Sebastian Koch im Interview
"Unser Wertesystem gerät langsam ins Wanken"
"Das Leben der Anderen", "The Danish Girl", "Homeland": In der Vita von Sebastian Koch finden sich zahlreiche hochgelobte Produktionen aus Deutschland, Europa und Hollywood. Der Wahlberliner und zweifache Vater zählt zweifellos zu den renommiertesten Schauspielern des Landes. In den vergangenen Jahren trat Koch, der Ende Mai 60 Jahre alt wird, vor der Kamera etwas kürzer und begab sich unter anderem auf Lesereise durch die Republik. In der neuen, hochkarätig besetzten ARD-Eventserie "Euer Ehren" (Samstag, 9. April, 20.15 Uhr, ARD und ab Samstag, 2. April, in der ARD-Mediathek) spielt er die Hauptrolle des zunächst rechtschaffenen Richters Jacobi, der aus Liebe zu seinem Sohn in einen kriminellen Strudel aus Lügen und Skrupellosigkeit gerät.

Weser-Kurier: Herr Koch, was sind die wichtigsten Zutaten für eine fesselnde Thrillerserie?

Sebastian Koch: Wichtig ist, dass sie authentisch ist, dass sie eine Tiefe hat, im Idealfall sogar eine Philosophie. Und natürlich, dass sie spannend ist.

Weser-Kurier: Und "Euer Ehren" bringt alle Zutaten mit?

Koch: Absolut. Die Grundprämisse dieser Serie ist wahnsinnig spannend. Es geht um einen mit allen Werten der Gesellschaft ausgestatteten Richter, der aus Liebe zu seinem Sohn und in Sorge um dessen Leben seine eigenen Grundsätze unterwandert und dabei die Grenzen der Legalität überschreitet. Er begibt sich peu à peu immer tiefer in ein Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg gibt. Als Zuschauer geht man diese Schritte - wenn auch zögerlich - mit, das finde ich sehr gelungen. Ich glaube jeder, der ein Kind hat, kann die Motivation des Richters nachvollziehen.

Weser-Kurier: Dabei verstrickt sich der Richter in ein Netz aus Lügen. Glauben Sie, dass die Floskel "Ehrlich währt am längsten" wirklich stimmt?

Koch: Ehrlichkeit ist so ein moralisches Wort, nehmen wir lieber Authentizität. Wenn man also sagt: "Ich will mit mir im Reinen sein", stimme ich dem zu. Aber für den Richter stellt sich die Frage ja gar nicht, all das ist für ihn keine Option. Für seine Situation gibt es keine Lösung. Als er erfährt, wen sein Sohn da vom Motorrad gefahren hat, reagiert er nur. Er lügt intuitiv.

"Die Werte funktionieren nicht mehr"

Weser-Kurier: Inwiefern kamen die bildgewaltigen Drehorte der Serie zugute?

Koch: Die Tatsache, dass Innsbruck in einem Talkessel liegt, hat fast eine metaphorische Bedeutung. Die Berge wirken dabei zusätzlich wie ein großer Antagonist. Wichtig dabei ist natürlich auch, dass die Kamera diese Bilder nicht nur transportiert, sondern, dass diese immer auch inhaltlich verbunden sind. Wenn die Kamera in den Abgrund schwenkt, hat das eine Bedeutung, man fällt fast mit hinunter. Innsbruck und diese bedrohlichen, klaustrophobischen Berge passen sehr zu dieser Geschichte.

Weser-Kurier: Als Sie das Projekt gepitcht bekamen, hatten Sie nicht viel Entscheidungszeit. Warum waren Sie direkt Feuer und Flamme?

Koch: Gute Frage, das ist eigentlich überhaupt nicht meine Art. Der Produzent und ich kennen uns aber seit Jahren. Er hat mir in vier Minuten die Story gepitcht und dann gesagt: "Ich möchte das nur mit dir machen. Bist du dabei?" Ich hatte das Gefühl, dass diese Serie einen Nerv der Zeit trifft, ein Gefühl, das wir alle kennen: dieser Verfall von Werten, mit denen wir groß geworden sind, und die wir als lebens- und verteidigungswert erachten. In der Serie fällt das alles zusammen. Das fand ich hochemotional und hat in mir sofort etwas getriggert.

Weser-Kurier: Was sind denn vermeintlich unsere Werte?

Koch: Alles, für was auch unser Richter in seinem Kern steht: Demokratie und ein Rechtssystem, das für uns Gut und Böse definiert. Die Geschichte von "Euer Ehren" stellt das enorm infrage, denn eigentlich glauben wir ja, dass uns diese Werte durch jede Situation und jedes Drama führen. Aber dem ist nicht so. Das merken wir ja auch in der Realität. Unser Wertesystem gerät langsam ins Wanken: der Trumpismus in Amerika, der Rechtsruck hier in Europa - um nur zwei Beispiele zu nennen.

Weser-Kurier: Was hat sich verändert?

Koch: Die Werte sind nicht mehr so sicher, sie funktionieren nicht mehr. Wenn der Andere das System verlässt, nicht mehr zuhört und nur noch draufhaut, was machen wir denn dann?

"Wir sind nicht die Krone der Schöpfung"

Weser-Kurier: Sind wir alle also nur einen Schicksalsschlag von der Kriminalität entfernt?

Koch: Das weiß ich nicht. Ich selbst bin kein Mensch, der den Gegenschlag feiert. Jacobi wollte ja auch nicht bewusst kriminell werden - er handelt intuitiv, reaktiv aus Angst um den Sohn. Meiner Meinung nach muss es immer über ein Gespräch funktionieren. Ich glaube, die wirkliche Lösung besteht darin, den anderen zu respektieren und miteinander zu reden. Die Menschen wären theoretisch in der Lage dazu, aber es bleibt eine schwierige Aufgabe.

Weser-Kurier: Theoretisch sind die Menschen zu viel in der Lage.

Koch: Schauen Sie sich doch den Klimawandel an. Wir wissen, dass wir da auf einen Abgrund zulaufen und wider besseres Wissen stoßen wir weiter gleichviel CO2 in die Luft aus. Wenn wir da versagen, wird der Schaden nicht mehr zu reparieren sein. Ich wünsche der Menschheit, dass sie schlau genug ist, das zu verhindern.

Weser-Kurier: Glauben Sie daran, dass wir den Schalter noch rechtzeitig umlegen?

Koch: Ich hoffe es. Aber alte Systeme sind hartnäckig, weil sie bislang funktioniert haben. Das Neue hingegen muss sich erst ganz langsam - wie ein Keimling - den Weg bahnen. Insofern habe ich immer noch die Hoffnung, dass wir das bald verstehen und endlich anders machen.

Weser-Kurier: Die Hoffnung stirbt zuletzt ...

Koch: Schon viel zu lange gehen wir davon aus, dass wir die Krone der Schöpfung sind. Das sind wir nicht. Ich glaube, wir sind so abhängig von anderen Dingen und Lebewesen. Wenn wir aber die Balance verlassen - was wir längst getan haben -, dann hat das Konsequenzen. Und wenn wir nicht zurückfinden in diese Balance und uns als Menschheit wieder einordnen, haben wir ein Problem.

Weser-Kurier: Glauben Sie, viele würden lieber die Konsequenzen tragen, als etwas zu ändern?

Koch: Das weiß ich nicht. Aber ich finde Jacobis Handeln eine schöne Metapher drauf. Der hört auch nicht auf aus Angst vor den Konsequenzen und davor, die Fäden, die er vermeintlich in den Händen hält, loszulassen. Aber wir sehen ja in der Serie, wohin das führen kann.

"Ich war schon immer sehr wählerisch"

Weser-Kurier: Viele Ihrer Lesungen sind Corona-bedingt ausgefallen. Haben Sie den direkten Kontakt zum Publikum sehr vermisst?

Koch: Klar, zumal ich auch bereit war, eine größere Pause zu machen. Üblicherweise habe ich zwei bis drei Lesungen im Monat, die fielen alle weg. Das war sehr schade, denn ich mache das wirklich gerne. Das sind starke Abende, und es ist toll auf der Bühne zu sein. Die direkte Kraft aus dem Publikum zu spüren - das ist für mich auch eine Art Theater-Ersatz.

Weser-Kurier: Drehen Sie denn nach verordneten Pause besonders viel?

Koch: Im Gegenteil. Es tut mir sehr gut, nicht dauernd in irgendwelchen Hotelzimmern aufzuwachen, sondern mehr zu Hause zu sein. Es muss echt alles stimmen, damit ich für ein Projekt zusage. Ich war schon immer sehr wählerisch und nehme es aktuell noch genauer. Das ist auch gut so. Im Moment gibt es einen solchen Boom, und es wird viel gedreht. Da ist auch viel Mist dabei.

Weser-Kurier: Und "Euer Ehren" war ein Projekt, bei dem alles stimmte?

Koch: Absolut. Ich habe sofort gespürt, was da für eine Kraft drinsteckt und bin froh, dass ich das jetzt auch im Endergebnis wiederfinde. Mein Instinkt war richtig und ich bin happy, dass das so geklappt hat. Manchmal redet man sich Dinge schön und macht es aus dem und dem Grund vielleicht trotzdem. Aber der Bauch weiß instinktiv eigentlich sofort: Mache ich, oder mache ich nicht.

Von Christopher Schmitt