15 Jahre "Dahoam is Dahoam"
Eisi Gulp: "Ich plädiere nicht fürs Kiffen!"
Im Kino ist Eisi Gulp seit 2013 regelmäßig als Papa Eberhofer zu sehen. Auch im TV ist der Schauspieler, der seinen Durchbruch 1985 an der Seite von Marianne Sägebrecht in Percy Adlons Film "Zuckerbaby" feierte, nicht mehr aus der 2007 gestarteten Daily "Dahoam is Dahoam" (montags bis donnerstags, 19.30 Uhr) wegzudenken. Klar, dass auch Gulp mit von der Partie ist, wenn der Bayerische Rundfunk ab Montag, 3. Oktober, das 15-jährige Bestehen der Serie mit einer Jubiläumswoche feiert. Weshalb er lieber für die BR-Produktion als den "Tatort" vor der Kamera steht, erzählt der 66-Jährige nun im Interview - und er sinniert obendrein über Drogenprävention, deutsches "Gezeter" und seine kritische Haltung gegenüber der kürzlich verstorbenen Queen.

Weser-Kurier: Sie sind seit 2014 Teil von "Dahoam is Dahoam". Hätten Sie damals gedacht, dass Sie so lange dabei bleiben werden?

EIsi Gulp: Auf keinen Fall! Ich war nie scharf auf eine langfristige Rolle. Außerdem hatte ich einen fast schon arroganten Blick auf Dailys. Wenn man als Schauspieler noch nie Teil einer solchen Produktion war, weiß man eigentlich gar nicht, wie anspruchsvoll das sein kann.

Weser-Kurier: Weshalb sind Sie geblieben?

Gulp: Letztendlich haben mich die Arbeitsatmosphäre und das Umfeld überzeugt. Das Team ist wie eine große Familie. Das ist etwas Besonderes. Es macht mir Spaß, ans Set zu fahren. Auch, weil es angenehm ist, alle Kollegen gut zu kennen. Zudem werden die Drehbedingungen bei vielen anderen Produktionen immer brutaler: Ein 90-minütiger Tatort wird mittlerweile in 18 Tagen gedreht. Das bedeutet wahnsinnig viel Stress. Für mich ist das keine schöne Art zu arbeiten. Ich habe in den 80-ern angefangen, und damals war alles noch viel entspannter.

Weser-Kurier: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sich die Drehbedingungen so gewandelt haben?

Gulp: Das ist doch in der gesamten Arbeitswelt so. Alles wird komprimierter, alles dreht sich hauptsächlich um Leistung und Effizienz. Die Arbeit muss schnell gehen und soll möglichst viel Geld einbringen. Ich finde, das zieht sich quer durch alle Bereiche.

Keine Lust auf Reality-TV: "Ich will mich morgens noch im Spiegel ansehen können"

Weser-Kurier: Nun sind Sie ja zum Glück bei "Dahoam is Dahoam" gelandet. Sind Sie durch Ihre Rolle auch als Zuschauer offener für ähnliche Formate geworden?

Gulp: Nicht wirklich. Obwohl ich selbst vor der Kamera stehe, bleibt der Fernseher bei mir meistens aus. Wenn ich etwas sehen will, suche ich das gezielt und bewusst in den Mediatheken. Rumzappen mag ich gar nicht. Ich kann, von Ausnahmen abgesehen, wenig mit Privatsendern anfangen.

Weser-Kurier: Im Reality-TV wird man Sie also nie zu sehen bekommen?

Gulp: Man hat mich tatsächlich schon für diverse Formate angefragt. Ich habe immer dankend abgelehnt. Das ist nicht meine Welt. Ich will mich morgens noch im Spiegel ansehen können.

Weser-Kurier: Nach Lansing passen Sie sowieso besser: Die Rolle von Sascha Wagenbauer scheint Ihnen auf den Leib geschneidert zu sein ...

Gulp: Das stimmt aber nicht. Ich musste mir die Figur durchaus erst aneignen und mit der Zeit zurechtlegen. Man gibt mir Gott sei Dank auch relativ viel Freiheit. Außerdem setze ich das Skript selten so um, wie es geschrieben ist. Ich orientiere mich eher daran. Wenn man einigermaßen authentisch sein möchte, dann muss man so plappern dürfen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Dabei kommt mir natürlich entgegen, dass ich Bairisch sprechen darf.

Weser-Kurier: Sie selbst sind in München geboren und aufgewachsen - leben aber seit über 30 Jahren auf dem Land. Glauben Sie denn, dass es Sie jemals wieder in die Stadt verschlagen wird?

Gulp: Eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen. Ich wüsste auch nicht, warum ich das tun sollte. In der Stadt ist mir mittlerweile alles zu viel und zu laut. Klar: Ich liebe München nach wie vor. Ab und zu zieht es mich auch in die Stadt, dann genieße ich das für ein paar Stunden. Aber dort leben? Dafür geht es mir hier auf dem Land viel zu gut!

Weser-Kurier: Welche Vorteile hat das Landleben für Sie?

Gulp: Ich wohne in einem ganz kleinen Dorf. Hier schlafe ich in völliger Ruhe. Wenn ich aus dem Fenster schaue, habe ich nur Grün und Wälder um mich herum. Das tut der Seele gut! Da ich durch meinen Job sowieso überall und nirgendwo arbeite und viel mit dem Auto unterwegs bin, bin ich immer sehr froh, wenn ich in mein kleines Refugium zurückkehren kann. Abgesehen davon ist auch das Stadt-Land-Gefälle nicht mehr so wie früher. Es gibt hier im Chiemgau alles, was es auch in der Stadt gibt. Ich muss dann zwar mit dem Auto fahren - dafür finde ich hier, im Gegensatz zur Stadt, überall einen Parkplatz.

"Ich kann mir dieses typische Rentnerdasein gar nicht vorstellen"

Weser-Kurier: Es gibt noch einen weiteren Ort, den Sie als Ihre zweite Heimat bezeichnen: Kenia. Können Sie sich vorstellen, eines Tages dauerhaft dorthin zu ziehen?

Gulp: Zumindest habe ich schon darüber nachgedacht. Vielleicht könnte Kenia eines Tages mein Altersruhesitz werden - aber ich bin noch sehr weit vom Ruhestand entfernt, dafür bin ich noch zu fit und aktiv. Momentan könnte ich weder hier noch dort das ganze Jahr aushalten.

Weser-Kurier: Wieso nicht?

Gulp: Mir macht die Kälte zu schaffen. Je älter ich werde, umso weniger mag ich graues Winterwetter. Andererseits freut es mich, wenn in Deutschland die Jahreszeiten wechseln und es Frühling wird. Im Winter bin ich aber gerne im Warmen.

Weser-Kurier: Nur einer der Gründe, weshalb Sie schon seit Jahren regelmäßig nach Kenia reisen, wo Sie unter anderem ein Waisenhaus aufgebaut haben.

Gulp: Genau. Um das Waisenhaus und mein Schulprojekt möchte ich mich in Zukunft auch vehementer kümmern. Ganz damit aufhören, nach Kenia zu reisen, werde ich also sicherlich nie. Wer weiß, vielleicht bleibe ich irgendwann auch dort. Das wird die Zeit zeigen.

Weser-Kurier: Sie sind 66 Jahre alt. Da fängt bekanntlich das Leben an - oder zumindest der Ruhestand.

Gulp: Ich kann mir dieses typische Rentnerdasein gar nicht vorstellen. Es ist wichtig, dass man ein bisschen Struktur im Leben hat. Es gibt viele Menschen, die 40 Jahre lang arbeiten, in Rente gehen und dann nichts mit sich anzufangen wissen. Das habe ich eigentlich nicht vor.

Weser-Kurier: Wie schaffen Sie es, sich so fit zu halten?

Gulp: Ich bin sehr aktiv. Mir ist es wichtig, sowohl in der Birne als auch körperlich auf mich achtzugeben. Natürlich hatte ich zwischendurch auch schon mit dem ein oder anderen Zipperlein zu kämpfen, aber gegen die meisten Dinge kann man selbst so einiges tun. Ärzte sehen mich so gut wie gar nicht. Lediglich meine Augen waren wegen eines Grauen Stars nicht mehr so gut in Schuss, deshalb habe ich mir neue Linsen einsetzen lassen. Das war übrigens die beste Investition meines Lebens (lacht).

"Wir haben wirklich Luxusprobleme"

Weser-Kurier: Zurück zum Thema Kenia: Wie lassen sich Ihre langen Reisen und Ihr Beruf vereinbaren?

Gulp: Ich kann meine Arbeitszeit auf zehn Monate verteilen. Zwei Monate Drehpause im Winter brauche ich, um nach Kenia zu reisen und mich um meine Projekte zu kümmern. Aus diesem Grund hatte ich auch die Idee, dass Sascha, den ich bei "Dahoam is Dahoam" spiele, immer wieder als Entwicklungshelfer nach Afrika reist. So funktioniert das ganz gut.

Weser-Kurier: War es Ihnen in den vergangenen Jahren während der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen überhaupt möglich, nach Kenia zu fliegen?

Gulp: Es war kompliziert, aber machbar und sehr, sehr lehrreich. Ich bin froh, dass ich auch in dieser Zeit vor Ort war. Die Kenianer sind ganz anders mit der Pandemie umgegangen als die Menschen in Deutschland. Das elendige Gejammer und die völlig übertriebenen Reaktionen auf die Maskenpflicht und die Impfungen hierzulande sind schlichtweg lächerlich.

Weser-Kurier: Welche Unterschiede gab es?

Gulp: Zum Beispiel habe ich die Leute in Kenia gefragt, ob es ihnen auf den Senkel geht, Maske tragen zu müssen. Keiner hat verstanden, warum ich so eine Frage überhaupt stelle - und das, obwohl es dort sehr viel heißer und somit unangenehmer ist, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Das zeigt einmal mehr, wie unbegründet das Gezeter bei uns ist. Wir haben wirklich Luxusprobleme. Das lässt sich zurzeit auch wieder ganz gut beobachten.

Weser-Kurier: In welcher Hinsicht?

Gulp: Naja: Es ist überhaupt nicht abzustreiten, dass der Krieg in der Ukraine auch bei uns Folgen hat, vor allem für ärmere Menschen. Natürlich trifft es eine alleinerziehende Mutter hart, wenn die Heizkosten hochschnellen. Nichtsdestotrotz ist der Großteil der Bevölkerung hierzulande privilegiert im Vergleich zu den Menschen in weiten Teilen Afrikas und Asiens. Dazu kommt, dass wir, die "entwickelten Länder", die großen Nutznießer der sogenannten "Entwicklungsländer" sind. Ich denke, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Wohlstand, insbesondere der westlichen Welt, und der Armut vieler Länder der sogenannten "Dritten Welt" gibt. Geben und nehmen sind in dieser Beziehung traditionell sehr ungleich verteilt.

Weser-Kurier: Legen Sie deshalb so viel Wert darauf, etwas zurückzugeben?

Gulp: Geplant habe ich das nie. Es hat sich einfach so ergeben. Mir wurde eines Tages einfach bewusst, dass ich in Kenia mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, tatsächlich etwas bewegen kann. Mehr, als es in Deutschland möglich wäre.

Nein zu Drogen, Ja zu Cannabis?

Weser-Kurier: Doch auch hier sind Sie nicht untätig, immerhin engagieren Sie sich bereits seit Jahren für Drogenprävention.

Gulp: Klar, ich möchte mit meiner Arbeit auch etwas Sinnvolles bewirken. In Kenia kann ich als Künstler oder Komiker nicht viel machen. Das liegt nicht nur an der Sprache, es ist auch einfach ein ganz anderer kultureller Background, ein anderer Humor. In Deutschland klappt das besser. Mein Bühnenprogramm "Hackedicht" war anfangs nicht als Präventionsprojekt geplant, sondern ich wollte einfach als Kabarettist über das Thema Drogen sprechen. Erst, als immer wieder Lehrer auf mich zukamen und meinten, das Programm wäre ideal für Schulen geeignet, ging es in eine andere Richtung. Mittlerweile ist es ein Dauerbrenner.

Weser-Kurier: Woran liegt das?

Gulp: Wenn man lachen kann, ist man entspannt. Und wenn man entspannt ist, ist man aufnahmefähiger für Informationen. Auch für Informationen über Drogen.

Weser-Kurier: Obwohl Sie sich für Drogenprävention einsetzen, befürworten Sie die Legalisierung von Cannabis. Manch einer würde behaupten, das passt nicht zusammen ...

Gulp: Das passt sehr wohl zusammen. Es lässt sich leicht erklären: Cannabis wird so oder so konsumiert werden, genauso wie andere Drogen, Zigaretten oder Alkohol. Daran kann man nichts ändern, schon gar nicht mit einer Verbotspolitik. Die treibt Konsumenten lediglich in die Illegalität. Dadurch entstehen viel größere Probleme. Man muss nur einen Blick nach Portugal werfen.

Weser-Kurier: Dort wurden Drogen bereits vor Jahren entkriminalisiert.

Gulp: Das heißt nicht, dass der Handel dort erlaubt ist! Der Erfolg gibt Portugal recht. Die harte Drogenszene ist in den letzten Jahren extrem zurückgegangen, stattdessen wird mehr Cannabis konsumiert. Und Wein, denn den lieben die Portugiesen bekanntlich (lacht).

Weser-Kurier: Sie halten Cannabis also für unbedenklich?

Gulp: Was Drogen angeht, ist Cannabis die einzige Substanz, die weder überdosiert werden noch jemanden töten kann. Man müsste eigentlich eher von einer medizinischen Heilpflanze als von einer Droge sprechen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich plädiere nicht fürs Kiffen! (lacht)

Weser-Kurier: Wofür dann?

Gulp: Ich plädiere ganz einfach dafür, dass man diese Pflanze wieder sinnvoll einsetzt. Nutzhanf ist einer der am besten nachwachsenden Rohstoffe. Uns entgeht aufgrund dieser Dämonisierung seit Jahren die Möglichkeit, Kunststoffe biologisch abbaubar aus Hanf herzustellen. Hätte man das schon früher getan, wären unsere Meere nicht voll mit Plastikmüll. Dasselbe trifft auf Bereiche wie die Textil- oder Papierverarbeiten zu. Es gibt zigtausend Verwendungsmöglichkeiten für diese Pflanze! Dass wir uns die nicht zunutze machen, ist pure Idiotie. Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb Wissenschaft und Politik das Potenzial von Hanf als Nutzpflanze nicht erkennen.

"Ich kann den Personenkult um das englische Königshaus nicht nachvollziehen"

Weser-Kurier: Die aktuelle Bundesregierung hat immerhin die Cannabis-Legalisierung versprochen. Bis es wirklich so weit ist, dürfte es aber noch ein wenig dauern ...

Gulp: Das Thema hat eben keine Priorität. Es ist wie mit der unlängst verstorbenen Queen: Seit ihrem Tod lese ich immer wieder, wie Menschen im Internet schreiben, sie sei eine so tolle Frau gewesen. Ob das so ist, sei dahingestellt, aber wenn ich so einen Einfluss hätte, würde ich alles daransetzen, etwas zu verändern.

Weser-Kurier: Inwiefern?

Gulp: Warum hat die Queen nicht die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte angestoßen? Oder sich um die Belange des Klimawandels gekümmert? Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn die Königin von England einen Teil ihres Vermögens in die Forschung oder Entwicklungshilfe gesteckt und alle Milliardäre aufgefordert hätte, es ihr gleichzutun? Sie war sicherlich kein schlechter Mensch und hat sehr intelligente Reden gehalten. Aber: Die Queen hätte viel mehr bewegen können. Auch hier denke ich, dass es einen Zusammenhang, zwischen dem Reichtum Großbritanniens und der relativen Armut vieler ehemaliger Kolonien gibt. Ich kann den Personenkult um das englische Königshaus nicht nachvollziehen.

Weser-Kurier: Apropos Personenkult: Wie gut kommen Sie mit Ihrer eigenen Berühmtheit zurecht?

Gulp: Kommt ganz drauf an. Seit ein paar Jahren geht es schon extrem ab. Auf die Wiesn mag ich zum Beispiel nicht gehen. Volksfeste sind ohnehin nicht meine Abteilung. Aber ja: Wenn ich dorthin gehe, werde ich inzwischen meines Lebens nicht mehr froh. Vor allem, wenn die Leute besoffen sind, kann das durchaus unangenehm werden.

Weser-Kurier: Wieso?

Gulp: Es sind zum Glück nicht alle so. Viele Begegnungen sind angenehm und nett, da gebe ich dann gern ein Autogramm oder mache ein Foto, kein Problem! Es gibt aber auch brutale Trampeltiere. Wenn ich gerade esse und mich plötzlich jemand schüttelt und auf mich einredet, ist das einfach unhöflich. Die Leute denken, einen zu kennen. Man wird zum Allgemeingut.

Von Franziska Wenzlick