"Skin"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 03.10.2019
Regisseur: Guy Nattiv
Schauspieler: Jamie Bell, Danielle Macdonald, Vera Farmiga
Entstehungszeitraum: 2018
Land: USA
Freigabealter: 16
Verleih: 24 Bilder
Laufzeit: 118 Min.
Jamie Bell im Interview zu "Skin"
Jamie Bell im Interview zu "Skin"
Auge in Auge mit einem Neonazi
Natürlich sitzt Billy Elliot immer mit am Tisch, wenn man mit Jamie Bell spricht. Das weiß der britische Schauspieler auch selbst und kokettiert ein wenig mit seinen weichen Gesichtszügen. Seine Niedlichkeit hat ihn, so verrät er nebenbei, schon einige Rollen gekostet. Dass Bell in dem rauen Aussteigerdrama "Skin" (Kinostart: 3. Oktober) nun einen bis unter die Augenlider tätowierten Neonazi spielt, mag auf den ersten Blick überraschend scheinen. Es die wahre Geschichte von Bryon Widner, der einst zu den meistgesuchten Protagonisten der White Surpremacists der USA gehörte. Aber erstens spielt sich Bell in der Rolle des echten Nazi-Aussteigers in einen veritablen Rausch, und zweitens gibt er in einem freimütigen Interview zu, ziemlich viel Wut mit sich herumzutragen.

Weser-Kurier: Ein fanatischer, brutaler Nazi, der aus der Szene aussteigen will: Hat Ihnen diese Rolle keine Angst gemacht?

Jamie Bell: Das hat sie durchaus. Aber zunächst einmal sah ich die Möglichkeit, eine Rolle zu spielen, die sich extrem von denen unterscheidet, die ich normalerweise angeboten bekomme. Das beginnt schon bei den körperlichen Aspekten: Ich verschwand in "Skin" förmlich hinter den Tattoos. Aus künstlerischer Sicht war es einfach unwiderstehlich, einen echten Menschen zu spielen. Noch wichtiger ist allerdings der moralische Aspekt: "Skin" erzählt etwas über Menschen, die unverzeihliche Dinge tun. Wie gehen wir damit um? Haben sie eine zweite Chance verdient? Der Reiz des Films ist, dass er keine Antwort liefert, sondern diese Fragen offen lässt.

Weser-Kurier: Haben Sie für sich selbst eine Antwort gefunden?

Bell: Nein, das habe ich nicht. Ich frage mich, wie alle anderen wohl auch, ob ein Mann, der sein Leben dem Hass gewidmet hat, ein guter Vater sein kann und seine Frau anständig behandelt? Der Typ hat sich seinen Hass ins Gesicht tätowiert: Ich bin mir sicher, dass er es aus voller Überzeugung tat und nicht davon ausging, dass er sich die Tinte eines Tages weglasern lassen würde. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, dass es diese Möglichkeit gibt.

"Vergebung gehört nicht zu meinen persönlichen Stärken"

Weser-Kurier: "Skin" bekommt durch die Ereignisse in Charlottesville 2017 noch einmal zusätzliche Brisanz ...

Bell: An dem Tag sprach ich das erste Mal mit Bryon Widner. Als wäre die Begegnung via Skype nicht schon befremdlich genug, brach er das Gespräch recht schnell ab: Sein Freund Daryle Lamont Jenkins von der Organisation One People's Project, der ihm den Ausstieg aus der Neonaziszene erst ermöglichte, war vor Ort, und Widner fürchtete um sein Leben.

Weser-Kurier: Was haben Sie in diesem Moment gedacht?

Bell: Dass es ein guter Start ist: Ich sah, dass Widner der Empathie fähig ist, dass in ihm eine gewisse Menschlichkeit steckt. Dennoch rief ich kurz darauf Regisseur Guy Nattiv an und sagte ihm, dass wir diesen Film nicht machen sollten.

Weser-Kurier: Warum?

Bell: Diese Leute hatten meiner damaligen Ansicht nach die Öffentlichkeit eines Kinofilms nicht verdient. Allerdings wäre dann auch die Geschichte des Mannes im Verborgenen geblieben, der als Holocaust-Überlebender das Geld für die teure Laserprozedur zur Entfernung von Widners Tattoos spendete. Den Großmut zu zeigen, zu dem Menschen fähig sind, das finde ich extrem wichtig. Allerdings muss ich zugeben, dass Vergebung nicht zu meinen persönlichen Stärken gehört: Es hat mich sehr befriedigt, dass die Laserprozedur für Widner extrem schmerzhaft war. Er sollte büßen für das, was er getan hatte.

Weser-Kurier: Wie fühlte es sich an, Widner persönlich zu treffen?

Bell: Sehr befremdlich. Widner ist im Zeugenschutzprogramm, ich wurde also zu ihm gebracht und saß mit ihm drei oder vier Tage in seiner Garage, um mit ihm das Drehbuch durchzugehen. Der Mann hat in der Zeit bestimmt ein paar Hundert Zigaretten geraucht: Ich konnte nicht mehr atmen und dachte, ich würde ersticken. Also fragte ich ihn, ob er das Tor aufmachen könne, damit ich nicht ersticke. Das war nicht möglich: Widner hatte Angst, dass er dann einfach durch das offene Tor erschossen würde. Noch schlimmer als die alltägliche Angst um sein Leben ist aber die Schuld, die er mit sich herumträgt und mit der er jeden Tag im Spiegel konfrontiert ist. Die Tattoos aus seinem Gesicht wurden entfernt, alle anderen sind aber noch da.

"Ich habe die Wut in mir"

Weser-Kurier: Glauben Sie dass, sich Widner geändert hat?

Bell: Davon bin ich überzeugt, ja. Allerdings kann er seine persönliche Geschichte nicht umschreiben. Niemals. Er hat einst die Entscheidung getroffen, sich mit ganzer Kraft einer rassistischen Ideologie zu verschreiben, hat sich der ihr innewohnenden Gewalt hingegeben. Das wird für immer in ihm drin sein, auch wenn er gelernt hat, diese Instinkte zu kontrollieren. Wie gesagt: Jetzt muss er sich damit jeden Tag auseinandersetzen, wenn er in den Spiegel blickt.

Weser-Kurier: Wissen Sie, ob er den Film gesehen hat?

Bell: Wir stehen immer noch in Kontakt. Er hat den Film gesehen, und ich glaube, es hat ihn sehr bewegt, wie wir die Beziehung zu den Kindern dargestellt haben. Im Allgemeinen ist er aber sehr nervös, weil er durch den Film wieder Aufmerksamkeit auf sich zieht: Er fürchtet sich davor, wie die Leute sein Leben beurteilen.

Weser-Kurier: Wie war es denn für Sie, sich im Spiegel zu sehen mit all den Tattoos und den kurzgeschorenen Haaren?

Bell: Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir es so hinbekommen haben, dass es glaubhaft war. Meine Gesichtszüge sind ja eher weich, dem kann ich einfach nicht entkommen. Wir mussten viel ausprobieren, bis die Maske aus mir einen Nazi gemacht hat.

Weser-Kurier: Wie hat sich das angefühlt?

Bell: Aus Kostengründen konnten die Tattoos während der Dreharbeiten irgendwann nicht mehr entfernt werden. Damit auch im echten Leben herumzulaufen war vielleicht die befremdlichste Erfahrung. Ich meine, Widner hat sich mit vollem Bewusstsein dafür entschieden: Er wollte die Leute einschüchtern und ihnen Angst machen. Ich habe festgestellt, dass das wirklich funktioniert. Die Menschen gehen automatisch einen Schritt zurück. Wenn ich mit den Tattoos in einem Diner ein Spiegelei bestellte, machte sich die Bedienung in die Hose. Die Tattoos geben dir ein Gefühl von Macht - und ich muss zugeben, es genossen haben.

Weser-Kurier: Wie haben Sie eigentlich die Wut und die Aggressionen gefunden, die Sie für die Rolle brauchten?

Bell: Die habe ich ohnehin in mir, was wahrscheinlich an meiner Kindheit liegt. Ich kannte meinen Vater nicht und bin deswegen sehr nachtragend. Allerdings habe ich das Glück, dass ich meinen Zorn durch künstlerische Ventile kontrollieren kann.

Weser-Kurier: Werden Schauspieler süchtig nach Rollen, vor denen sie sich fürchten?

Bell: Da ist auf jeden Fall etwas dran. Ich dachte über meinen Vater immer: Was du nicht kennst, kannst du nicht vermissen. Aber das ist nicht so: Ich bin wütend auf ihn, diese Wut habe ich durch die Arbeit an "Skin" entdeckt. Sie musste raus aus mir.

Von Andreas Fischer