Münchener "Polizeiruf 110"-Kommissarin startet durch
Der Verena-Altenberger-Sommer
Verena Altenberger hat gerade viel mit dem Tod zu tun. Zum Videointerview erscheint die 33-jährige "Polizeiruf 110"-Kommissarin aus München mit raspelkurzem Haar auf dem Bildschirm. Im österreichischen Kinofilm "Unter der Haut der Stadt" spielt sie eine sterbenskranke junge Frau, die sich verliebt. Dafür hat sie sich vor kurzem eine Glatze rasiert. Aktuell probt Altenberger schon wieder für ein Stück, in dem es ums Sterben geht. Beim berühmten Salzburger "Jedermann" gibt sie die Buhlschaft - "open air" auf dem Salzburger Domplatz. Als reuiger Sünder, den der Tod abholen will, spielt Lars Eidinger die Hauptfigur. Dass Verena Altenberger zwischendurch noch die Primetime mit der sehenswerten Polizeiruf-Folge "Frau Schrödingers Katze" füllt - dem letzten ARD-Sonntagskrimi vor der Sommerpause - ist bei der 33-jährigen Wienerin fast schon in Vergessenheit geraten, weil sich bei ihr seit Weihnachten 2020 Projekt an Projekt reiht.

"Wir haben damals zwei 'Polizeiruf'-Folgen am Stück gedreht", erzählt sie, geradezu blendende Laune verströmend. "Kurz vor Weihnachten 'Frau Schrödingers Katze' und direkt im Anschluss mit Dominik Graf meinen vierten Fall. Der heißt 'Bis Mitternacht' und ist ein Kammerspiel - quasi eine reine Verhörsituation." Dieser nächste "Polizeiruf" wird vielleicht schon im Spätsommer oder Herbst im Ersten laufen, zuvor bereits am 2. Juli beim Münchner Filmfest.

Als das Erste 2019 verkündete, dass Matthias Brandt als Münchener Kommissar durch Verena Altenberger ersetzt wird - ein gesetzter deutscher Star-Schauspieler durch eine österreichische Newcomerin - musste selbst der ein oder andere Fernsehkritiker ihren Namen erst mal googlen. Ach ja, Verena Altenberger war die patente polnische Altenpflegerin aus der preisgekrönten RTL-Comedy "Magda macht das schon!". Und sie spielte im österreichischen Film "Die beste aller Welten" - viele sagen, es war ihr Durchbruch - eine junge Frau, die trotz ihrer Heroinsucht und des zugehörigen Trash-Lebens versucht, ihrem siebenjährigen Sohn eine gute Mutter zu sein.

Die Kunst der "natürlichen Verspieltheit"

So widersprüchlich und faszinierend wie ihre Rolle im ungewöhnlichen Junkie-Films von 2017 ist auch die Schauspielkunst seiner Hauptdarstellerin. In fast all ihren Rollen besticht Verena Altenberger durch einen Facettenreichtum im Ausdruck, ja eine "natürliche Verspieltheit", die man bei vielen anderen professionellen Schauspielern vermisst. Vielleicht weil man glaubt, es müsse so sein. Dass Schauspieler eben wie Schauspieler wirken und nicht wie echte Menschen, bei denen man in Gesicht und Körper Dutzende von Regungen und Gefühlen gleichzeitig ablesen kann - und das oft unabhängig vom Thema, um das es gerade in einer Filmszene oder dem echten Leben geht.

Altenbergers neuer "Polizeiruf", der auf den wunderbaren Namen "Frau Schrödingers Katze" hört, ist das bislang beste Beispiel für diese Kunst. Waren ihre ersten beiden "Polizeiruf"-Filme als Kripo-Anwärterin Bessie Eyckhoff zwar interessant, aber noch etwas überladen von ihren ambitionierten Plots, wird diesmal eine an sich einfache Geschichte über Physik, Zufälle und darüber, wie alles mit allem zusammenhängt, erzählt.

Die entlaufene Katze einer alten Münchnerin (Ilse Neubauer) löst einen Dominoeffekt tragikomischer Verwicklungen aus. Bessie Eykhoff ist die auf Hilfe angewiesene Frau sympathisch. In der Nachbarschaft hängt sie selbst gemachte Plakate auf, um das verschwundene Haustier zu finden. Im Verlauf des Films mit dem Charme einer guten amerikanischen "Short Story" gibt es diesmal viel mehr Bessie Eyckhoff und damit das "besondere Schauspiel" Verena Altenbergers zu sehen, als in den Fällen zuvor. "Als großes Plus der bisherigen Münchener 'Polizeiruf'-Filme empfinde ich, dass die Geschichten stets im Vordergrund standen", erzählt Altenberger. "Wenn das so ist, dann 'leidet' die Kommissarin vielleicht ein bisschen drunter. Gerade die ersten beiden Fälle waren so voll mit Handlung, dass fast keine Zeit blieb, die Polizistin vorzustellen. Im dritten Film ist der Plot auch sehr wichtig, aber er ist einfach ruhiger - deshalb hat Bessie Eyckhoff deutlich mehr Zeit, die Zuschauer und Zuschauerinnen in ihre Gedankenwelt mitzunehmen."

Zwei Monate "Spiegelglatze" für Krebsrolle

Wer den wunderbar philosophischen und doch mit einer straighten Story ausgestatteten Krimi sieht, wird verstehen, warum so viele Film-, Fernseh- und Bühnenprojekte derzeit auf den besonderen Charme Verena Altenbergers setzen. Jene besondere Ausstrahlung, die sich in diesem Sommer fortsetzen wird. Neben den Salzburger Festspielen stand am 9. Juni die Festivalpremiere der Tragikomödie "Me, We" (Regie: David Clay Diaz) an. Der Independent Film erzählt von vier Menschen, deren Einstellungen zu Flucht und Asyl auf Dauer erschüttert werden. Beim Filmfest München (1. bis 10. Juli) ist Verena Altenberger dann an der Seite von Frederick Lau und Luise Heyer mit der Beziehungskomödie "Generation Beziehungsunfähig" in der Reihe "Neues deutsches Kino" vertreten. Der Film von Helena Hufnagel widmet sich der Generation Tinder und basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Michael Nast. Sein deutscher Kinostart ist für den 29. Juli anvisiert.

Dass Verena Altenberger bei einem solchen Drehpensum - und das inmitten von Corona - noch so fröhlich und hochenergetisch rüberkommt, ist eigentlich nicht normal - denn Rollen kriechen, wie sie zugibt, schon auch in ihr Innerstes. "Ich habe mich für die Rolle als Krebskranke gerade sehr intensiv mit dem Thema Sterben auseinandergesetzt. Dafür rasierte ich mir die Haare ab - und trug jetzt zwei Monate lang eine Spiegelglatze. Jetzt sind die Haare wieder ein paar Millimeter nachgewachsen. Ich habe in der Zeit auch körperlich ein bisschen was durchgemacht. Nach solchen Drehtagen geht überhaupt nichts mehr in meinen Kopf, geschweige denn in meine Seele hinein."

Keine Kraft fürs Filmeschauen

Normalerweise nutzt die 33-jährige Wahl-Wienerin, die aus dem Salzburger Land stammt, den Sport zum Runterkommen. "Ich gehe wirklich fast jeden Tag laufen, aber selbst das habe ich nach diesen Drehtagen dann auch nicht immer geschafft. Dann sitze ich nach der Arbeit auch mal am Küchentisch für zwei Stunden und gehe danach einfach schlafen - ohne irgendwas getan zu haben." Von diesem "schlanken" Feierabend erzählt Verena Altenberger in "Die Fernsehkritik - der Podcast" - einem Hörstück, in dem es um ihre Lieblingsfilme und Serien geht.

Selbst hat sie zuletzt so gut wie nichts Neues geschaut, sagt sie darin fast entschuldigend, weil sie ja selbst für so viel neuen Sehstoff beim Publikum sorgen musste. Solange ihre Einsätze derart viel Qualität besitzen wie in diesem "Altenberger Sommer", kann man sich bei der aktuell wohl angesagtesten Österreicherin auf deutschen Kinoleinwänden und Fernsehschirmen wohl einfach nur bedanken.

Von Eric Leimann