Collien Ulmen-Fernandes im Interview
"Jahrelang habe ich mir einreden lassen, ich kann nicht einparken, weil ich eine Frau bin"
Ihre Anfänge machte sie bei VIVA, es folgten zahlreiche Schauspiel- und Moderationsauftritte, und mittlerweile ist die gebürtige Hamburgerin Collien Ulmen-Fernandes auch als Autorin erfolgreich und steht mit ihrem ganzen Engagement für Produktionen vor der Kamera, die sich durch Relevanz auszeichnen. In der neuen "ZDFzeit"-Dokureihe "laut. stark. gleich. berechtigt." (ab Dienstag, 27. September, 20.15 Uhr, ZDF) begibt sich die Frau von Christian Ulmen auf Zeitreise und nimmt die Frauenbilder der vergangenen Jahrzehnte genauer unter die Lupe. Denn der Kampf um Gleichberechtigung ist noch lange nicht vorbei: "Expertinnen und Experten haben ausgerechnet, dass wir knapp 130 Jahren brauchen werden, bis wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben", erklärt Ulmen-Fernandes. Eine große Problematik stellten nach wie vor die Geschlechter- und Rollenbilder dar: "Schon als Junge lernt man, dass man eines Tages seine Familie ernähren können muss", weiß die Moderatorin, die am 26. September ihr 41. Lebensjahr vollendet. Frauen werde hingegen "beigebracht, dass sie für Erziehung und Haushalt zuständig sind". Mit ihrem Kinderbuch "Lotti & Otto" geht sie gegen Geschlechterstereotypen vor. Im Interview verrät sie, warum sie zuletzt auch schon mal als Rabenmutter beschimpft wurde.

Weser-Kurier: Wenn Sie eine Wikipedia-Seite erstellen müssten, wie würde Ihre Definition von Gleichberechtigung lauten?

Collien Ulmen-Fernandes: Puuh! Das Tolle an Wikipedia ist ja, dass man in aller Ausführlichkeit auf alles eingehen kann. Im Prinzip würde ich genau das machen, was wir in der dreiteiligen Dokureihe "laut.stark.gleich.berechtigt" machen: Einmal die Geschichte der Gleichberechtigung beziehungsweise die Geschichte des Kampfes um Gleichberechtigung aufschreiben. Deswegen gibt es auch mehrere Teile, weil das Thema sehr umfangreich und der Kampf noch lange nicht abgeschlossen ist.

Weser-Kurier: Ist es denn immer noch ein Kampf?

Ulmen-Fernandes: Oh ja. Jedenfalls werden wir in die Gleichstellung von Mann und Frau noch viel Zeit investieren müssen. Expertinnen und Experten haben ausgerechnet, dass wir knapp 130 Jahren brauchen werden, bis wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben - wenn wir in diesem Tempo weitermachen.

Weser-Kurier: Im Talk "Kölner Treff" sagten Sie unlängst, dass wir uns im Vergleich zu den 1950er-Jahren nicht wirklich weiterentwickelt haben ...

Ulmen-Fernandes: Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist es immer noch bei nur knapp über einem Prozent der Familien der Fall, dass die Mutter die Familienernährerin ist, also mehr verdient als der Mann. In allen anderen Fällen ist das nicht so. Das zeigt doch, wie weit wir eigentlich tatsächlich gekommen sind.

"Genau so habe ich es selbst aber auch erlebt"

Weser-Kurier: Was sind die Hauptursachen?

Ulmen-Fernandes: Es gibt immer noch bestimmte Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder. Ich war auch schon in Beziehungen, in denen ich die Miete bezahlt habe, weil ich mehr verdient habe als mein Partner. Vor ihren Freunden war den Kerlen das dann aber extrem unangenehm. Schon als Junge lernt man, dass man eines Tages seine Familie ernähren können muss - das setzt auch Männer ganz schön unter Druck. Frauen wird beigebracht, dass sie für Erziehung und Haushalt zuständig sind. Das sind Bilder, mit denen man aufwächst.

Weser-Kurier: Also geht es vor allem um die Erziehung, wenn wir über manifestierte Geschlechterbilder reden?

Ulmen-Fernandes: Definitiv! Das ist mir neulich erst wieder in den Sinn gekommen. Früher habe ich Bilder gemalt, auf denen die Frau immer am Herd zu sehen war und der Mann von der Arbeit nach Hause kam. Währenddessen habe ich mir überlegt, was ich später für meinen Mann kochen und wie ich ihn versorgen könnte. Wenn man es immer nur so herum sieht, kann man es sich andersrum gar nicht vorstellen. Daher sollte man auf vielfältige Rollendarstellungen achten. Genau das versuche ich auch mit meinem Kinderbuch "Lotti & Otto".

Weser-Kurier: Was muss getan werden, um Genderklischees abzubauen?

Ulmen-Fernandes: Wir müssen aufhören, bei Geschlechtern zu unterscheiden. Das haben wir bei unserem ehemaligen Kindermädchen festgestellt. Meinem Stiefsohn hat sie andere Sachen beigebracht als meiner Tochter. Als ich sie darauf ansprach, meinte sie, dass er als Junge eben andere Dinge können müsse als sie als Mädchen. Genau so habe ich es selbst aber auch erlebt.

Weser-Kurier: Haben Sie ein Beispiel?

Ulmen-Fernandes: Mein Vater hat immer all meinen Partnern Werkzeugkoffer geschenkt, damit sie die Reparaturen im Haus übernehmen können. Das habe ich nie hinterfragt. Erst vor einigen Jahren habe ich mir die Frage gestellt, warum mein Vater mir nie einen geschenkt hat. Insgesamt habe ich viel erlebt, was ich früher nie hinterfragt habe.

Weser-Kurier: Erzählen Sie!

Ulmen-Fernandes: Puh! Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll (lacht). Ich bin mal einen Sportwagen gefahren. Jedesmal, wenn ich einparken wollte, haben Männer an meine Scheibe geklopft und mir ihre Hilfe angeboten. Ich habe mir nie etwas dabei gedacht und dachte einfach: "Klar, warum nicht? Männer können eben einfach besser einparken." Bis ich irgendwann merkte, dass ich es selbst in die allerkleinste Parklücke schaffe. Jahrelang habe ich mir das einreden lassen: Ich kann nicht einparken, weil ich eine Frau bin. Es gibt dazu viele Studien zum Thema Stereotype, die zeigen: wenn dir immer jemand einredet, du könnest etwas nicht, versuchst du es gar nicht erst.

"Ab einem gewissen Alter werden Frauen medial unsichtbar"

Weser-Kurier: Also dann: Was wurde in den letzten Jahren bei Gleichberechtigung falsch gemacht?

Ulmen-Fernandes: Ich nenne hier mal das Gendermarketing. Das haben wir in einer anderen ZDF-Dokumentation mit dem Titel "No More Boys and Girls" in aller Ausführlichkeit beleuchtet. Zuerst besuchten wir eine Schulklasse, in der alle Kinder in unserem Fragebogen ankreuzten, dass Geldverdienen Männersache sei und sich um Kinder kümmern Frauensache. Kein Wunder, wenn man sich in der Kinderwelt umschaut. Diese ist weit stereotyper als die Realität. Ich habe mir mal das Bücherregal meiner Tochter angesehen - in allen Büchern, bis auf eine Geschichte, bringt die Mutter die Kinder ins Bett, und der Vater kommt von der Arbeit nach Hause. Genau dagegen wollte ich auch mit meinem Kinderbuch anarbeiten. In Spielwarenkatalogen stehen vorwiegend Mädchen in der Kinderküche, daneben ein Junge in einem beruflichen Kontext, als Feuerwehrmann oder Polizist verkleidet.

Weser-Kurier: Haben Sie selbst etwas Neues durch den Dreh gelernt?

Ulmen-Fernandes: Ja. Ich habe ganz viel Neues über die Vergangenheit erfahren. Dass der DFB die Frauenfußballmannschaft nach dem EM-Sieg 1989 nicht mit Geld prämierte, sondern mit einem Kaffeeservice. Oder dass es erst seit 1997 strafbar ist, wenn Ehemänner ihre Frauen vergewaltigen. Da war ich bereits auf der Welt. Das ist unfassbar! Es gibt einige historische Fakten, die mir so nicht bewusst waren.

Weser-Kurier: Wie würden Sie das aktuelle Frauenbild beschreiben?

Ulmen-Fernandes: Ab einem gewissen Alter werden Frauen medial unsichtbar. Die Schauspielerin Maria Furtwängler hat dazu eine tolle Studie gemacht, die das TV-Programm analysierte und eindeutig aufzeigt: Je älter die Frau, desto mehr rückt sie in den Hintergrund. Das Geschlechterverhältnis bei den über Fünfzigjährigen sieht so aus: Eine Frau auf acht Männer.

"Es tut sich einiges in der deutschen Entertainment-Branche"

Weser-Kurier: Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere auch das Gefühl gehabt, dass Sie wegen Ihres Geschlechts in ein Rollenbild gezwängt werden?

Ulmen-Fernandes: Ja, und zwar permanent. Als Frau bekommt man andere Anfragen als die Männer. Bei VIVA gab es eine Hairstyling-Sendung und dafür wurden nur Moderatorinnen angefragt. Und da dachte ich mir: Warum fragt man nicht zum Beispiel Klaas Heufer-Umlauf? Der ist immerhin gelernter Frisör. Aber man kommt gar nicht darauf die männlichen Kollegen zu fragen.

Weser-Kurier: Was muss getan werden, um im Entertainment-Bereich mit Genderklischees aufzuräumen?

Ulmen-Fernandes: Um es mal positiv zu sehen, es tut sich einiges in der deutschen Entertainment-Branche. Für eine gewisse Zeit wurde ich bei Showmoderationen nur für den Backstage-Bereich angefragt, weil das eben das war, wofür die Frauen zuständig waren. Der Mann steht als Haupt-Host auf der Bühne, während die Frau hinten kurz vor der Werbung eine Gewinnspiel-Nummer vorliest, am besten in einem Glitzerkleid. Die Hierarchie war klar: Der Mann steht auf der Hauptbühne, sie lächelt hinter der Kulisse. Man sieht diese Rollenverteilung zwar immer noch sehr häufig und die Kombi weiblicher Haupt-Host, männlicher Co-Moderator viel zu selten, trotzdem habe ich das Gefühl, dass es inzwischen ein neues Bewusstsein dafür gibt.

Weser-Kurier: Gibt es bei Ihnen zu Hause auch eine gewisse Rollenverteilung?

Ulmen-Fernandes: Zwangsweise, weil man es so lernt. Frauen lernen die Zuständigkeit für Kind und Haushalt, was ich erst abschütteln musste. Deswegen habe ich meinen Mann stärker in die Pflicht genommen - was viele immer noch sehr befremdlich finden. Wenn ich im Ausland drehe, werde ich oft als Rabenmutter beschimpft. Dreht mein Mann in einem anderen Land, sagt niemand irgendetwas.

Von Aylin Rauh