"Im Westen nichts Neues"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 29.09.2022
Regisseur: Edward Berger
Schauspieler: Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Daniel Brühl
Entstehungszeitraum: 2021
Land: D / USA
Freigabealter: 16
Verleih: Netflix
Laufzeit: 148 Minuten
Felix Kammerer im Interview zu "Im Westen nichts Neues"
"Frieden und Demokratie werden nicht einfach geschenkt"
Deutschlands Oscar-Hoffnung ist ein bildgewaltiges Kriegsdrama von beängstigender Aktualität: Regisseur Edward Berger inszenierte Erich Maria Remarques Anti-Kriegsromans "Im Westen nichts Neues" (ab Freitag, 28. Oktober, bei Netflix streambar), der die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus Sicht eines jungen Soldaten schildert, mit namhaften Schauspielern wie Albrecht Schuch und Daniel Brühl. Die Hauptrolle des jungen Soldaten Paul Bäumer übernahm mit Felix Kammerer ein junger Österreicher, der nie zuvor vor der Kamera stand. Dabei beeindruckte das Ensemble-Mitglied des Wiener Burgtheaters in der Netflix-Produktion mit eindrücklichem Spiel. Im Interview spricht der 27-jährige Wiener über seinen körperlichen und psychischen Kraftakt, Kriegspropaganda früher und heute und die überwältigenden Eindrücke seines ersten Drehtags.

Weser-Kurier: Herr Kammerer, der Roman "Im Westen nichts Neues" stammt aus dem Jahr 1928. Warum ist dieser Stoff bis heute so aktuell?

Felix Kammerer: Traurigerweise sieht man gerade, dass der Stoff an Aktualität nicht verliert. Fast könnte man meinen, er wird immer relevanter. Doch Krieg war die ganzen Jahre immer schon. Vielleicht sollte man sich mal fragen: Was muss man eigentlich noch machen, damit wir uns nicht mehr die Köpfe einschlagen?

Weser-Kurier: Seit Februar dieses Jahres herrscht Krieg in der Ukraine. Hat es Sie nicht überrascht, wie fragil der Friede in Europa ist?

Kammerer: Nein, eigentlich nicht. Über die letzten Jahre hat man schon gemerkt, dass der Ton immer rauer und radikaler wurde. Wir sehen es jetzt gerade in Italien nach den Wahlen. Wir sehen es in Ungarn, in Polen, in Österreich. Es ist immer die gleiche Story. Da wird klar, dass Frieden und Demokratie nicht einfach geschenkt werden. Dafür muss man arbeiten, besonders Bildung hilft. Solange das nicht passiert, stehen wir immer am Abgrund zum Radikalen und Totalitären.

"Wer keine Angst hat, hat etwas nicht ganz verstanden"

Weser-Kurier: Inwieweit ist die aktuelle Situation des aufkommenden Nationalismus mit der vor dem Ersten Weltkrieg vergleichbar?

Kammerer: Das ist schwierig zu sagen. Man hat erst im Nachhinein des Ersten Weltkriegs verstanden, wie es dazu kommen konnte. Es gibt durchaus Ähnlichkeiten. Mich freut es aber extrem, dass es viele und starke Stimmen gibt, die gegen den aufkommenden Nationalismus ankämpfen. Außerdem kennen wir die Euphorie, die vor dem Ersten Weltkrieg herrschte, aktuell nicht. Gleichzeitig kann das auch gefährlich sein, weil so ein falsches Gefühl von Sicherheit oder Entspannung entsteht.

Weser-Kurier: Haben Sie demnach Angst vor der nahen Zukunft?

Kammerer: Ja, natürlich! Alle müssen Angst haben, und wer keine Angst hat, hat etwas nicht ganz verstanden. Ich spreche nicht von einer lähmenden Angst, sondern von einer, die aufrüttelt und die Menschen dazu bringt, sich zu beteiligen. Frieden zu erhalten ist etwas sehr Aktives.

Weser-Kurier: Verfängt Propaganda in den Köpfen der Menschen noch so gut wie damals?

Kammerer: Es hat sich vielleicht die Sprache oder der Ton verändert, aber im Grunde ist es genau das Gleiche wie damals. Nur, dass die Propaganda jetzt nicht mehr schreit "gegen XY", sondern: "Die sind doch genauso Mist wie wir". Sie vermittelt, es gäbe keine echte Demokratie, keinen echten Frieden. Wenn alle angeblich gleich schlimm sind, ist das, was wir tun, nicht mehr so verfänglich. Das sind gefährliche Tendenzen, bei denen es heute etwas mehr Denkarbeit braucht, um sie zu entlarven.

Weser-Kurier: Haben Sie den Roman "Im Westen nichts Neues" in der Schule gelesen?

Kammerer: Ich weiß, dass viele Lehrkräfte aus meiner alten Schule den Roman in ihren Klassen lesen. In Österreich ist das Buch sehr populär. Ich habe "Im Westen nichts Neues" aber erst im Studium gelesen und war danach ziemlich niedergewalzt. Der Roman kann etwas, was der Film nicht kann: Bilder erschaffen, die für die Leinwand zu doll wären.

"Die psychische Belastung ist omnipräsent"

Weser-Kurier: Die Bilder des Films sind dennoch heftig. Wie haben Sie die Gewaltdarstellung während des Drehs wahrgenommen?

Kammerer: Das ist total absurd. Man kommt selbst in Konflikt mit der technischen Herangehensweise - etwa Blutschläuche und Plastik-Körperteile - und gleichzeitig einer echten Auseinandersetzung mit der Gewalt. Man muss sich immer wieder daran erinnern, dass so etwas wirklich passiert ist und tragischerweise noch passieren wird. Um unsere Trailer herum wurden Leichendummys geschminkt und angezogen. Da kommst du um 6 Uhr in der Früh aus der Maske, und das Erste, was du siehst, sind 60 Leichen. Wir haben dann gefragt, ob man die nicht woanders hinschieben könnte.

Weser-Kurier: Das klingt nach einer enormen psychischen Belastung.

Kammerer: Die psychische Belastung ist omnipräsent, weil man sich jeden Tag über Monate mit Tod, Horror und absoluter Vernichtung auseinandersetzt. Das kriecht in einen rein. Man braucht ordentliche Rituale, um sich davon zu distanzieren und seinen Beruf professionell ausüben zu können.

Weser-Kurier: Auch physisch hat Ihnen der Film viel abverlangt.

Kammerer: Ja, die physische Belastung war immens. Wir hatten diese historischen Kostüme an, die sich sofort mit Wasser vollsaugen. Mit dem Equipment hatten wir jeden Tag über 40 Kilo auf dem Buckel. Dann rennt man damit zwölf, 13 Stunden am Tag durch den knietiefen Matsch. Und das ganze bei vier Grad. Das machst du dann drei Monate täglich. Zur Vorbereitung bin ich mit meiner Zehn-Kilo-Weste dreimal die Woche über vier Monate laufen gegangen, durch den Wiener Schnee. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich nach der ersten Woche raus gewesen.

"Weder eine Anklage noch eine Beichte"

Weser-Kurier: Wie versetzt man sich in eine Zeit, die über 100 Jahre zurückliegt?

Kammerer: In der Vorbereitung habe ich mir unendlich viel Material zugeführt. Das waren einerseits kratzige Tonaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg von Gesprächen und Granaten-Einschlägen. Es gibt unendlich viele Bilder und Videos. Das meiste davon ist Propaganda, mit der man vorsichtig umgehen muss, aber vermittelt ein Gefühl für die damalige Stimmung. Was wirklich toll geholfen hat, war ein Online-Archiv mit Feldpost der Soldaten. Dort sind über 2.000 Briefe an Familien und Freunde gesammelt und transkribiert.

Weser-Kurier: Das klingt interessant.

Kammerer: Das ist schon teilweise sehr aufschlussreich. Gar nicht so sehr, was die Soldaten schreiben, sondern eher, was sie nicht schreiben. Es wurde viel zensiert, aber man liest heraus, wenn sehr euphemistisch geschrieben wurde. Das ist schon eine Reise in die Vergangenheit, aus der ich viel gelernt habe.

Weser-Kurier: Außerdem haben Sie zur Vorbereitung viele Kriegsfilme gesehen. Inwiefern setzt "Im Westen nichts Neues" eigene Akzente?

Kammerer: Das Zitat zu Beginn beschreibt es ganz gut: Es ist weder eine Anklage noch eine Beichte. Der Film soll einfach nur darstellen und macht das meiner Meinung nach sehr, sehr gut. Er stellt nicht die Frage nach Schuld, die natürlich auch wichtig ist. Es bleibt die Zerstörung. Wie schon Romanautor Erich Maria Remarque sagte: Da ist eine Generation vernichtet worden, selbst wenn sie den Granaten entkam.

Am ersten Drehtag überhaupt "kommt der Zirkus in die Stadt"

Weser-Kurier: Sie kommen vom Theater, standen zuvor nie vor der Kamera. Wie haben Sie Ihren ersten Drehtag erlebt?

Kammerer: Da kommt der Zirkus in die Stadt! Mit so viel Ramba-Zamba hatte ich nicht gerechnet: Am Set stehen dann 400 Komparsen und 150 Leute aus der Crew auf 120.000 Quadratmetern nachgebautem Schlachtfeld, inklusive Panzern, Flammenwerfern und riesigen Explosionen. Da weiß man: Okay, jetzt zählt es. Wenn man einen Fehler macht, müssen 600 Leute wieder auf Anfang.

Weser-Kurier: Was war der größte Unterschied zum Theater?

Kammerer: Ein Theaterstück ist chronologisch, man durchlebt die ganze Geschichte von vorne bis hinten. Doch bei den Dreharbeiten zu "Im Westen nichts Neues" war mein erster Drehtag eine der letzten Szenen. Da musste ich mir ein gutes System ausdenken, wie ich auf Anschluss spielen kann, damit uns das Ding im Schnitt nicht um die Ohren fliegt.

Weser-Kurier: Wie sah dieses System aus?

Kammerer: Ich bin ein sehr analytischer Typ, arbeite gerne geordnet und mit Zahlen. So habe ich eine Möglichkeit gefunden, meinen Charakterverlauf in einer Excel-Tabelle auszudrücken. Diese Tabelle zeichnet mir dann eine grafische Darstellung mit Balken und Verläufen von Energiezuständen. Wie mit kleinen Rädchen kann man so seinen Zustand pragmatisch je nach Szene einstellen. Das ist sehr technisch, hilft mir aber ungemein, in der emotionalen Arbeit eine Freiheit zu entwickeln. Ich arbeite jetzt immer damit.

Weser-Kurier: Welche Rolle spielten Cast und Crew beim Eingewöhnungsprozess?

Kammerer: Alle Leute am Set waren eine Riesenhilfe. Angefangen bei Regisseur Edward Berger, ohne den ich das nicht geschafft hätte. Der wusste, wo ich herkomme, und war sehr liebevoll und verständnisvoll. Der ganze Cast war auch der Hammer. Die bekannten Schauspieler schüchtern einen zuvor vielleicht mit ihren Namen ein, aber in dem Moment, in dem man miteinander arbeitet, begegnet man sich auf Augenhöhe. Es gibt keine Allüren und geht freundschaftlich zu.

Von Christopher Schmitt