Friedrich Mücke im Interview
"Mir gelingt es nicht immer, ein guter Mensch zu sein"
Moralinsauer ist Friedrich Mücke beim besten Willen nicht. Vielmehr tut der dreifache Vater es den Machern seiner neuen Serie "LIBERAME - Nach dem Sturm" (ab Montag, 5. September, 20.15 Uhr, im ZDF, vorab in der Mediathekt) gleich und verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger - auch dann, wenn sich eben doch alles um moralische Fragen dreht. So wird der 41-Jährige in der ZDF-Produktion zu Jan, einem auf den ersten Blick recht anständigen Typen, der bei einem Segeltörn auf dem Mittelmeer unerwartet mit seinem eigenen Gewissen konfrontiert wird. Ein seeuntüchtiges Flüchtlingsboot muss abgeschleppt werden, die Küstenwache ist per Funk nicht zu erreichen. Jan und seine Freunde stecken in einem Dilemma: Man ist verpflichtet, auf hoher See Hilfe zu leisten, darf Geflüchtete in Europa aber nicht an Land bringen. "Für Jan", sagt Friedrich Mücke im Interview, "geht es nur ums Überleben". An das Gute in seiner Serienrolle glaubt der Schauspieler ("Vaterfreuden", "Funeral for a Dog") trotzdem.

Weser-Kurier: Herr Mücke, sind Sie ein guter Mensch?

Friedrich Mücke: Ich hoffe doch! (lacht) Im Ernst: Ich denke schon, dass ich meistens in der Absicht handle, nichts Böses zu tun. Klar, mir gelingt es nicht immer, ein guter Mensch zu sein. So geht es aber vermutlich den meisten Leuten. Manchmal hat man eben auch dunkle Gedanken, reagiert zu impulsiv, beleidigt oder kränkt sogar jemanden. Das ist aber vollkommen natürlich. Ich würde sagen: Ja, ich bin ein guter Mensch.

Weser-Kurier: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Menschen aus?

Mücke: Diese Frage beschäftigt mich im Moment tatsächlich sehr. Empathie und Mitgefühl zählen auf jeden Fall dazu. Nicht gewalttätig zu sein, andere Menschen zu respektieren, tolerant zu sein - all das ist wichtig, aber ich bin mir nicht sicher, wo man die Grenze ziehen soll. Vielleicht macht es jemanden schon zu einem guten Menschen, immer wieder innezuhalten und das eigene Handeln zu hinterfragen.

Weser-Kurier: Hat sich Ihr Anspruch an sich selbst diesbezüglich mit der Geburt Ihrer Kinder verändert?

Mücke: Ja, total. Ich sehe mich als Vorbild für meine Kinder. Natürlich will ich ihnen zeigen, was es heißt, ein guter Mensch zu sein. Manchmal funktioniert das aber auch andersherum.

Weser-Kurier: Inwiefern?

Mücke: Na, dann zeige ich meinen Kindern eben, was es heißt, auch mal nicht die bestmögliche Version von sich selbst zu sein (lacht). Ich finde es wichtig, offenzubleiben und es anzusprechen, wenn man sich als Vater nicht perfekt verhalten hat. Das hat ja auch einen Lerneffekt. Ich will meinen Kindern nicht beibringen, dass im Leben ständig alles reibungslos und friedlich läuft.

"Ich führe keine komplexen politischen Gespräche mit meinen Kindern"

Weser-Kurier: Wie gehen Sie in Ihrer Erziehung mit Themen wie dem Krieg in der Ukraine um?

Mücke: Es ist schwierig. Ich bin sehr dankbar, dass es Kindernachrichtensendungen wie "logo" gibt. Eigentlich wissen aber auch die Jüngsten ohne Nachrichten, was auf der Welt passiert. Meine Kinder bekamen das auch so mit. Zum Beispiel, als sie in der Schule plötzlich ukrainische Klassenkameradinnen und -kameraden hatten.

Weser-Kurier: Wie besprechen Sie solche Situationen innerhalb Ihrer Familie?

Mücke: Wir reden viel. Trotzdem warte ich meistens ab, bis die Fragen von selbst kommen. Ich führe keine komplexen politischen Gespräche mit meinen Kindern, aber ich kann ihnen durchaus kindgerecht erklären, was Krieg bedeutet. Und ich kann ihnen - um noch einmal darauf zurückzukommen - Werte wie Empathie und Mitgefühl mit auf den Weg geben. Und sie sehen es auch im Bekanntenkreis: In meinem Umfeld engagieren sich viele Menschen und tun wirklich alles, um zu helfen. Nicht nur jetzt, sondern zum Beispiel auch vor sieben Jahren, als viele Menschen aus Syrien flüchteten.

Weser-Kurier: Ihre neue Serie erinnert an Zeiten, in denen die Aufnahme von Geflüchteten für viele Menschen nicht so selbstverständlich war wie heute.

Mücke: Jetzt ist eine komplett andere Situation. Es geht meiner Meinung nach um die Sichtbarkeit und die nahe Erfahrung von Mitgefühl. Ich möchte das gar nicht kritisieren. Problematisch wird es eben dann, wenn man anfängt, Geflüchtete zu kategorisieren. Leben ist Leben und zu hundert Prozent schützenswert. Es gibt einen Beitrag vom RBB mit dem Titel "Die auf dem Meer, die sieht man nicht". Ich denke, auch damit hat die aktuelle Hilfsbereitschaft Geflüchteten aus der Ukraine gegenüber zu tun. Wir sehen sie. Wir sehen uns. Und wir müssen uns entsprechend verhalten! Aber die auf dem Meer, die sind nicht im Blickfeld. Auch, wenn die Serie sie jetzt einmal sichtbar macht - es bleibt ein hochtragischer Zustand.

"Man sollte sich seiner Reichweite bewusst sein"

Weser-Kurier: Müssen Filme oder Serien solche Themen aufgreifen, um gesellschaftlich relevant zu sein?

Mücke: Ganz klar: Nein.

Weser-Kurier: Sondern?

Mücke: Ich meine, sie müssen es nicht per se, sie können es aber. Daher kann man vielleicht auch sagen, sie sollten es tun. Ich bin aber der Ansicht, dass Filme und Serien auch einfach nur unterhalten dürfen oder vom Alltag ablenken - oder beides. Sogar dann ist es möglich, dass sie relevant sind. Nicht jede Absicht, eine Geschichte mit Relevanz zu erzählen, muss eine politische sein.

Weser-Kurier: Bei "Liberame - Nach dem Sturm" ist die politische Relevanz allerdings glasklar zu erkennen.

Mücke: Natürlich, und es ist wichtig, davon zu erzählen. Bei aller Brisanz dreht sich aber auch diese Serie nicht ausschließlich um das Thema Flucht. Wir versuchen auch, auf beiden Seiten - der deutschen Segler und der Geflüchteten - von großen, moralischen Fragen zu erzählen, die auch in einen anderen Kontext gestellt werden können.

Weser-Kurier: Sind Sie der Ansicht, dass Sie als Schauspieler Stellung zu gesellschaftlichen Themen beziehen müssen?

Mücke: Es kommt darauf an, in welcher Form und in welcher Art und Weise. Ich als Schauspieler bin ja auch immer ich als Mensch. Daher: Grundsätzlich denke ich das nicht. Man sollte sich seiner Reichweite bewusst sein. Es ist sicherlich wichtig, zu wissen, dass man als öffentliche Person Einfluss hat. Ich denke mir: Nutze es, wenn du es möchtest. Oder lass es eben. Das sollte jeder selbst entscheiden können. Das Wort "müssen" finde ich in dem Zusammenhang eher schwierig.

"Ich bin ein politischer Mensch, aber kein besonders lauter"

Weser-Kurier: Würden Sie sich als politischen Menschen bezeichnen?

Mücke: Ich setze mich schon mit politischen Themen auseinander. Ja, ich bin ein politischer Mensch, aber kein besonders lauter. Ich bin informiert und habe auch klare Haltungen, aber es gibt andere, die weitaus klarer damit nach außen treten. Ich habe Freunde, die immer wieder unermüdlich, auch öffentlich, für das kämpfen, was ihnen wichtig ist. Um Ihre vorherige Frage noch einmal aufzugreifen: Das sind für mich gute Menschen. Keine Gutmenschen, sondern wirklich gute, anständige Leute.

Weser-Kurier: Worin liegt der Unterschied? Auch Ihre Serienfigur wird in einer Folge abfällig als "Gutmensch" bezeichnet.

Mücke: Für mich besteht der Unterschied darin, dass ein guter Mensch anderen nicht nur für den möglichen Applaus unter die Arme greift. Einem Gutmenschen hingegen liegt mehr daran, sich selbst zu präsentieren.

Weser-Kurier: Und was davon trifft auf Ihre Serienrolle wirklich zu? Gutmensch oder guter Mensch?

Mücke: Darum geht es gar nicht so sehr. Jan muss - wie alle anderen auch - eine Entscheidung treffen. Es stellt sich dabei nicht die Frage, ob er ein Gutmensch oder ein guter Mensch ist. Für ihn geht es nur ums Überleben. Und darum, ob das Ich womöglich vor dem Wir kommt. Das ist die entscheidende Frage.

"Einen Serienkiller zu spielen, wäre eher nichts für mich"

Weser-Kurier: Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Mücke: Ich fand den Konflikt sagenhaft spannend. Wie man mit einem solchen moralischen Dilemma umgeht, ist sehr interessant. Zudem hat mich unser Regisseur Adolfo Kolmerer vom ersten Gespräch an beeindruckt.

Weser-Kurier: Wie entscheiden Sie, welche Jobs Sie annehmen - und welche nicht?

Mücke: Die Rolle ist das Entscheidende. Ist sie für mich interessant? Ganz simpel. Oft geht es auch um die Konstellation von Menschen. Wer macht mit? Und warum? Das finde ich wahnsinnig wichtig. Das Team muss passen. Ansonsten nehme ich nichts an, das mir langweilig erscheint oder schon dreimal erzählt wurde.

Weser-Kurier: Welche Angebote würden Sie niemals annehmen?

Mücke: Kann ich gar nicht so sagen. Einen größeren Respekt habe ich vielelicht Figuren gegenüber, die etwas unheimlicher daherkommen. Serienkiller zum Beispiel. Brutaler Charaktere. Eine gewisse Neugier kann ich aber nicht verleugnen. Mich nehmen meine Rollen meistens sehr mit. Deshalb sind so abgrundtiefe Stoffe eher schwierig für mich..

Weser-Kurier: Wie macht sich das bemerkbar?

Mücke: Es bleibt im Körper. Bei zu extremen Figuren fühle ich mich einfach nicht wohl. Man kann sich aber gewisse Rituale aneignen, um besser abschalten zu können. Daran arbeite ich im Moment.

Weser-Kurier: Gibt es Rollen, die Sie aus heutiger Sicht bereuen?

Mücke: Gewissermaßen. Gerade zu Beginn meiner Karriere habe ich sicherlich auch mal einen Job angenommen, nur, um überhaupt irgendwo mitzuspielen. Dass ich diese Rollen wirklich bereue, kann ich so aber auch nicht sagen. Ich wusste es damals nicht besser, also wäre es blöd, mir das selbst vorzuwerfen.

"Momentan hätte ich überhaupt keine Lust auf Theater"

Weser-Kurier: Ihre Anfänge haben Sie beim Theater gemacht. Können Sie sich vorstellen, eines Tages auf die Bühne zurückzukehren?

Mücke: Sag niemals nie. Ich tendiere aber zu: Nein.

Weser-Kurier: Wieso?

Mücke: Momentan hätte ich überhaupt keine Lust auf Theater. Vielleicht bin ich in zehn oder 20 Jahren anderer Meinung, aber aktuell interessiere ich mich zu wenig dafür. Spannender fände ich stattdessen die Idee, ein hybrides Projekt umzusetzen. Zum Beispiel, ein Theaterstück zu verfilmen oder auch die verschiedenen Welten und Genres zu vermischen.

Weser-Kurier: Sie waren zu Beginn Ihrer Karriere vor allem in Komödien zu sehen. Für welches Genre schlägt Ihr Herz?

Mücke: Mittlerweile vermisse ich Comedy sehr. Ich liebe Drama und will das auch weiterhin machen, aber ich hätte sicherlich mal wieder Spaß daran, einen lustigen Film zu drehen. Das wäre auch tatsächlich etwas, das ich gerne auf der Theaterbühne umsetzen würde: eine richtige Haudrauf-Komödie, ein Slapstick-Stück.

Weser-Kurier: Wie darf man sich das vorstellen?

Mücke: Mit allem drum und dran: Stolpern, sich in dummen Kostümen zum Affen machen, eine Tür ins Gesicht geschlagen bekommen. Ich bin gerne albern. Das müsste aber unbedingt auf der Bühne stattfinden, weil es sehr körperlich ist und die direkte Resonanz des Publikums wichtig ist.

Weser-Kurier: Welche Genres schauen Sie selbst?

Mücke: Viel Sport!

Weser-Kurier: Fußball?

Mücke: Nicht unbedingt (lacht). Ich mag zum Beispiel Basketball. Natürlich laufen bei mir aber auch Filme und Serien, ich gehe auch ganz gerne ins Kino. Wie wohl die meisten Menschen heutzutage habe auch ich viel zu viele Streamingdienste abonniert.. Außerdem schaue ich Dokumentarfilme. Was ja ganz toll ist, da das Genre in den letzten Jahren einen ziemlichen Aufschwung erlebt.

Von Franziska Wenzlick