Erinnerungen an eine große Schauspielerin
Die letzte deutsche Diva: Hannelore Elsner wäre heute 80 Jahre alt geworden
Am 21. April 2019 verlor der deutsche Film eine seiner großen Charakterdarstellerinnen. Hannelore Elsner erlag in einem Münchener Krankenhaus einer kurzen, schweren Krebserkrankung. Es hätte der Diva in ihr vielleicht gut gefallen, dass ihr Tod auf einen Ostersonntag fiel. "Passionsspiele" passten gut zur großen Schauspielkunst der Frau aus dem bayerischen Burghausen. Hannelore Elsner arbeitete offenbar bis zuletzt. Nach ihrem Tod erschienen noch mehrere, oft beeindruckende Arbeiten wie der Frankfurter "Tatort: Die Guten und die Bösen" oder das tragikomische Mutter-Tochter-Porträt "Lang lebe die Königin". Nur wenige seien über ihren dramatischen Gesundheitszustand informiert gewesen, hieß es nach dem überraschenden Tod der Schauspielerin, die am heutigen 26. Juli 80 Jahre alt geworden wäre.

Hannelore Elsner galt als eine der wenigen, großen Diven des deutschen Films. Ihr feinsinniges Spiel, ihre nuancierte Darstellung gipfelte immer in einer unmittelbaren, ja soghaften Präsenz - man denke nur an "Die Unberührbare" (2000) von Oskar Roehler.

Die letzten etwa 20 Jahre Hannelore Elsners waren von dieser und anderen schonungslos mitreißenden Charakterrollen geprägt. Sie machten die Wirkung der Ausnahme-Schauspielerin so einzigartig. Dabei hatte die attraktive Brünette in den 60er- und 70er-Jahren im Unterhaltungsgenre angefangen. Mit Filmen, die allein schon anhand ihres Titels verraten, dass sie aus einer anderen Zeit stammen: "Die Lümmel von der ersten Bank" (1967), mit Peter Alexander in "Zum Teufel mit der Penne" (1968) oder mit Georg Thomalla in "Hurra, wir sind mal wieder Junggesellen!" (1971). Während der 70-er wechselte Elsner dann erstmals ins Charakterfach und arbeitete mit Regisseuren wie Edgar Reitz ("Die Reise nach Wien", 1973) zusammen. Dem Komödienfach blieb sie aber ebenfalls treu, etwa mit Wolfgang Staudtes Film "Die Herren mit der weißen Weste" (1970) an der Seite von Mario Adorf und Martin Held.

Weinende Interviewerinnen

Unberührbar und kapriziös gab sich die Schauspielerin später im echten Leben. Um den Kreislauf in Schwung zu bringen, orderte sie beim Interviewtermin schon mal ein Glas Champagner. Wobei sie bei solchen Gelegenheiten durchaus sperrig sein konnte. Pressetermine mit ihr vermochten bei Organisatoren und Journalisten für Angstschweiß zu sorgen. 2012, während eines Interviewtages zum ARD-Porträtfilm "Deutschland, deine Künstler", der zu ihren 70. Geburtstag entstand, verließen im Hamburger Hotel "Vier Jahreszeiten" junge Journalistinnen weinend die Interview-Situation, denn die Diva konnte schon mal fies und persönlich werden, wenn ihr die Fragen nicht passten oder sie der Meinung war, man habe ihr Werk im Vorfeld nicht ausreichend studiert. Sehr viel sensibler war die Mutter eines 1981 geborenen Sohnes, wenn es um Schauspiel selbst ging. Vor der Kamera mutierte sie zu einem Menschen, dessen Durchlässigkeit atemberaubend war.

Wahrscheinlich war die 1942 als Tochter eines Ingenieurs zur Welt gekommene Schauspielerin tatsächlich das, was man gemeinhin eine Diva nennt. Im Gegensatz zu anderen Prominenten, die den Begriff "Medienarbeit" wörtlich nehmen, erwartete die Elsner fundierte Kenntnisse ihres Lebens vom fragenden Gegenüber. Dazu Gespräche, die schmeicheln und von enormer Originalität sind. Insofern muss man Filmemacherin Inga Wolfram ein besonderes Kompliment machen. Ihr Porträt aus der Reihe "Deutschland, deine Künstler" schaffte es 2012 tatsächlich einer Frau näherzukommen, die prinzipiell auf Abwehr gebürstet war. "Sie verändert einen Raum und eine Szene, wenn sie dabei ist. Ja, eine Aura ist schon um sie rum", sagte es in dem immer noch sehr sehenswerten Beitrag Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der mit Hannelore Elsner den Film "Wer's glaubt wird selig" gedreht hat. "Ich mag diesen öffentlichen Smalltalk nicht", erklärte Hannelore Elsner 1993 bei einem ihrer extrem seltenen Talkshow-Auftritte Roger Willemsen. "Eine Schauspielerin sollte Rollen spielen und nicht so oft privat zu sehen sein."

Kein Wort über persönliche Tragödien

Auf der anderen Seite gab es auch die Hannelore Elsner, die vor Energie geradewegs sprudeln konnte. Insbesondere dann, wenn sie für ein Thema, für eine Geschichte, für einen bestimmten Fall brannte. In "Hannas schlafende Hunde" war sie 2016 als furchtlose Oma zu sehen, die ihrer Enkelin beibringt, zu ihrer Herkunft zu stehen. Der Film spielt gut 20 Jahre nach Kriegsende in der österreichischen Spießer-Provinz, wo noch viele versprengte Nazis leben und aus ihrem Hass auf die jüdischen Nachbarn keinen Hehl machen. Nur weil es ein wichtiger Film ist, von größter gesellschaftlicher Relevanz, erklärte Hannelore Elsner seinerzeit, haben sie das Rollenangebot angenommen. "Er geht jeden was an, ich bin überzeugt, dass es sehr viele mitreißt und bewegt", betonte sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur teleschau. Bewegen, mitreißen - das tat Elsner auch als blinde Großmutter, die hier erneut eine jüdische Frau spielte. Wie schon in "Auf das Leben" (2015) oder "Der letzte Mentsch" (2014). Aber das ist nur Zufall, mehr nicht. Denn die Rollen, die Hannelore Elsner spielte, nach denen suchte sie nicht. "Die kommen zu mir und dann auch zur richtigen Zeit", sagte sie und ließ durchblicken, dass sie ein durch und durch politischer Mensch sei.

Dass sie sich darüber hinaus auch sozial engagierte, war für die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes selbstverständlich. Seit vielen Jahren unterstützte Elsner das Frankfurter Fritz Bauer Institut gegen das Vergessen des Holocaust. "Weil ich der Meinung bin, dass man den Holocaust nie vergessen sollte." Außerdem war die Schauspielerin Mitglied im Berliner Verein Karuna, der sich um Straßenkinder kümmerte. Doch damit nicht genug: Elsner war auch im Kuratorium der Deutschen Aidsstiftung. Und all das neben der schauspielerischen Karriere: "Das Engagement kommt aus mir heraus, ich finde das sehr normal."

Über solche Dinge sprach sie durchaus gerne. Doch wehe, man stellte die falsche Frage zur falschen Zeit. Dann konnte sie aus der Haut fahren wie kaum eine andere. In Plauderstimmung war sie ohnehin selten, mit Anekdoten vermochte sie nicht aufzuwarten. Auch kein Wort über die eigene Kindheit im Kloster, die enge Beziehung zur eigenen Großmutter oder über den frühen Verlust von Vater und Bruder, über den in der Familie nicht gesprochen wurde. Der alten Schule des mysteriösen Stars, der Verknappung des Ausdrucks auf die reine Arbeit, dieser Selbstauffassung fühlte sich Hannelore Elsner bis zuletzt verpflichtet.

"Wer stirbt schon gern an seinem Geburtstag?"

Weiterhilft da ihre Autobiografie, die sie 2011 verfasst hat. Den Titel "Im Überschwang" hat die Schauspielerin natürlich selbst gewählt. "Ich hab es ja auch selber geschrieben!" Fragte man sie nach dem einen oder anderen Herzensprojekt, das sie noch verwirklichen will, fiel ihr keines ein. Sie könne eh alles machen, was sie will. Und überhaupt: Was soll dieses Wörtchen "noch", schimpfte sie noch drei Jahre vor ihrem Tod im Interview. "Das können Sie gleich streichen! Ich stehe mitten in meinem Berufsleben und werde immer weiter Rollen spielen, die mir entsprechen und auf die ich mich freuen kann. Aber ich werde mich nicht festlegen für die nächsten zehn Jahre!"

Privat hat Hannelore Elsner ihr Glück nie dauerhaft gefunden. Männer kamen und gingen. Am längsten begleitete sie ihr 1981 geborener Sohn Dominik aus einer kurzen und heftigen Beziehung mit Regisseur Dieter Wedel. Dominik spielte in dem 2012er-TV-Porträt von Inga Wolfram eine nicht unerhebliche Rolle. Der Jungfotograf begleitete die öffentlichen Aufritte der Mutter - das Ziel: eine Bilderserie. "Meine Mutter ist eine wunderbare Frau, die mir viel Halt gibt im Leben", schwärmte seinerzeit der scheu wirkende Prominentensohn in nüchtern-aufrichtigem Tonfall. Auch jene zärtliche Seite lag wohl in der Diva verborgen, denn an Leidenschaft fehlte es ihr nicht. "Ich finde es so schön, dass alles vergeht und wiederkommt", sagte Hannelore Elsner in einer der letzten Interviewsequenzen des Films. "So wie unsere Haut, die sich immer wieder abrubbelt. Man stelle sich vor, das bliebe alles drauf - dann hätte man ja so eine Elefantenhaut. Ich will keine Elefantenhaut."

Auch in den Erinnerungen ihres Sohnes lebt die deutsche Schauspieldiva weiter: "Ich denke jeden Tag an sie", offenbarte Dominik Elstner, der sich dem bürgerlichen Namen seiner Mutter gemäß mit "t" schreibt, nun in einem Interview mit der "Bild": "Meine Mutter ist meine Kraft, mein Stern." Das Interview fand anlässlich des 80. Geburtstags von Hannelore Elsner statt. Würde Elsner noch leben, würde sie ihren Ehrentag am 26. Juli sicher ausgiebig feiern: "Meine Mutter liebte das Leben und hatte keine Angst vor dem Alter", erzählte Dominik Elstner: "Im Gegenteil. Sie sagte stets: 'Ich will 120 Jahre und einen Tag alt werden - wer stirbt schon gern an seinem Geburtstag."

Von Eric Leimann