"Midway - Für die Freiheit"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 07.11.2019
Regisseur: Roland Emmerich
Schauspieler: Woody Harrelson, Luke Evans, Ed Skrein
Entstehungszeitraum: 2019
Land: USA
Freigabealter: 16
Verleih: Universum Film
Laufzeit: 139 Min.
Roland Emmerich im Interview zu "Midway - Für die Freiheit"
Roland Emmerich im Interview zu "Midway - Für die Freiheit"
"Wenn man einen Kriegsfilm dreht, kann man nicht einfach etwas dazuerfinden"
Die Schlacht um Midway gilt als eines der wichtigsten Seegefechte der Geschichte. 1942 standen sich hier, mitten im Pazifik, die amerikanische und die japanische Marine gegenüber. In seinem Kriegsspektakel "Midway - Für die Freiheit" (Kinostart: 7. November) erzählt Roland Emmerich ("Independence Day") die Geschichte dieser Entscheidungsschlacht des Pazifikkriegs. Im Interview erklärt der 63-Jährige, der in Stuttgart geboren wurde und mit seinem Ehemann in den USA lebt, warum er 20 Jahre brauchte, um "Midway" auf die Leinwand zu bringen, warum der Film heute so aktuell ist wie nie - und warum er Michael Bays "Pearl Harbor" nicht leiden kann.

Weser-Kurier: Herr Emmerich, Ihr Hauptdarsteller Ed Skrein erklärte, dass Sie und er sich auf gewisse Weise ähneln: Sie beide fühlen sich am Filmset am wohlsten.

Roland Emmerich: Ja, das stimmt. Ich liebe es einfach, Filme zu drehen. Das ging mir schon an der Filmhochschule so. Da wollte ich eigentlich Ausstatter werden und war viel am Set, habe Dinge organisiert, um mit kleinem Geld Sets gut aussehen zu lassen. Schon damals ist mir aufgefallen, dass es mir einfach liegt, am Set zu sein.

Weser-Kurier: Die Dreharbeiten sind nur ein kleiner Teil des Prozesses, einen Film herzustellen. Ist die übrige Zeit dann eher ein wenig mühselig?

Emmerich: In der Zwischenzeit weiß ich natürlich, dass das Wichtigste am Film das Drehbuch ist. Da muss man viel Arbeit reinstecken, was einem manchmal irre einfach fällt, aber manchmal muss man auch sehr hart dran arbeiten, dass es gut wird. Was ich noch sehr schätze, ist der erste Schnitt. Der macht mir Spaß, aber danach wird's ganz schön zäh.

Weser-Kurier: Sie wollten "Midway" schon vor 20 Jahren drehen. Was fasziniert Sie an der Geschichte so sehr, dass Sie das Thema seitdem nicht losgelassen hat?

Emmerich: Mein Lieblingskriegsfilm ist "Die Brücke von Arnheim". Da sieht man, wie eine Militäroperation entsteht, was damit bezweckt wird und wie das umgesetzt ist. In "Midway" ist das ähnlich. Hier haben wir vier Handlungsstränge: die Admiralität, die Leute, die wirklich in der Schlacht kämpfen, ihre Gegner und den Marinenachrichtendienst. Außerdem ist die Schlacht um Midway eine Art Comeback-Geschichte. Die Amerikaner wollten eigentlich nicht in den Krieg ziehen, aber als sie dann überraschend angegriffen wurden, wurde das zum nationalen Trauma, nach dem sie sich aufraffen mussten. Dabei war die Ausgangslage schlecht, aber innerhalb von sechs Monaten haben sie es geschafft, die größte Seeschlacht der damaligen Zeit zu gewinnen. Sie hatten natürlich irre viel Glück und das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, aber es war schon erstaunlich.

Er meinte nur: "Ich hasse den Film!"

Weser-Kurier: Wie kam es, dass Sie den Film vor 20 Jahren nicht machen konnten?

Emmerich: Ich habe damals einen Vertrag mit Columbia Tristar unterschrieben. Die Firma wurde dann von der japanischen Sony gekauft und zu Sony Pictures. Als ich damals dem Columbia-Boss John Kelly die Geschichte vorschlug, war der Feuer und Flamme dafür, aber es wurde dann relativ schnell klar, dass mit dem damaligen Stand der Technik ein Budget von 150 Millionen Dollar nötig gewesen wäre. Da haben die Japaner nicht mitgemacht und meinten: Wir geben doch nicht 150 Millionen Dollar für eine Schlacht aus, die wir verloren haben. Da verlieren wir ja vielleicht noch mal!

Weser-Kurier: Und dann kam Ihnen Michael Bays "Pearl Harbor" zuvor.

Emmerich: Ja, damit war mein Projekt erstmal jahrelang nicht möglich.

Weser-Kurier: Wie fanden Sie "Pearl Harbor"?

Emmerich: Nicht so gut. Da fliegen Spitfires rum. Spitfires wurden beim Kampf in Europa eingesetzt. Das war dem Film aber scheißegal. Und dann wird der Überraschungsangriff der US-Luftstreitkräfte auf Tokio, der ja auch in meinem Film kurz gezeigt wird, so dargestellt, als wäre das schon fast der Gesamtsieg über Japan gewesen. Übrigens habe ich später Randall Wallace, den Drehbuchautor von "Pearl Habor", gefragt, wie sein Drehbuch zum Film eigentlich aussah und was er vom fertigen Produkt hält. Und er meinte nur: "Ich hasse den Film!" Weil die natürlich sehr viel verändert hatten.

Weser-Kurier: Während "Midway" sehr authentisch gestaltet ist.

Emmerich: Das war mir auch wichtig. Wenn man einen modernen Kriegsfilm dreht, kann man nicht einfach irgendetwas dazuerfinden!

Weser-Kurier: Sie zeigen im Film den Regisseur John Ford während der Dreharbeiten seines Dokumentarfilms "The Battle of Midway".

Emmerich: Das fand ich hochinteressant. John Ford hatte irgendeinen Tipp bekommen, dass in Midway etwas Größeres abgehen könnte - und das, während er seinen Dokumentarfilm drehte. Deswegen war er dann auch da, als Midway angegriffen wurde. Er wurde, wie es im Film auch zu sehen ist, dabei verletzt.

Weser-Kurier: Und während er beschossen wird, lässt er weiterdrehen. Könnte Ihnen das in so einer Situation auch passieren?

Emmerich: (lacht) Nein, ich hätte nur noch gerufen: "Bringt mich so schnell wie möglich in den Bunker."

Weser-Kurier: Während Ford mit seinem Kameramann noch auf das Dach der Befestigung lief.

Emmerich: Ich glaube, die waren damals einfach anders drauf. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich bin nicht der Mutigste.

"Es ist gut, dass wir den Film jetzt gemacht haben"

Weser-Kurier: "Midway" ist sehr ausgewogen bei der Darstellung beider Seiten. Und er kommt ohne diesen typisch amerikanischen Hurra-Patriotismus aus.

Emmerich: Ja, das war mir sehr wichtig. Ich glaube, wenn ich den Film für ein großes Studio gemacht hätte, hätten die wahrscheinlich auf ein paar Jubel-Szenen bestanden. In einem modernen Kriegsfilm kann ich aber keine Jubel-Szenen einbauen, weil das den Krieg auch verherrlichen würde. Mir war es zudem wichtig, die Japaner nicht als Schurken zu zeigen, sondern auch den kulturellen Unterschied herauszuarbeiten, wenn manche Kapitäne am Ende bewusst mit ihren Schiffen untergehen. Das hätte ein Amerikaner nie getan, für die Japaner war das aber selbstverständlich.

Weser-Kurier: Ist "Midway" auch ein Kommentar dazu, nicht zu vergessen, wofür Amerikaner gestorben sind - zu einer Zeit, da in den USA, aber auch im Rest der Welt, rechtsextremistische und populistische Tendenzen im Aufwind sind?

Emmerich: Ich denke, es ist gut, dass wir den Film jetzt gemacht haben. Insbesondere, wenn man sieht, wie hässlich die Politik in den USA geworden ist, während das Land früher viel idealistischer war. Die waren vor dem Einstieg in den Zweiten Weltkrieg auch auf Isolationskurs und wollten nicht in den Krieg hineingezogen werden, aber dann haben sie sich ins Zeug gelegt. Ohne die Amerikaner würde die Welt anders aussehen. Die Amerikaner haben damals, obwohl sie von den Japanern angegriffen wurden, zuerst ihr Hauptaugenmerk auf Europa gelegt - und zweitrangig im Pazifik gekämpft.

Weser-Kurier: Der von Woody Harrelson gespielte Flottenadmiral Nimitz musste sich um den Pazifik kümmern.

Emmerich: Nimitz war ein sehr interessanter Mensch. Nach dem überraschenden Angriff der Japaner auf Pearl Harbor hat er die Mitarbeiter vom Marinenachrichtendienst, die den Angriff nicht kommen gesehen hatte, nicht gefeuert. Sondern ihnen gesagt: "Ihr habt's verbockt, macht es jetzt besser." Und das haben sie dann auch.

"Wir haben einen riesigen Kinostart in Japan"

Weser-Kurier: Sie hatten wahrscheinlich ein ganzes Heer an Historikern als Berater.

Emmerich: Ja, das waren wirklich sehr viele. Von der Navy erhielten wir jede Menge Pläne für die Flugzeugträger und dergleichen. Während der Dreharbeiten hatten wir dann einen Navy-Historiker, der in Pearl Harbor tätig ist und wirklich alles über diese Schlacht wusste, dabei. Und wir hatten jemanden, der sich nur mit Flugzeugträgern auskannte. Der Mann hieß Chuck, war 85 Jahre alt und hat früher auf einem Flugzeugträger gedient. Außerdem hatten wir einen Kampfpiloten namens Crash, der unseren Schauspielern zu erklären versuchte, wie es ist, in einer solchen Maschine zu sitzen. Die Schauspieler selbst waren ja nicht in Flugzeugen, sondern nur in Simulatoren, die sie etwas herumschüttelten.

Weser-Kurier: Und wie war das mit den Szenen, die in Japan und China spielen?

Emmerich: Auch dafür hatten wir eigene Berater. Der japanische war tatsächlich einer der wichtigsten, weil sich kaum jemand mit dem japanischen Militär auskennt, das völlig anders funktioniert als etwa das amerikanische. Er hatte immensen Einfluss auf den Film, weil er immer anmerkte, wenn etwas nicht stimmte, und ich das dann auch umgesetzt habe. Von ihm erfuhren wir zum Beispiel, dass die Armee und die Marine in Japan bei Treffen streng getrennt saßen und die Leute einander nicht anblicken durften. Das sind faszinierende Kleinigkeiten, die wir in den Film einbringen konnten.

Weser-Kurier: Wird "Midway" in Japan zu sehen sein?

Emmerich: Die Japaner waren die Einzigen, die den Film nicht vorab gekauft hatten. Wir haben den japanischen Verleihern später die japanischen Szenen gezeigt, woraufhin die tatsächlich begeistert waren. Es gab reine richtige Auktion um den Film, wobei letzten Endes doppelt so viel bezahlt wurde, wie wir ursprünglich verlangt hatten. Und nun haben wir einen riesigen Kinostart in Japan.

Weser-Kurier: Ihr nächstes Projekt ist "Moonfall". Was können Sie dazu verraten?

Emmerich: Ende April oder Anfang Mai beginnen wir mit den Dreharbeiten. Der Film wird ein bisschen philosophischer, weil es um die großen Fragen der Menschheit geht. Wo kommen wir her? Wieso gibt es den Mond? Wie wichtig ist er überhaupt für uns? Ich glaube, das wird toll.

Von Peter Osteried
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