Liedermacher-Urgestein
Poesie und Protest: Konstantin Wecker wird 75
Wer berauscht vom Leben ist, der will es in vollen Zügen genießen. Das ist bei Konstantin Wecker auch nach einem Dreivierteljahrhundert noch der Fall. Am 1. Juni wird der legendäre Liedermacher 75 Jahre alt. Im Rückspiegel des Lebens rauschen Skandale und Eskapaden vorbei, während im Autoradio ein Soundtrack läuft, zu dem Liebeslieder ebenso gehören wie Protestsongs gegen Politik und Establishment. Beiden gemeinsam: die Leidenschaft, mit der die Themen besungen werden.

Man hätte es sich denken können, ein Vollblut-Musiker wie er wird im Alter nicht ruhiger oder gar bequemer. Oder anders: Denen, die ihm ein Dorn im Auge sind, geht der Konstantin noch immer gehörig auf den Wecker. Zuletzt mit seiner Unterschrift auf dem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz, in dem Wecker und andere Künstler die Waffenlieferungen an die Ukraine als falsches Mittel zur Friedensstiftung darlegten. Dafür wurden Wecker und die anderen Unterzeichner belächelt oder gar beschimpft. Doch der Musiker, der so lange Pazifist war, bleibt es auch auf seine alten Tage, daran ändert auch Wladimir Putin nichts. Die Kehrtwende der Grünen zum Thema Krieg schockierte Konstantin Wecker. Im Interview mit der "Augsburger Allgemeinen" sagte er dazu kürzlich: "Das ist furchtbar und macht mir wirklich Angst."

Geboren wurde Konstantin Wecker 1947 im Münchner Stadtteil Lehel. Zur musikalischen Früherziehung gehörte der Klavierunterricht ab dem sechsten Lebensjahr und der Geigenunterricht mit acht Jahren. Als Teenager lernte er zusätzlich Gitarre. "Ich war ein Außenseiter, nicht 'in', nicht in den großen Cliquen", erinnerte Konstantin Wecker sich in einem Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. Was ihn in der Zeit "gestützt hat, waren meine Vorbilder".

In den späten 60er-Jahren war er dann irgendwann aber doch "in", vor allem in der Kleinkunstszene machte er sich einen Namen. "Ich habe mich immer schon, auch in der 68er-Zeit, dem Anarcho-Lager zugehörig gefühlt, weil ich als junger Mann von Henry Miller schwer beeindruckt war", erzählte Wecker in einem Interview mit der Zeitschrift "Graswurzelrevolution". In dem Gespräch aus dem Jahr 2010 bekannte er sich auch zu seiner Utopie von einer "herrschafts- und gewaltfreien Gesellschaft".

"Genug ist nicht genug"

Die erste eigene Schallplatte erschien 1973 unter dem ebenso augenzwinkernden wie sperrigen Titel "Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker". Der zweite Vorname war fiktiv, der echte lautet nämlich Alexander. Doch so ein bisschen Genie à la Mozart steckt durchaus in dem Künstler, sonst wäre sein Name heute wohl nicht mehr in aller Munde.

Der musikalische Durchbruch gelang Konstantin Wecker mit dem Album "Genug ist nicht genug" (1977), für welches er mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde. Ein Stück darauf ist bis heute Kult: die Ballade von dem von Rechtsradikalen erschlagenen "Willy". Die Rechten waren immer eines seiner liebsten Feindbilder. Außerdem die Kapitalisten, die Spießer, die Intoleranten und die Doppelmoralisten in Gesellschaft und Politik.

Auch wenn seine Musik eher ein linkes Publikum erreicht und politisch ebenda zu Hause ist, war Konstantin Wecker nie Mitglied einer Partei. Das wäre für ihn eine Einschränkung, erklärte er einmal in einem Interview mit der "FAZ". "Die Chance des Künstlers" bestehe darin, so Wecker, "bunt malen zu dürfen im Gegensatz zum Schwarz-Weiß der Politik".

Recht bunt ging es bei Wecker auch aus einem anderen Grund zu, zumindest zeitweise. Bereits nach den ersten musikalischen Erfolgserlebnissen kam zur Sehnsucht nach Poesie die Sucht nach Kokain. Ab Mitte der 1990-er verlor der Künstler die Kontrolle über den Drogenkonsum, litt zwischenzeitlich an Wahnvorstellungen. Nach Gerichtsverhandlungen, die sich über Jahre schleppten, wurde der Freigeist schließlich zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Geschichte vom ewigen Rebellen und dem Ärger mit der Obrigkeit wird von der Boulevard-Presse mit großer Begeisterung immer wieder erzählt, ebenso wie Weckers Affären. Gegen das wahre ekstatische Leben des Künstlers wirkt eine berufliche Jugendsünde Weckers geradezu harmlos: In den frühen 70er-Jahren war er Darsteller in schmuddeligen Erotikstreifen wie dem "Krankenschwestern-Report".

Eine von Konstantin Weckers großen Lieben ist die Toskana. Schon 1980 siedelte er mit Freunden und Musikern dorthin über. Eine andere große Liebe war die Schauspielerin Carline Seiser, die er im selben Jahr heiratete. Die Ehe wurde nach acht Jahren geschieden. Weitere acht Jahre später, 1996, heiratete Wecker erneut. Die 27 Jahre jüngere Annik Berlin (später Annik Wecker) hatte er auf einem seiner Konzerte kennengelernt. Aus der 2013 geschiedenen Ehe gingen zwei Söhne hervor. Es entwickelte sich eine On-off-Beziehung, deren Verlauf das Paar allerdings bewusst aus der Öffentlichkeit heraushielt.

Mit der Jahrtausendwende begann dann für Wecker, inzwischen clean, der zweite oder dritte Frühling - er wirkte aufgeweckter denn je. Konstantin Wecker produzierte neue Alben und gründete sein eigenes Label, wurde mit Preisen überhäuft und nahm einen Lehrauftrag an der Universität Würzburg an - als Lehrender im Fach Songwriting. Die Studenten können sich bei ihm darauf verlassen, dass er weiß, wovon er spricht: Konstantin Wecker hat im Verlauf seiner Karriere mehr als 700 Lieder komponiert.

"Ich singe, weil ich ein Lied hab"

"Ich wollte in meinem Leben nie etwas anderes schreiben als Liebeslieder, was mir immer wieder dazwischenkam, war die Wut", erklärte Wecker im Interview mit teleschau. Im Alter hat er immerhin seinen Frieden mit den scheinbaren Widersprüchen gemacht: "Ich dachte früher, ich müsse mich von der Wut verabschieden und lieben lernen. Heute weiß ich: Wir brauchen die Wut, sonst würde man nie auf Missstände hinweisen."

Die Leidenschaft, die der Poet und Rebell seit jeher für alles hat, was ihn bewegt, kann man am besten auf der Bühne erkennen. Ob der Chansonnier leichtherzig verliebt ins Mikrofon haucht, melancholisch wimmert, schwermütig seufzt oder wutentbrannt gegen Missstände anschreit: Jedes Lied wird stimmlich auf der obersten Stufe der Gefühlsskala angesetzt. Das Gefühl wird erwidert: Ein Abend mit Konstantin Wecker ist eher Familienfest als Konzert. Und das Gefühl der Intimität bleibt, egal ob er alleine am Flügel sitzt, von einer Band oder von einem großen Orchester begleitet wird.

Mit dem Altern kommt Konstantin Wecker übrigens bestens klar. "Je älter man wird, desto bewusster kann man das Alter annehmen. Es ist ja keine Schande, dass man das geschafft hat. In meinem Fall ist es sogar ein Wunder", erklärte er lachend im teleschau-Interview.

Im Mai musste Wecker einige geplante Konzerte krankheitsbedingt absagen. Die Zukunft gehört allerdings wieder dem alten Mann und dem Meer aus Fans: Die ausgefallenen Auftritte sind auf 2023 verschoben. Außerdem ist von Juli bis Dezember eine Jubiläumstour in Deutschland, Österreich und der Schweiz geplant. Einer seiner bekanntesten Song-Titel dient als Motto: "Ich singe, weil ich ein Lied hab". Der alte Wecker, er klingelt vielleicht nicht mehr immer pünktlich, aber nach wie vor ziemlich laut.

Von Michael Eichhammer