Joachim Król im Interview
"Natürlich ist es gut, wenn jugendlicher Idealismus Oberhand gewinnt"
Einst, es waren die für das deutsche Filmgeschäft denkwürdigen 90er-Jahre, feierte er mit Dramedys wie "Der bewegte Mann" und "Rossini" seinen Durchbruch. Innerhalb kürzester Zeit erklomm Joachim Król dank Erfolgsreihen wie "Donna Leon" und "Lutter" die Beliebtheitsskala der hiesigen TV- und Kinolandschaft. Es folgten Fernsehpreise, Leinwandhits und die begehrte Rolle des Frankfurter "Tatort"-Kommissars. Heute kann der 64-Jährige, noch immer einer der gefragtesten Darsteller des Landes, auf eine bewegte Karriere zurückschauen. Der Blick auf die eigene Vergangenheit ist es auch, mit dem sich sein beliebter Filmcharakter in der Fortsetzung des ZDF-Erfolgs "Endlich Witwer" (Montag, 11. April, 20.15 Uhr) auseinandersetzen muss - Untertitel: "Forever Young". Das Comeback in jener Rolle, für die der gebürtige Ruhrpottler 2020 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, erweist sich als nostalgischer Trip in eine rebellische Jugend. Wie viele biografische Sentimentalitäten er sich selbst gestattet, wie er sich an seinen Durchbruch als Schauspieler erinnert und was er von jugendlichem Idealismus hält, verrät Joachim Król im Interview.

Weser-Kurier: Im zweiten Teil von "Endlich Witwer" ist Ihre Figur Georg nicht mehr ganz der Griesgram aus dem ersten Film. Sagte Ihnen der nostalgischere Zugang zum Charakter sofort zu?

Joachim Król: Ja, die Geschichte sollte ja weitergehen. Der Georg Weiser aus "Endlich Weiser" hat den Film ja als ein anderer verlassen. Ich finde das eine wunderbare Idee, die Reise, die Weiser vor 40 Jahren verpasst hat, gleich wieder zu unterbrechen. Auf diese Weise haben wir noch viel zu erleben mit ihm. Und wissen wir nicht alle mittlerweile, dass der Weg das Ziel ist?

Weser-Kurier: Das heißt, Sie wären für eine ganze "Endlich Witwer"-Reihe offen?

Król: Es wird bereits an einem dritten "Weiser" gearbeitet - "Never change a winning team". Ich wüsste nichts was dagegen spräche.

Weser-Kurier: Für die Rolle erhielten Sie den Fernsehpreis, die Einschaltquoten waren gut und seine Premiere feierte der zweite Teil auf diversen Filmfestivals: Waren Sie vom Erfolg überrascht, den eine Tragikomödie im Krimiland Deutschland haben kann?

Król: Ja und nein. Nicht überrascht, weil wir schon während der Dreharbeiten das Gefühl hatten, hier entsteht etwas Besonderes. Unser Film steht ja nicht im Wettbewerb mit dem Krimigenre. Wir sind nur auch da. Und wurden großartig wahrgenommen. Von Kritik und Publikum. Vielseitigkeit ist doch eine wunderbare Sache. Ich habe ja meinen Polizeidienst im deutschen Fernsehen sehr erfolgreich geleistet und würde auch heute noch eine gute Ermittlerfigur jederzeit in Erwägung ziehen. Doch Weiser ist Weiser, und Harry ist Harry.

Weser-Kurier: Macht es Ihnen eigentlich mehr Spaß, Menschenfeinde oder Menschenfreunde zu spielen?

Król: À la carte. Ich bin ja Schauspieler. Und ich gehe grundsätzlich nur auf Partys, auf die ich eingeladen bin. Dann aber gerne und mit vollem Einsatz.

"Ich habe mir angewöhnt, das Vergangene als vergangen zu betrachten"

Weser-Kurier: Der Blick auf die eigene Vergangenheit spielt im Film eine große Rolle. Kann man überhaupt Dinge nach Jahrzehnten nachholen oder wiedergutmachen, die man einst verpasst oder falsch gemacht hat?

Król: Nein, kann man nicht. Weil der Mensch ein anderer ist, und jede Situation, in die er gerät, ist eine andere. Aber man kann sich erklären und hoffen, dass einem verziehen wird, sollte es notwendig sein.

Weser-Kurier: Sind Sie selbst auch ein Mensch, der oft auf die eigene Biografie zurückblickt?

Król: Ich habe mir angewöhnt, das Vergangene als vergangen zu betrachten. Aber wir als Schauspieler werden natürlich oft mit unserer Vergangenheit konfrontiert, wenn uns zum Beispiel Menschen ansprechen und erzählen, was sie mit dem oder jenem Film verbinden, in dem man eine Rolle gespielt hat. Einerseits immer wieder eine Begegnung mit der vergangenen Arbeit, aber auch mit dem Menschen, der man damals war.

Weser-Kurier: Im Film trifft Georg auf seine junge Version. Was würde Ihr junges Alter Ego von vor 30 Jahren Ihnen raten - und was Sie ihm?

Król: Was mein junges Alter Ego mir raten würde, hätte, so glaube ich, keine sehr große Relevanz für mich. Grünschnabel. Ich würde ihm vielleicht raten nicht immer so viel Bier zu trinken, wenn er sich mit einer Frau verabredet hat.

Weser-Kurier: Als Sie letzten Herbst bei den Hofer Filmtagen geehrt wurden, hieß es unter anderem, Sie hätten Anfang der 90er-Jahre das junge deutsche Kino mitgeprägt und diesem ein Gesicht verliehen. Wenn Sie auf jene Zeit zurückschauen: Wie bewerten Sie das damalige deutsche Filmgeschäft und Ihre Rolle darin? Was haben Sie aus diesen Jahren bis heute für sich mitgenommen?

Król: In diesen Jahren gab es eine ganz besondere Aufbruchsstimmung im deutschen Kino. "Mainstream" hat plötzlich funktioniert, man konnte mit deutschen Komödien Geld machen, und gleichzeitig gab es große "Arthouse"-Talente, die auf sich aufmerksam gemacht haben. Und ich war sowohl hier als auch da dabei. Ich nehme für mich in Anspruch, keinen Film durch mein Mitwirken schlechter gemacht zu haben. Mitgenommen habe ich die Erkenntnis, dass alles seine Zeit hat.

Weser-Kurier: Wo wir beim Rückblick sind: Mit Ihrer Kollegin Martina Gedeck spielten Sie vor "Endlich Witwer" zuletzt in den 90er-Jahren in Helmut Dietls "Rossini". Wie war es, nach fast 25 Jahren erneut zusammen zu drehen? Haben Sie - ähnlich wie in der Handlung - Veränderungen aneinander beobachten können?

Król: Es war wunderbar. Obwohl wir uns beide wundern mussten, dass in all den Jahren niemand auf die Idee gekommen ist, uns noch einmal gemeinsam zu besetzten. Danach ging es allerdings sehr schnell. Die wunderbare Karoline Herfurth hat Martina und mich für "Wunderschön" zu einem Ehepaar gemacht. Ich weiß nicht, was Martina an mir beobachtet hat - ich habe beobachtet, dass sie immer noch das seraphische Wesen aus "Rossini" hat.

Weser-Kurier: Würden Sie sagen, dass Sie früher auf einen Figurentypus festgelegt waren - und wenn ja, wie schwer war es, sich daraus zu "befreien"?

Król: Ich war nie auf einen Figurentyp festgelegt, weil ich mich nie auf einen Figurentyp habe festlegen lassen. Eine Befreiung gab es deswegen also nicht. Aber es gab Zeiten, in denen ich erheblich mehr Drehbücher zurückgeschmissen als angenommen habe.

"Ich bin Kriegsdienstverweigerer und befürworte heute die Regierungspolitik"

Weser-Kurier: In "Endlich Witwer - Forever Young" geht es um die Protestbewegung der 80er-Jahre. Waren Sie in Ihren jungen Jahren selbst "rebellisch"?

Król: Ich habe im Oktober 1981 im Bonner Hofgarten mitdemonstriert. Ich bin Kriegsdienstverweigerer und befürworte heute die Regierungspolitik.

Weser-Kurier: Im Film geht es um alternative Lebensmodelle. Wie oft hatten und haben Sie den Gedanken, "auszusteigen"?

Król: Ich habe in einer Wohngemeinschaft begonnen und lebe jetzt schon lange in sehr konventionellen Verhältnissen. Und zwar gerne. Andererseits bin ich vielleicht auch nie richtig eingestiegen um aussteigen zu können oder zu müssen.

Weser-Kurier: Heute ist die junge Generation wieder in Sachen Umwelt- und Klimaschutz unterwegs. Braucht es Bewegungen wie Fridays For Future für unsere Gesellschaft?

Król: Natürlich ist es gut, wenn jugendlicher Idealismus Oberhand gewinnt. Aber war es jemals anders? Durch die neuen Medien ist es nur lauter und präsenter geworden. Rein in Bewegungen, Parteien und Parlamente. Je früher, desto besser. Flankiert von Bildungspolitk, die ihren Namen verdient.

Weser-Kurier: Blickt man auf Ihre Filme der letzten zwei Jahre, gewinnt man den Eindruck, Sie hätten während der Pandemie weitergedreht wie zuvor. Wie kamen Sie denn emotional und professionell durch die Krise?

Król: Der Eindruck trügt. Vielleicht liegt es daran, dass einige meiner Filme regelmäßig wiederholt im Fernsehen laufen und immer wieder ein großes Publikum finden. Ich hatte auch Monate, in denen ich nicht gearbeitet habe. Emotional hat mir meine Familie und haben mir meine Freunde und Freundinnen geholfen. Professionell habe ich mich einfach mit Dingen beschäftigt, die vielleicht in Zukunft Früchte tragen könnten

Weser-Kurier: Sie waren "Tatort"-Kommissar, spielten in Klassikern und Kinoerfolgen. Gibt es noch etwas, das Sie unbedingt in Ihrer Schauspielkarriere anstreben? Etwa einen Fußballfilm, der sich um den BVB dreht?

Król: Sportfilme haben keine Chance in Deutschland. Und was den BVB angeht, habe ich mit "You'll Never Walk Alone" schon meinen Beitrag geleistet.

Von Maximilian Haase