Jürgen Prochnow wird 80
"Ich wurde immer ganz ehrfurchtsvoll angesehen"
Er gehört zu jener kleinen Riege deutscher Schauspieler, die es in Amerika schafften. Anders als bei manch anderen ist dies bei Jürgen Prochnow allerdings nicht nur so dahin gesagt. "Hollywood-Star" - ein Ausdruck, der neben seiner beeindruckenden Karriere auch sein lässiges Auftreten, den kalifornischen Habitus, ja, sein von der Westküstensonne gegerbtes Gesicht adäquat beschreibt. Am 10. Juni vollendet der gebürtige Berliner, der ein Vierteljahrhundert in den USA lebte, sein 80. Lebensjahr. Dass dabei immer wieder "Das Boot" auftaucht, liegt nicht nur an nostalgischer Schwelgerei: Der Film, der Prochnow weltbekannt machte, hat in diesem Jahr ebenfalls ein Jubiläum. 2021 ist es vier Dekaden her, dass "Das Boot" in See stach und Jürgen Prochnow, der damals den Kaleun gab, eine eindrückliche internationale Laufbahn bescherte.

Auch wenn er sich laut Eigenaussage nichts aus derlei Jubiläen macht: Noch heute beeinflusst der Klassiker von 1981 sein Leben, noch immer wird er von den Medien und auf der Straße danach gefragt. "Das Boot" war "der entscheidende Film in meiner Schauspielgeschichte", drückte es Prochnow, der 1970 sein Fernseh- und 1971 sein Filmdebüt gab ("Zoff"), in einem Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau aus: "Er führte dazu, dass ich in Amerika mit offenen Armen aufgenommen wurde - und dort mit wunderbaren Regisseuren und Schauspielern arbeiten durfte."

Ohne das Meisterwerk von Wolfgang Petersen wäre alles anders verlaufen, sagte Prochnow, der mit dem deutschen Regisseur bereits zuvor Filme wie "Die Konsequenz" gedreht hatte - 1977 ein Skandal, weil Prochnow darin einen Homosexuellen spielte. "Das Boot" sei dann der Anstoß gewesen, international zu arbeiten. Die Aufmerksamkeit, die ihm das Kriegsdrama in den USA brachte, "kann man sich gar nicht vorstellen", erinnerte er sich. Und: "Das hält bis heute an. Ich wurde immer ganz ehrfurchtsvoll angesehen - bei allen Vorstellungsgesprächen und Treffen mit Regisseuren." In den Jahrzehnten danach avancierte der Deutsche in Hollywood durch Filme wie "Der Wüstenplanet" (1984), "Beverly Hills Cop II" (1987), "Judge Dredd" (1995) und "Air Force One" (1997) zum Superstar.

Rückkehr nach Deutschland - wegen Trump

Eines habe ihm nach dem großen Durchbruch drüben aber Sorge bereitet: "Meine große Angst war es, nur noch Nazi-Rollen zu bekommen." Erst 1996 spielte Prochnow in "Der englische Patient" wieder einen deutschen Major. "Eigentlich wollte ich die Rolle des Spions, den durfte dann aber nur ein Amerikaner spielen", verriet er im Interview und schob lachend hinterher: "Willem Dafoe spielte den dann. Aber es hat sich gelohnt - der Film erhielt schließlich neun Oscars". Überhaupt wurden Prochnow - wohl seinem Akzent, seiner kantigen Statur und seinem eindringlichen Blick geschuldet - meist die Rollen der Schurken angetragen.

Insgesamt ein Vierteljahrhundert lang lebte Prochnow in Kalifornien, 2003 erhielt er die US-Staatsbürgerschaft. "Als ich damals nach Amerika ging, fiel mir die ungeheure Freundlichkeit auf, die Kulanz der Leute. Das war ein großer Unterschied zu Deutschland", erinnerte er sich im Gespräch an das Aufeinanderprallen zweier Welten. 2017 wendete sich das Blatt, und Prochnow, der seit 2015 zum dritten Mal verheiratet ist, kehrte mit seiner Ehefrau Verena Wengler in die deutsche Hauptstadt zurück - auch wegen Donald Trump. Zwar habe der Entschluss schon vorher festgestanden, erklärte er damals im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Aber dass selbst einstige Obama-Wähler aus seinem Freundeskreis Trump wählten, habe ihn "wahnsinnig enttäuscht und verletzt".

"Es ist nicht mehr das Berlin von damals"

Seit seiner Rückkehr tritt Prochnow vor allem in hiesigen Produktionen auf. So spielte die Schauspiellegende, die 2018 bei den Nibelungenfestspielen gar ein Bühnen-Comeback feierte, einen alternden Ex-Offizier in "Leanders letzte Reise" (2017), war zuletzt Ende 2020 in der ARD-Dramedy "Der Alte und die Nervensäge" und im noch nicht veröffentlichten Film "Eine Handvoll Wasser" zu sehen. Dass seine Charaktere Prochnow alterstechnisch bisweilen um gut zehn Jahre voraus sind, fasst der Jubilar nicht als Beleidigung auf. Sondern als Herausforderung: "Man muss das von irgendwo herholen. So hatte ich etwa meinen Großvater vor Augen, dessen Bewegungen, seinen Gang. Daran orientiere ich mich."

Eine "sehr prägende Männerfigur" nannte er jenen Großvater, der ihn mit aufzog, als der Vater - ein Fernmeldeingenieur - in Kriegsgefangenschaft war. Auch mit Blick auf diese von Entbehrungen geprägte Kindheit war für Prochnow, 1941 mitten im Krieg geboren, die Rückkehr in seine Geburtsstadt vor vier Jahren eine Zäsur: "Es ist nicht mehr das Berlin von damals. Ein Teil davon erinnert mich aber noch an meine Kindheit, das fand ich auch wieder." Eine gewisse Nostalgie habe ihn zurückgeführt "in die Zeit, in der ich als Kind in den Trümmern aufwuchs", so Prochnow, der nach dem Umzug der Familie 1952 in Düsseldorf seine weitere Kindheit und Jugend verbrachte.

Vielleicht bewirkte die Erfahrung jener Generation, deren Väter im Krieg blieben oder gezeichnet aus der Gefangenschaft zurückkehrten und deren Kindheit in einem zerstörten Land stattfand, eine besondere Freiheitsliebe: "Ich tat alles dafür, am Theater das freie Leben eines freien Schauspielers leben zu können", blickte Prochnow auf seine schauspielerischen Anfänge als junger Mann zurück. "Und ich unternahm entscheidende Schritte, um nach Amerika gehen zu können." Auch wenn ihn das Älterwerden "gerade nach diesem furchtbaren Jahr", in dem er zwei Freunde an das Virus verlor, "schon sehr" beschäftigt: Die Freiheit scheint Jürgen Prochnow mit 80 nicht mehr in Amerika, sondern an jenem Ort gefunden zu haben, an dem er zur Welt kam.

Von Maximilian Haase