Detlev Buck über den Corona-Shutdown für Filmproduktionen
Detlev Buck über den Corona-Shutdown für Filmproduktionen
"Die Erde will ihre Ruhe haben"
Eigentlich sollte Detlev Buck vor allem wegen der am 3. April bei Amazon anlaufenden Serienfortsetzung seiner "Bibi & Tina"-Filme befragt werden, doch in Zeiten der globalen Corona-Krise gibt es natürlich Wichtigeres. Buck, 57, musste am Tag vor dem Interview die Dreharbeiten für seine Neuverfilmung des Thomas Mann-Romans "Felix Krull" unterbrechen. Im Team gab einen Corona-Fall, Drehorte wurden gesperrt und nach wenigen Tagen kam auch die politische Verordnung: Alle Kameras in Deutschland, die derzeit an Fiction werkeln, stehen bis auf Weiteres still. Ungeachtet der Tatsache, dass keiner weiß, wann das Filme produzierende Gewerbe weitermachen kann, spricht der Kultregisseur über wirtschaftliche und soziale Folgen für Filmleute, die Schwierigkeit, in hochbelasteten Zeit Kunst zu erschaffen, aber auch das Glück, plötzlich wieder Vögel singen zu hören.

Weser-Kurier: Herr Buck, Sie haben bis Mitte März an der Neuverfilmung von "Felix Krull" gedreht - dann wurden die Dreharbeiten abgebrochen. Wer hat das bestimmt?

Detlev Buck: Wir hatten acht Tage gedreht. Zu einer Zeit, in der sich die Corona-Krise praktisch täglich dramatisch verschärfte. Dann bekamen wir einen positiven Corona-Befund im Team. Wir wurden getestet, auch ich - negativ. Außerdem wurden unsere nächsten Drehorte gesperrt, das waren vorwiegend Schlösser - da haben wir die Dreharbeiten unterbrochen. Das war am Montag, 16. März.

Weser-Kurier: Hat jemand die klare Autorität, Dreharbeiten zu unterbrechen?

Buck: Ja, die bayerische Filmkommission hat in unserem Fall Dreharbeiten untersagt. Zu jenem Zeitpunkt, als wir unterbrochen haben, war es bundesweit noch ein bisschen Ermessenssache. Wir hatten am Samstag noch ein paar Szenen gedreht, hätten logistisch vielleicht noch zwei Tage weitermachen können. Aber die Stimmung war so, dass für mich klar war: Es macht keinen Sinn weiterzudrehen.

"Menschen haben noch gar nicht begriffen, was sich alles verändert hat"

Weser-Kurier: Sind mittlerweile alle Dreharbeiten in Deutschland unterbrochen?

Buck: Die großen Produktionen ruhen alle seit Mitte März, so wie bei uns. Ein paar kleinere Teams haben noch ein paar Tage weitergemacht. Aber mittlerweile ruht alles, aber man hört von Ausnahmen.

Weser-Kurier: Wie geht es Ihnen damit?

Buck: Für mich ist das okay. Es gibt derzeit wichtigere Dinge, als Filme zu drehen. Die Erde will ihre Ruhe haben. Das entnehme ich dieser Krise ganz deutlich. Es gibt ja auch Positives. In China ist die Luft so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch bei uns hört man wieder Vögel singen, wo es zuvor viel zu laut und hektisch war.

Weser-Kurier: Glauben Sie, dass abseits der Katastrophe, die gerade passiert, die Menschheit aus dieser Situation etwas Positives lernen wird?

Buck: Ja, das hoffe und glaube ich. Wir haben vor Corona intensiv über den Klimawandel gestritten und uns gefragt, warum wir unser Leben nicht schneller und radikaler umstellen, als es geschah und nötig gewesen wäre. Nun kam etwas über uns, das noch viel schneller existenziell bedrohlich wurde, als der Klimawandel. Obwohl uns der ja auch nicht mehr viel Zeit lässt. Ich glaube, die ganze Globalisierung und Digitalisierung passierte einfach zu schnell. Die Menschen haben noch gar nicht begriffen, was sich alles verändert hat. Daher kam ja auch dieser Rückzug ins Nationale, die Hinwendung zu Populisten. Wir mussten unser Tempo radikal drosseln - und innehalten.

"Man kann von Schauspielern nicht verlangen, so zu tun, als ob nichts wäre"

Weser-Kurier: Glauben Sie, dass die Pandemie politisch in eine gute Richtung wirkt?

Buck: Ich glaube schon. Populisten tun ja immer so, als wären sie diejenigen, die Lösungen haben und diese kompromisslos umsetzen. In der Regel haben sie aber keinerlei echte Lösungen, schon gar nicht auf komplexe Fragen. Momentan erleben wir eine Renaissance der Rationalität und der Wissenschaft. Das finde ich ziemlich gut.

Weser-Kurier: Könnte man rein künstlerisch betrachtet - abseits von Verboten - derzeit überhaupt Filme drehen? Oder würden persönlichen Ängste und Sorgen gute Filme ohnehin verhindern?

Buck: Das ist ist ein interessanter Gedanke. Felix Krull spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris. Das Ganze muss eine gewisse Leichtigkeit haben. Die Kunstsprache Thomas Manns muss sitzen. Das alles sind Attribute, die ich mir derzeit kaum vorstellen kann. Okay, im Deutschland des Jahres 1944 wurden auch noch Komödien gedreht - aber das geschah auf Befehl Josef Goebbels'. So jemanden haben wir ja derzeit nicht (lacht).

Weser-Kurier: Sie finden es also künstlerisch betrachtet gut, dass derzeit nichts Neues entsteht?

Buck: Ich habe neulich den Kriegsfilm "1917" gesehen und gedacht: "Gott sei Dank hast du nicht in dieser Zeit gelebt." Das war aber vor der Pandemie. Mittlerweile bekommt man eine Ahnung davon, wie sich eine epochale Katastrophe zu Lebzeiten anfühlt. Wir werden sicher irgendwann auch wieder Filme drehen, vielleicht sogar schon bald. In diesen Wochen würde ich es allerdings nicht empfehlen. Man kann auch von Schauspielern nicht verlangen, so zu tun, als ob nichts wäre.

"Krise trifft auch Menschen beim Film unterschiedlich hart"

Weser-Kurier: Rechnen Sie mit vielen Pleiten in der Filmbranche?

Buck: Ausgerechnet bei "Felix Krull" bin ich nun das erste Mal nicht Produzent, dafür hätte ich mir keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können (lacht). Nein, es gibt derzeit viele Bekenntnisse der Politik, dass man viel auffangen will - was immer es kostet. Wenn aber die Pause lang sein wird, und danach sieht es derzeit aus, wird nicht alles aufgefangen werden können. Das muss jedem klar sein. Unsere Welt wird nach Corona - auch wirtschaftlich betrachtet - deutlich anders aussehen.

Weser-Kurier: Wie lange pausieren Ihre Dreharbeiten?

Buck: Zunächst mal fünf insgesamt Wochen. Wenn es danach nicht weitergeht, was keiner weiß, bekommen wir echte Probleme. Natürlich trifft die Krise auch Menschen beim Film unterschiedlich hart. Ich habe Freiberufler im Team, die verdienen bei mir dieses Frühjahr ihr erstes Geld 2020. So ist das im Film, es gibt immer wieder Durststrecken, die man überwinden muss. Wenn alles lange stillsteht, wird die Pleiten-Welle Kleine und Große heftig treffen.

Weser-Kurier: Nun hatten wir uns eigentlich zum Gespräch verabredet, weil ihre "Bibi & Tina"-Serie beim Streaming-Dienst Amazon anläuft. Weshalb wollen Sie Ihre Kinderserie nach vier mega-erfolgreichen Kinofilmen eigentlich weitererzählen?

Buck: Das war erst mal nicht meine Idee. Die Firma Kiddinx besitzt die Rechte an den Figuren - die haben sich gewünscht, dass es weitergeht und wollten mit Amazon eine Serie entwickeln. Ich glaube, sie haben nicht damit gerechnet, dass ich da nach den Kinofilmen noch mal mitmache. Mir lag es jedoch am Herzen, dass man das Ganze so fortsetzt, wie wir das über vier Filme etabliert haben.

Da haben mich einige Eltern gefragt: "Muss das denn sein?"

Weser-Kurier: Was meinen Sie konkret?

Buck: Die "Bibi & Tina"-Filme sind wie ein eigenes Genre. Das hat mit den Songs, einer bestimmten Art von Humor, der poppigen Ästhetik und auch mit Themen zu tun. Diesen Mix haben andere auch versucht, aber so einfach ist das nicht. Ich bin bei der "Bibi & Tina"-Serie so eine Art "Showrunner". Da gebe ich auch Verantwortung ab, mache nicht alles selbst, habe auch noch Zeit für andere Projekte. Mit liegen die Figuren ja auch am Herzen. Es gibt kein Projekt in meinem Leben, bei dem ich so viele Zuschriften und Fan-Post bekommen habe. Auch nach dem Motto: Es muss weitergehen! Das prallt keineswegs an mir ab.

Weser-Kurier: Was ändert sich bei "Bibi & Tina", der Serie - gegenüber den Kinofilmen?

Buck: Ich hatte eine Idee für die erste Staffel der Serie, das waren spürbare Folgen des Klimawandels. Das ist so ein bisschen die Klammer der Folgen. Es ist zu trocken, es gibt nicht genug Wasser und andere Phänomene. Die Veränderung der Natur ist ein Thema, das mir schon bei den Kinofilmen am Herzen lag. Ich lebe selbst auf dem Land, da bekommt man die Veränderungen viel mehr mit als in der Stadt. Sie brauchen nur die Bauern zu fragen.

Weser-Kurier: Sollte man gesellschaftliche Fragen in Kinderfilmen verhandeln?

Buck: Ich finde, ja. Im letzten "Bibi & Tina"-Kinofilm "Tohuwabohu Total" ging es um die Flüchtlingskrise. Da haben mich einige Eltern gefragt: "Muss das denn sein?" Ich finde, ja. Kinder sind viel schneller mit Veränderungen konfrontiert. Der Migrant ist schneller an der Schule als am Arbeitsplatz der Eltern. Ich finde nicht, dass man die großen Themen der Zeit vor Kindern verbergen muss. Sie setzen sich auf ihre Art und meist auch ziemlich vernünftig damit auseinander.

"Wir leben hier in Deutschland in einer guten Welt ..."

Weser-Kurier: Was wird Ihr nächstes großes Thema, wenn es mit "Bibi & Tina" weitergeht?

Buck: Derzeit beschäftigt mich das Thema Identität. Meine jüngste Tochter ist gerade fertig mit dem Abitur. Das ist eine Phase, in der man sich intensiv fragt, wer man ist und was man will. Natürlich ist das auch die Jahre davor schon eine große Frage: Woher komme ich? Woher kommen wir? Und wo wollen wir hin? Ich finde, mit vertrauten Figuren wie Bibi, Tina und Co. kann man solche schwierigen Fragen sehr vielversprechend aufgreifen.

Weser-Kurier: Wie weit sind Sie mit einer Fortsetzung - und was wollen Sie noch erreichen?

Buck: Es sind schon Drehbücher für eine zweite Staffel fertig - es kann also weitergehen. Erreichen will ich nichts weiter, als mit den jungen Leuten im Dialog zu bleiben. Wir haben ja kein pädagogisches Projekt, letztlich machen wir Unterhaltung und erzählen Anekdoten. "Bibi & Tina" ist kein Bildungsfernsehen. Trotzdem steht da eine Haltung dahinter: Wir leben hier in Deutschland in einer guten Welt, einer offenen Gesellschaft und in einer schönen Natur. Das alles wollen wir erhalten. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Von Eric Leimann
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