Menge Hürden überwinden und hat als Immigrant nicht immer schöne Momente erlebt. Genau diese persönlichen Erfahrungen verarbeitet der 59-Jährige jetzt in seinem Netflix-Film "Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten" (ab 16. Dezember bei Netflix und auch über Sky Q zu sehen). Der Streifen zeigt auf brutal ehrliche Art und Weise, wie sich eine Identitäts- und Existenzkrise auf einen Menschen auswirken kann. Im Interview verrät Alejandro González Iñárritu unter anderem, wie er mit Kritik umgeht und wie er die Fehlgeburt seines Kindes im Film verarbeitet hat.

Weser-Kurier: "Bardo" ist so viel mehr als nur ein Film. Es ist fast wie ein Gefühl. Wie würden Sie Ihr Werk beschreiben?

Alejandro González Iñárritu: Es geht darum, wie es sich anfühlt, zwischen zwei Welten zu leben. Wir sehen, wie etwas Altes stirbt und etwas Neues beginnt. Ein Neuanfang, der sich erst noch entwickeln muss. Das bedeutet, dass viel Unsicherheit mit einhergeht. Der Film zeigt genau diesen Zwischenraum, den viele Immigranten nur allzu gut kennen, wenn sie ihr altes Land verlassen und in einem neuen Land ihre Zelte neu aufschlagen.

Weser-Kurier: Die Geschichte wirkt sehr persönlich. Wie haben Sie die Balance geschafft, Ihre eigenen Erfahrungen darzustellen, aber trotzdem ein universelles Drama zu produzieren?

Alejandro González Iñárritu: Es war eine richtige und wichtige Übung für mich, bei der ich mehrmals meine Augen schließen und in mich gehen musste. Der Kern des Films wird natürlich aus meiner Sicht der Dinge erzählt. Ich wollte einmal meinen alten Ballast loswerden. Ich werde bald 60 Jahre alt und habe sehr viel Ballast. Aber auch sehr viele Geschichten und Erfahrungen gesammelt. Gleichzeitig kann ich mich zum Beispiel überhaupt nicht an meine Kindheit erinnern. Leider habe ich da eine Blockade. Ich habe lediglich drei Fotos von mir als Kind. Das war's. Ich kann meine Kindheit nicht abrufen, auch wenn ich es versuche.

Weser-Kurier: Wie sehr belastet Sie das?

Alejandro González Iñárritu: Sehr. Ich hätte nichts lieber, als mich an meine Kindheit zu erinnern. Aber ich muss mich nun eben mit den letzten 20 oder 25 Jahren zufriedengeben und aus den Erinnerungen und Erfahrungen schöpfen. Diese Jahre lehren mich und erklären, wie ich zu dem Mann geworden bin, der ich heute bin. Ich habe mich lange und viel mit mir selbst auseinandergesetzt. Das ist im Film auch sehr gut zu erkennen. Wir zeigen die rohen Emotionen wie Angst und Reue, aber gleichzeitig auch echte Erlebnisse, die ich durchmachen musste. Das alles auf Papier zu bringen, hat vier Jahre gedauert.

Weser-Kurier: Welche eigenen Erfahrungen haben Sie in die Geschichte mit einfließen lassen?

Alejandro González Iñárritu: Sehr viel intimes und persönliches. Aber gleichzeitig auch Erfahrungen, die jeder Mexikaner nachempfinden kann oder selbst erlebt hat. Ich war nicht unbedingt interessiert daran, eine Biografie von mir zu erstellen. Zum einen, weil es die langweiligste Biografie aller Zeiten wäre. Aber zum anderen auch, weil ich kein Fan von Biografien bin. Für mich stecken sie voller Lügen.

Weser-Kurier: In einer emotionalen Szene geht es um eine Fehlgeburt. Haben Sie so ein Trauma in Ihrem Leben erlebt?

Alejandro González Iñárritu: Ja, tatsächlich. Meine Frau und ich haben vor 25 Jahren ein Kind verloren. Dieses Erlebnis im Film zu zeigen, war wie eine Art Befreiungsschlag. Mit der Zeit haben wir gelernt, mit dem Trauma umzugehen. Das Ganze filmisch zu verarbeiten, hat nochmal extra geholfen, Abstand zu gewinnen und das Erlebte loszulassen. Natürlich ist es immer noch schmerzhaft, darüber nachzudenken, aber ich finde, wir haben die Erinnerung in etwas Wundervolles verwandelt.

Weser-Kurier: Obwohl im Film zum Teil sehr emotionale Szenen stecken, ist auch viel Hoffnung zu erkennen.

Alejandro González Iñárritu: Ich wollte, dass der Film sich auf jeden Fall primär leicht anfühlt. Natürlich heißt das nicht, dass man nicht über Schmerzen und Wunden spricht. Aber wie Leonard Cohen einst so schön sagte: Überall gibt es Risse, aber nur durch sie kommt das Licht herein. Dieses Licht war mir in diesem Film besonders wichtig.

Weser-Kurier: Trotzdem muss der Prozess der Filmentwicklung sehr emotional und schmerzhaft für Sie gewesen sein, oder?

Alejandro González Iñárritu: Es war in der Tat eine große Herausforderung. Wenn man einen Film wie diesen auf die Beine stellt, darf man allerdings nicht emotional sein. Das ist wie in einer Operation am offenen Herzen - da darf der Arzt auch nicht emotional werden. Ich würde mich von einem Familienmitglied nie operieren lassen, weil ich sicher bin, dass das tödlich endet.

"Habe noch nie einen Mexikaner auf der Straße nach Geld betteln sehen"

Weser-Kurier: Wie würden Sie die bisherigen Reaktionen auf Ihren Film beschreiben?

Alejandro González Iñárritu: Es ist sehr interessant. Ich denke, dass tatsächlich einige Menschen vieles missverstehen. Das liegt vor allem daran, weil sie die Gefühle und das Erlebte nicht nachempfinden können. Wie soll man es auch verstehen können, wenn man sein Leben lang in eine Land und in derselben Kultur gelebt hat? Immigranten sind für mich wie eine eigene Kultur. Wir sind die härtesten Arbeiter auf der Welt. Ich habe noch nie einen Mexikaner auf der Straße nach Geld betteln sehen. Sie ziehen in ein fremdes Land, um dort zu arbeiten. Immigranten wachsen über sich hinaus, nur um es zu schaffen.

Weser-Kurier: Wie gehen Sie mit Kritik um?

Alejandro González Iñárritu: Ich habe absolut keine Angst vor Kritik, weil ich weiß, dass ich selbst mein größter Feind und Kritiker bin. Ich befinde mich seit 35 Jahren in Therapie und meditiere seit zehn Jahren regelmäßig. Ich arbeite ständig an mir und das ist auch gut so. Das hilft mir, zu realisieren, dass ich mich nicht von meiner eigenen Angst oder dem eigenen Druck versklaven lasse. Wenn ich das tun würde, wäre ich wie gelähmt. Ich komme damit klar, dass das Leben eines Filmemachers riskant ist - egal wie gut man ist.

Weser-Kurier: Was sollen die Zuschauer von Ihrem Film mitnehmen?

Alejandro González Iñárritu: Es geht im Film vor allem um das eigene Bewusstsein und universelle Themen. Ich denke, wir alle kennen das Gefühl, einen geliebten Menschen zu verlieren. Dieses Gefühl von Gemeinschaft verbindet uns Menschen. Das hoffe ich, mit dem Film widerspiegeln zu können.

(Die Uraufführung des Films erfolgte am 1. September 2022 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Der Kinostart in Deutschland war am 17. November. Ab 16. Dezember ist "Bardo" auch über den Streamingdienst zu sehen.)

Von Rachel Kasuch