"Der letzte Bulle"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 07.11.2019
Regisseur: Peter Thorwarth
Schauspieler: Henning Baum, Maximilian Grill, Leonie Brill
Entstehungszeitraum: 2019
Land: D
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 100 Min.
Henning Baum im Interview
Henning Baum im Interview
"Auf dem Weg zum Waschhäuschen kann man niemand etwas vormachen"
Während derzeit seine Paraderolle "Der letzte Bulle" noch einmal im Kino erzählt wird, bleibt Schauspieler Henning Baum auch im Fernsehen seinem Image als Kraftmensch treu. In der ARD-Komödie "Mein Schwiegervater, der Camper" (Freitag, 16. November, 20.15 Uhr, ARD) duellieren sich Baum als wertkonservativer Campingplatz-Guru und Oliver Wnuk, der einen "Gender-gemainstreamten und politisch korrekten" Anwalt aus der Großstadt spielt. Das Problem: Beide lieben dieselbe Frau- der eine (Baum) als Vater, der andere als Ehemann in spe und werdender Vater. Ein Komödienkosmos, der einem aus den "Meine Braut, ihr Vater und ich" Filmen mit Robert De Niro und Ben Steller zurecht bekannt vorkommen darf. Im Interview spricht Camping-Fan Henning Baum, der auch in dieser Rolle wieder ein bisschen sich selbst spielt, über Retro-Trends, die sich beim Zelten manifestieren und warum das einfache Leben wieder in Mode kommt.

Weser-Kurier: Sie sind selbst passionierter Camper. War die Rolle wie gemacht für Sie?

Henning Baum: Kann man so nicht sagen. Vor dem Wohnwagen sitzen und Text aufsagen, kann jeder. Dafür braucht man keine speziellen Fähigkeiten. Insofern war ich nicht qualifizierter als andere. Es ist auch eine andere Szene, die im Film beschrieben wird: Dauercamper. Ich selbst kenne solche Leute gar nicht. Ich komme nur auf Zeltplätze, baue mein Nachtquartier auf und am nächsten Tag wieder ab. Ich sehe mich als Reisenden, der Land und Leute entdeckt. Das ist etwas ganz anderes.

Weser-Kurier: Campingplätze an sich sind für Sie also keine natürliche Wohlfühlzone?

Baum: Nicht unbedingt. Ich mag das Reduzierte. Ab und an bleibe ich auch ein paar Tage an einem Ort, wenn es sich ergibt. Campen scheint wieder sehr populär geworden zu sein. Ich stelle fest, dass es in den letzten Jahren auf den Plätzen sehr viel voller geworden ist. Sicher auch deshalb, weil Wohnmobile mittlerweile sehr viel Komfort bieten. Im Gegensatz zu früher sind das heute fahrende Häuser.

"Die Menschen suchen das alte, einfache Leben"

Weser-Kurier: Gibt es gesellschaftliche Trends, die sich im Camping-Boom widerspiegeln?

Baum: Da ist zunächst mal der Trend, mit dem Geld auskommen zu müssen. Wenn mal als Familie mit Kindern in den Urlaub fährt, kann man beim Campen viel Geld sparen. Viele der Leute auf dem Platz können sich nur diese Art Urlaub leisten. Dazu ist es eine sehr kommunikative Art, Urlaub zu machen. Man sieht sich, ist sehr nah beieinander. Kinder können leicht andere Kinder kennenlernen. Ein Ferienhaus sorgt im Gegensatz dazu für viel mehr Abgeschiedenheit, vielleicht auch Einsamkeit.

Weser-Kurier: Werden beim Campen Bedürfnisse befriedigt, die tiefer als das Rationale liegen?

Baum: Ja, ich glaube schon. Campen hat für viele etwas mit Abenteuer und Ursprünglichkeit zu tun. Die Menschen suchen das alte, einfache Leben. Es gibt nicht wenige Retro-Fans unter den Campern. Sie machen sich einen alten VW-Bus zurecht und proben die romantische Hippie-Freiheit. Deshalb sind die alten Busse auch im Preis total hochgegangen. Die Entdeckung des alternativen Lebensstils in den 70-ern und frühen 80-ern ist wieder sehr en vogue. Das sieht man auch in der Mode. Die Leute laufen wieder mit diesen Fjällräven-Ruckäcken rum. Obwohl die überteuert und unpraktisch sind. Aber sie atmen den Geist der Zeit.

Weser-Kurier: Was suchen denn die Menschen in dieser Zeit?

Baum: Vielleicht die Langsamkeit, die Abgrenzung vom hektischen Fluss des Alltags. Komischerweise hat man auf Campingplätzen oft schlechtes oder kein W-Lan. Doch genau das scheint die Leute zu interessieren, so als Erfahrung. Die digitale Diaspora. Das macht schon alles Sinn auf dem Campingplatz. Man muss sich natürlich um sein Frühstück kümmern, um seine Mahlzeiten. Die fallen definitiv kleiner aus, weil man nicht so aufwendig kochen kann.

Weser-Kurier: Was ist ihre Campingplatz-Leibspeise?

Baum: Meine Mahlzeiten sind eher karg. Haferflocken sind ein Dauerbrenner. Auch Brot, ein bisschen Olivenöl und Tomaten. Ölsardinen aus der Dose kann ich empfehlen. Kaffee erfordert schon sehr viel Arbeit. Trotzdem schmeckt er, wie eigentlich alles Selbstgemachte vor dem Zelt, erstaunlich gut. Vielleicht, weil man es mit Fürsorge zubereitet hat und es mit Zeit an der frischen Luft zu sich nimmt. Wahrscheinlich ist es ein Trick des Gehirns, dass es so gut schmeckt. Die Arbeit und Mühe, die man investieren musste, lassen das Essen wertvoller erscheinen.

"Ich hatte eine Gitarre dabei, dazu eine Flachbank mit Kettlebells, um zu trainieren"

Weser-Kurier: Sind Sie eher alleine unterwegs, wenn sie campen?

Baum: Nein. Alleine bin ich ja schon, wenn ich arbeite. Beim Campen ziehe ich eher mit der Familie oder mit Freunden durch die Gegend. Es kommt aber auch mal vor, dass ich mir eine kleine Auszeit nehme und solo unterwegs bin.

Weser-Kurier: Wo liegt der Campingplatz, der für den Dreh des Films ausgewählt wurde?

Baum: An der Müritz. Viele der Dauercamper dort haben durchaus Wohnungen, in die sie im Winter zurückkehren. Doch von Frühjahr bis Herbst zieht es sie auf den Campingplatz. Das ist schon interessant, weil die Menschen mit weniger Mobiliar und Besitz offensichtlich zufriedener sind, als in ihrer richtigen Wohnung. Eigentlich wird uns ja etwas anderes suggeriert: Dass wir zufriedener sind, wenn wir möglichst viel besitzen. Vielleicht ist das also gar nicht so (lacht).

Weser-Kurier: Haben die echten Dauercamper von der Müritz Rollen im Film übernommen?

Baum: Bei den Leuten, die im Hintergrund zu sehen sind, handelt es sich um die echten Camper dort. Ein paar von ihnen haben auch kleine Rollen gespielt. Das waren nette Leute, ich habe ein paar von ihnen kennengelernt. Ein bisschen besser sogar, weil ich im Wohnwagen meiner Figur auch übernachtete. Das war herrlich. Abends war ich oft für mich alleine. Die anderen von der Crew lebten alle im Hotel. Ich aber mache das ganz gerne, dass ich während des Drehens im Freien übernachte.

Weser-Kurier: Was tun sie dann, wenn Sie alleine sind?

Baum: Ich hatte eine Gitarre dabei. Und mir dazu eine Flachbank mit Kettlebells eingerichtet, um zu trainieren. Morgens fuhr ich mit den Standup-Paddle über den See. Ich habe mir das ganz schön gemacht. Auch abends. Ein Stück Schwarzbrot, Apfel. Ich tat nichts Besonderes, habe diese Wochen aber als eine sehr schöne Zeit in Erinnerung.

"Auf dem Weg zum Waschhäuschen kann man niemand etwas vormachen"

Weser-Kurier: Fühlten Sie sich auf dem Campingplatz als Promi nicht beobachtet?

Baum: Nein, die Leute lassen sich dort meist in Ruhe. Es ist ohnehin ein Phänomen, eigentlich ein Widerspruch. Die Leute glotzen weniger, als sie es tun würden, wenn alle in ihren eigenen vier Wänden wohnten. Ich empfinde Campen in der Regel als sehr respektvoll. Man könnte glotzen, tut es aber nicht, weil der einzelne so transparent ist und sich kaum schützen kann.

Weser-Kurier: Sie wurden also nicht dauerfotografiert?

Baum: Ich habe es noch nie erlebt, dass ich fotografiert wurde. Vielleicht kommt mal jemand zu mir, stellt sich vor und sagt: "Ist ja nett, dass Sie auch campen!" Aber das kommt nicht oft vor und ich habe es auch nie als aufdringlich empfunden. Die Leute sind ausgesprochen höflich und haben ein gutes Gefühl dafür, was sich gehört und was nicht. Und dass, obwohl wir auf Campingplätzen immer auch ein bisschen die Hosen herunterlassen. Keiner kommt morgens verschlafen aus dem Zelt und sieht blendend aus. Auf dem Weg zum Waschhäuschen kann man niemand etwas vormachen.

Weser-Kurier: Im Film stehen Sie als archaischer Naturbursche gegen einen Anwalt aus der Stadt, der Ihre Tochter heiraten will. Welcher Konflikt wird da symbolisch ausgetragen?

Baum: Interessant ist, dass beide Figuren die Gesellschaft ordnen wollen. Der eine als Anwalt und der andere als Familienoberhaupt und Campingplatz-Patriarch. Es gibt da einen Satz, den ich in der Rolle sage: "Wir brauchen keine Anwälte, wir rufen die Familie." Hartmut, den ich spiele, ist kaum anders als ein Stammesfürst am Hindukusch. Sein Schwiegersohn hingegen ist urban, Gender-gemainstreamt und politisch korrekt. Aus diesem Gegensatz ergibt sich die Komik des Films.

Weser-Kurier: Was spiegelt sich in diesem Konflikt?

Baum: Es sind natürlich zwei real existierende, gesellschaftliche Lager, die da auf dem Campingplatz um eine Deutungshoheit ringen. Sie stehen auch für unterschiedliche Klassen, einen unterschiedlichen Bildungshintergrund. Dass beide im Bestreben, die Liebe einer Frau zu gewinnen oder zu behalten, miteinander ins Gespräch kommen müssen, könnte man auch als Anstoß für mehr Dialog zwischen diesen gesellschaftlichen Gruppen begreifen.

Von Eric Leimann
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