Interview zu 40 Jahre "E.T. Der Außerirdische"
"E.T."-Star Henry Thomas: "Ich mag es nicht, mich selbst auf der Leinwand zu sehen"
Vier Oscars, zwei Golden Globes, ein BAFTA und ein Grammy: "E.T. Der Außerirdische" zählt definitiv zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Am 11. Juni 1982 feierte der Film von Steven Spielberg seine US-Premiere, sechs Monate später, am 9. Dezember 1982, kam der Blockbuster ins westdeutsche Kino. Das Ganze ist nun 40 Jahre her, doch die Geschichte über den kleinen Elliott, der in seinem Garten einen verlassen Alien findet, ihn vor übergriffigen Forschern versteckt und ihm schließlich dabei hilft, nach Hause zu telefonieren, begeistert noch heute kleine und große Cineasten. Gespielt wurde Elliott von dem damals zehnjährigen Henry Thomas, der inzwischen selbst Vater von drei Kindern ist. Was halten sie vom ersten großen Film ihres Vaters? Diese Frage beantwortet der 51-Jährige, der zuletzt in Horror-Miniserie "Midnight Mass" sowie in der Mystery-Serie "Spuk in Bly Manor" (beides auf Netflix) zu sehen war, im Interview. Anlässlich des Jubiläums von "E.T. Der Außerirdische" erscheint eine neue Blu-ray mit neuem Bonusmaterial - sie ist ab 17. November im Handel.

Weser-Kurier: Glauben Sie an Außerirdische?

Henry Thomas: (überlegt) Ja, daran glaube ich tatsächlich. Ich denke, dass es wahrscheinlich Leben im Universum gibt.

Weser-Kurier: Sehen die Außerirdischen in Ihrer Vorstellung wie E.T. aus?

Thomas: Ich weiß es nicht. Ich wäre schon mit einem einzelligen Organismus zufrieden. (lacht)

Weser-Kurier: Wie haben Sie damals die Rolle von Elliott bekommen?

Thomas: Ich habe für die Rolle vorgesprochen. Sie können mein Vorsprechen auf YouTube anschauen. Dort geht es immer wieder viral. Ich war einfach am richtigen Ort zu richtigen Zeit. Ein Jahr zuvor hatte ich einen Film für Universal gedreht. Steven Spielberg brauchte einen Jungen für die Rolle des Gläubigen. Es waren also die richtigen Leute, die zur richtigen Zeit über mich sprachen, ich wurde zum Vorsprechen eingeladen - und der Rest ist Geschichte.

"Teil eines Steven-Spielberg-Films zu sein, war eine große Sache"

Weser-Kurier: Wussten Sie damals, wer Steven Spielberg ist?

Thomas: Ich habe "Jäger des verlorenen Schatzes" gesehen und war ziemlich fixiert auf "Indiana Jones" und auch auf "Star Wars". Deshalb wusste ich, dass er Teil dieser Welten war. Er war natürlich nicht so berühmt wie er es heute ist, aber er war trotzdem jemand, über den man in Hollywood damals sprach. Teil eines Steven-Spielberg-Films zu sein, war eine große Sache. Ich war ziemlich nervös und aufgeregt, Seit ich sechs Jahre alt war, träumte ich davon, Schauspieler zu werden. Aber ich lebte im Zentrum von Texas, und es war ziemlich unwahrscheinlich, dass dieser Traum in Erfüllung gehen würde, aber er tat es! Und es fühlte sich an, als hätte ich im Lotto gewonnen.

Weser-Kurier: An welche Situation während der Dreharbeiten können Sie sich am besten erinnern?

Thomas: Meine Erinnerungen sind sehr langweilig. Ich erinnere mich an die Umkleide und daran, wie es war, zur Arbeit zu gehen oder mein Kostüm zu wechseln (lacht). Natürlich gibt es einige lustige Geschichten, aber meine persönlichen Erinnerungen sind nicht sehr anekdotisch. Es war großartig, dass wir Halloween am Set hatten. Das hat allen Kindern Spaß gemacht. Der ganze Dreh hat uns Kindern Spaß gemacht. Mir hat es Spaß gemacht, weil ich bislang nie so viele Kinder am Set um mich herum gehabt hatte. Wir waren alle zusammen im Schulhaus, und es fühlte sich wie eine echte Familie an.

"Ich wurde schon vor den Dreharbeiten schikaniert"

Weser-Kurier: "E.T." war einer der ersten Blockbuster der Filmgeschichte. Waren Sie sich des vollen Ausmaßes schon als Kind bewusst?

Thomas: Ich wusste, dass ich Teil von etwas Besonderem war, aber ich hatte keine Ahnung, dass der Film so erfolgreich sein würde. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich 40 Jahre später immer noch darüber spreche (lacht). Zu dieser Zeit war es eine Sensation. Nachdem der Film etwa zwei Wochen lang im Kino lief, wusste ich irgendwie, dass das ein großer Hit war, weil es in den Nachrichten kam. Sie sagten, dass die Schlangen vor diesem und jenem Theater um den Block reichten. Sie zeigten New York und Los Angeles. Dann wurde "E.T," international veröffentlicht und wurde zu einer weltweiten Sensation, was ich nie in Betracht gezogen hatte.

Weser-Kurier: Wie reagierten Ihre Schulkameraden auf den Erfolg?

Thomas: Ich wurde schon vor den Dreharbeiten schikaniert, und auch danach schlossen sie mich sofort aus, weil ich ein anormaler Mensch war, was bedeutete, dass ich seltsam und nicht gut war. Also hieß es: "Sprich nicht mit diesem Typen!"

Weser-Kurier: Das heiß, Ihr Leben hat sich durch die Rolle nicht verbessert?

Thomas: In der Schule nicht, aber beruflich war es großartig! Ich wurde in den Jahren danach oft gebucht.

Weser-Kurier: Werden Sie heute noch auf der Straße erkannt?

Thomas: Oh, ja. Die Leute erkennen mich fast jeden Tag. Als Kind störte mich das, weil ich mich unnormal fühlte. Es war seltsam. Aber inzwischen beschäftige ich mich mein ganzes Leben lang damit, und somit stört es mich auch nicht mehr.

"Ich würde auch gerne einmal Comedy machen"

Weser-Kurier: Hat man Sie als Kind auf diesen Ruhm vorbereitet?

Thomas: Nein! Ich glaube, es war gar kein Teil unserer Realität. Während du einen Film drehst, heißt es immer: "Das wird der beste Film aller Zeiten." Es kommt nie vor, dass der Produzent sagt: "Ah, das sieht furchtbar aus!" Und wenn er dann ein Jahr später herauskommt, hast du ihn eigentlich schon wieder vergessen. Bei "E.T." war es genauso.

Weser-Kurier: In letzter Zeit drehten Sie einige Horrorfilme. War das ein Versuch, sich von Elliott zu emanzipieren?

Thomas: (lacht) Nein! Der einzige Grund, warum ich Horrorfilme drehe, ist, weil der Regisseur Mike Flanagan ein Fan meiner Arbeit ist. Er stellt mich für viele seiner Projekte an. Aber ich persönlich habe keine besondere Affinität für Horror.

Weser-Kurier: In welcher Art von Film würden Sie denn gerne einmal mitspielen?

Thomas: Oh, ich mag Historiendramen, Fantasy. Ich bin vor allem ein dramatischer Schauspieler, aber ich würde auch gerne einmal Comedy machen.

"Meine Kinder sind keine großen 'E.T.'-Fans"

Weser-Kurier: Kennen Ihre drei Kinder "E.T."? Und was halten sie davon?

Thomas: Sie kennen "E.T.", aber sie sind keine großen "E.T."-Fans. Ich habe versucht, ihnen den Film zu zeigen, aber ihre Reaktionen waren nicht so großartig, wie ich es mir erhofft hatte. Ich war ein bisschen enttäuscht, weil ich dachte, sie würden es spannend finden, ihren Vater als Kind zu sehen. Aber sie sagten: "Papa, wir wissen, dass du das bist. Wir haben den Trailer gesehen." Es war nicht aufregend für sie.

Weser-Kurier: Würde der Film heute noch funktionieren?

Thomas: Das ist das Beeindruckende: Ich glaube, ja. Das Publikum scheint ihn immer noch sehr zu lieben. Natürlich ist es auch eine Generationenfrage: Diejenigen, die den Film damals gesehen haben, zeigen ihn später ihren Kindern und so weiter. Aber der Film ist besonders, denn er spricht universelle menschliche Dinge wie Mitgefühl und Fürsorge an. Wir alle tragen diese Themen in uns, und ich denke, der Film berührt das Herz.

"Drew Barrymore ist sehr, sehr lustig"

Weser-Kurier: In den USA feierte der Film bereits im Juni Jubiläum. Haben Sie diesen Tag besonders gefeiert?

Thomas: (lacht) Nein, ich kann mich nicht einmal erinnern, wann der Film veröffentlicht wurde.

Weser-Kurier: Wann haben Sie den Film zum letzten Mal gesehen?

Thomas: Vor 20 Jahren (lacht). Ich schaue keinen der Filme, die ich selbst gemacht habe. Ich mag es nicht, mich selbst auf der Leinwand zu sehen. Damals sah ich ihn, weil es das 20. Jubiläum war und John Williams das Live-Orchester dirigiert hat.

Weser-Kurier: Hat sich Ihre Einstellung zum Film in den letzten Jahrzehnten verändert? Haben Sie heute vielleicht andere Lieblingsszenen?

Thomas: Interessanterweise mag ich es als Erwachsener, Drew Berrymore zuzuschauen, weil ich sie in dem Film wirklich urkomisch finde. Sie ist sehr, sehr lustig. Das ist etwas, das ich erst als Erwachsener entdeckt habe, weil als Kind war sie einfach nur Drew.

Weser-Kurier: Haben Sie zu Drew Barrymore noch Kontakt?

Thomas: Nein, wir sehen uns natürlich immer mal wieder im Zusammenhang mit "E.T.", aber wir haben damals im Jahr 1981 auch nur zehn Wochen zusammengearbeitet. Und jetzt reden wir seit 40 Jahren über diese zehn Wochen. (lacht) Wenn du Filme machst, dann springst du von Job zu Job. Bis der Film ins Kino kommt, hast du vielleicht schon drei oder vier andere gedreht. Deswegen ist der Erfolg von "E.T." auch so besonders. Ich finde es bis heute unglaublich!

Von Elisa Eberle