US-Regisseur
Steven Spielberg: Der erfolgreichste Filmemacher aller Zeiten wird 75
Manchmal muss sich selbst ein Steven Spielberg gedulden. "Ich wollte schon immer ein Musical machen", verriet der Regisseur unlängst im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. Aber nicht irgendein Musical wollte der erfolgreichste Filmemacher der Kinogeschichte verfilmen, sondern den Klassiker "West Side Story". "Ich hatte mich als zehnjähriger Junge in die Musik des Broadway-Originals verliebt, die meine Eltern mit nach Hause gebracht hatten. Nichts hat mich seitdem mehr begeistert." Aber erst Jahrzehnte später wagte sich Spielberg an den Stoff, der bereits 1961 verfilmt worden war; vor wenigen Wochen dann lief seine "West Side Story" endlich weltweit in den Kinos an. Nun, am 18. Dezember, wird Spielberg 75 Jahre alt.

"Meine Traumata arbeite ich durch meine Filme ab", meinte Steven Spielberg einst. Und das tut er schon lange: Er war noch nicht mal ein Teenager, da drehte der älteste Spross eines Ingenieurs und einer Konzertpianistin bereits Acht-Millimeter-Amateurfilme. Sein Vater Arnold Spielberg schenkte ihm nicht nur früh eine Kamera, der Kriegsveteran ermöglichte es seinem Sohn auch, unter anderem mit ausrangierten Militärflugzeugen zu drehen. Mit 13 gewann Spielberg mit dem 40-minütigen Kriegsfilm "Escape to Nowhere" einen Filmwettbewerb, 1963 folgte sein Amateurfilm "Firelight", immerhin 140 Minuten lang.

Zweimal bewarb sich Spielberg für ein Filmstudium, ehe er schließlich aufgab und Literatur studierte. Sein Diplom sollte der Student jedoch erst im Alter von 56 Jahren in Händen halten - der Erfolg kam ihm in die Quere: Nachdem sein Kurzfilm "Amblin'" 1969 auf dem Atlanta-Filmfestival vorgeführt wurde, erhielt der erst 22-Jährige prompt einen Siebenjahresvertrag in der Fernsehabteilung von Universal Pictures. Fünf Jahre später begeisterte er dann mit seinem ersten Kinofilm "Sugarland Express" (1974) die internationale Kritik, die in ihm sofort ein "Wunderkind" sah.

"Furcht ist mein Motor"

Sein Antrieb beim Filmemachen? Angst, meinte Spielberg einmal in einem Interview mit der "New York Times": "Ich suche mir Projekte aus, die mir Furcht einflößen", erklärte er, "Furcht ist mein Motor. Sie treibt mich so weit, dass ich nicht mehr weiß, was ich tun soll, und dann habe ich meine besten Ideen." Auch seinen großen Durchbruch verdankte Spielberg der Furcht - und zwar nicht nur der eigenen: "Der weiße Hai", sein Schocker über einen Menschen fressenden Haifisch vor der ostamerikanischen Küste, sorgte 1975 nicht nur an den Stränden für reichlich Hysterie. In Massen strömten die Besucher damals in die Kinos. An den Kassen spielte der Streifen, der mit drei Oscars, einem Golden Globe und einem Grammy ausgezeichnet wurde, mehr als 130 Millionen Dollar ein.

Weniger blutig, jedoch ebenso spannend ging es sechs Jahre später in Spielbergs nächstem Kinohit zu. Damals kämpfte sich ein gestählter Harrison Ford als Lasso schwingender Archäologe Dr. Jones durch eine Serie von Abenteuern. "Jäger des verlorenen Schatzes" (vier Oscars) war der Auftakt zur berühmten "Indiana Jones"-Reihe, an deren fünftem Teil derzeit gearbeitet wird. Obwohl Spielberg gegenüber der "Times" selbstkritisch einräumte, dass ihm Originalfilme mehr liegen als Fortsetzungen: "Wenn ich ein Sequel drehe, bin ich zu selbstbewusst", meint der Jubilar. "Wenn der vorherige Film zig Millionen eingespielt hat, gehe ich davon aus, dass mir wieder ein Hit gelingen wird, und liefere schließlich einen Film ab, der dem vorherigen unterlegen ist. Ich rede von 'Jurassic Park' und 'Jurassic Park: Die vergessene Welt'", präzisiert er.

Es fällt nicht leicht, Highlights aus einer Filmografie zu picken, die fast ausschließlich Highlights enthält: "E. T. - Der Außerirdische" (1982) etwa, auf den der Regisseur mit den österreichischen Wurzeln besonders stolz ist, "weil er die ganze Welt erobert hat". Oder "Lincoln" (2012), an dem der Mann aus Ohio ganze zwölf Jahre lang arbeitete. Und natürlich wären da noch seine Filme mit Tom Hanks, mit dem sich der Regisseur quasi "ein Gehirn teilt", wie er einst in einem Interview scherzte: "Der Soldat James Ryan" (1998), "Catch Me If You Can" (2002), "Terminal" (2004) und "Bridge of Spies - Der Unterhändler" (2015) sind mittlerweile so etwas wie moderne Klassiker.

"Kein Mensch kommt als Rassist oder Antisemit auf die Welt"

Zum bewegendsten wie auch persönlichsten Film wurde jedoch das KZ-Drama "Schindlers Liste" (1993), das mit sieben Oscars geehrt wurde. Spielberg, selbst Jude, erzählt darin die Geschichte des Oskar Schindler, der jüdische Zwangsarbeiter vor dem Tod im Vernichtungslager rettete. "'Schindlers Liste' änderte mein Leben", erklärte der dreifache Oscarpreisträger 1998 bei einer Veranstaltung in Berlin. "Die meisten meiner Filme dienen als Flucht vor der Wirklichkeit. Ich fand es herrlich, solche Filme zu machen. Bis ich Kinder bekam und erkannte, dass ich mich für mehr interessieren müsste. Denn kein Mensch kommt als Rassist oder Antisemit auf die Welt."

Nach den Dreharbeiten rief Spielberg die Shoah Foundation ins Leben, eine Stiftung gegen das Vergessen des Holocaust. Die Stiftung, die zunächst in einer Barackensiedlung am Rande eines Parkplatzes in Hollywood untergebracht war, hat in den ersten Jahren ihres Bestehens nahezu 50.000 Holocaust-Überlebende in 56 Ländern nach strengen Regeln vor der Kamera interviewt. Die Aufzeichnungen geben unter anderem das Leben der Befragten vor und während des Krieges wieder und enden jeweils mit einem heute aufgenommenen Familienbild, das - anders als beim Dauer-Wunderkind Spielberg - nicht immer zu einem Happy End gerät.

In Rente gehen? Dafür liebt der siebenfache Vater das Filmemachen einfach zu sehr: "Das ist so, seit ich zwölf bin", sagte er einmal im Interview. "Und das Gefühl im Bauch, als ich bei den Pfadfindern war und mit der Kamera meines Vaters meinen ersten Film drehte, dieser Thrill, als ich den Film das erste Mal vorführte und alle lachten und klatschten; dieses Gefühl ist dasselbe, das ich noch heute habe, wenn ein Film fertig ist. Das ist die Droge, es gibt keine Therapie, und wenn es eine gäbe, würde ich mich ihr nicht unterziehen."

Von Jasmin Herzog