"Ein Becken voller Männer"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 27.06.2019
Regisseur: Gilles Lellouche
Schauspieler: Mathieu Amalric, Guillaume Canet, Félix Moati
Entstehungszeitraum: 2018
Land: FR
Freigabealter: 6
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 122 Min.
Gilles Lellouche und Félix Moati im Interview zu "Ein Becken voller Männer"
Gilles Lellouche und Félix Moati im Interview zu "Ein Becken voller Männer"
Mehr Weiblichkeit wagen!
In Frankreich gebe es vor allem eine Sorte von Filmen, erläutert Regisseur Gilles Lellouche: Filme für Frauen. Die für Männer liefen so nebenher. Seine neue Komödie "Ein Becken voller Männer" (Start: 27. Juni) schickt sich an, die starren Grenzen einzureißen. Sind es doch Herren in der Midlife-Crisis, die sich hier der gemeinhin weiblichen Disziplin des Synchronschwimmens verschreiben - und dafür ein ganzes Stück weit frauliche Anmut und Grazie erwerben müssen. Denn sie wollen ja wohl nicht, wie es eine ihrer unerbittlichen Trainerinnen formuliert, weiterhin "wie die Kartoffeln" ins Wasser sacken.

Gilles Lellouche, 47, gilt als einer der gefragtesten Kino- und Fernsehschauspieler Frankreichs. In Deutschland hat er vor allem mit "Kleine wahre Lügen" beeindruckt. "Ein Becken voller Männer" ist schon seine sechste Arbeit als Regisseur. Félix Moati, 29, ist auf einem ähnlichen Weg. "Voll verschleiert" hat auch hierzulande seine Verwandlungskunst gezeigt, und inzwischen dreht er ebenfalls selbst. Was treibt die beiden zu einem Film mit Wasserballett, Antihelden und Infragestellung von Männlichkeit? Bei exquisitem Gebäck erwiesen sich die Herren als sehr auskunftsfreudig.

Über und unter Wasser

Weser-Kurier: War es aufreibend für Sie, all dieses Schwimmen, die Sprünge ins Wasser, das Tänzeln?

Felix Moati (gespielt vorwurfsvoll): Sehr - für uns auf alle Fälle! Für Gilles ja weniger, der stand nur hinter der Kamera.

Gilles Lellouche (lachend): Oh ja, ja!

Moati: Man musste sehr besonnen und vorsichtig sein, sich aufeinander einstellen. Wir mussten uns aufeinander verlassen können. Andernfalls kommt eben nichts Synchrones dabei heraus. Deshalb mussten auch wirklich alle von uns ins Wasser. Wir hatten viel zu bereden, mussten aufeinander aufpassen, eine Gruppe bilden. An Gilles hat es dann gelegen, uns Rhythmus, Disziplin, Tempo zu geben. Es war sehr hart, sehr, sehr hart.

Weser-Kurier: Und eine ehemalige Trainerin des französischen Olympiateams hat Sie unterwiesen?

Lellouche: Ja! Sie selbst ist bei dem Trainer in die Schule gegangen, der alle französischen Champions im Synchronschwimmen hervorgebracht hat. Das passte ja gut zu uns (lacht)!

Weser-Kurier: Wie war's unter dem weiblichen Kommando?

Lellouche: Das war witzig. Zuerst hat sie die Darsteller einer Art Evaluation unterzogen, um ihr Niveau, ihre Schwimm-Kompetenz und so weiter herauszufinden. Julie - so heißt sie - hat festgestellt: Die sind zu schlecht. Einer konnte ja auch eigentlich gar nicht schwimmen. "Du bist verrückt", hat sie gesagt, "wenn Du glaubst, dass das klappt." Ich habe zu ihr gesagt: "Du, das ist ein Film! Ein Film!" (lacht)

Weser-Kurier: Aber Sie waren richtig unter Wasser, oder?

Lellouche: Ein paar Sachen mussten andere machen, wenn etwa die Beine sich in der Luft bewegen. Das war einfach zu kompliziert, technisch zu anspruchsvoll.

Weser-Kurier: Und wenn Guillaume Canet, in Frankreich ein großer Star, einen großen Sprung macht, ist er das selbst?

Lellouche: Das ist er selbst. Aber er hier (langt hinüber zu Moatis Knie) - er hier ... (beide können vor Lachen einen Moment nicht sprechen.) Er, er spielt ja den "Pfeiler" im Film, den, auf den der Turm aus Männern im Wasser aufgebaut ist. Im Film kann er dreieinhalb Minuten unter Wasser bleiben. In der Realität hat er nie mehr als vier Sekunden geschafft.

Weser-Kurier: Am Synchronschwimmen zeigt der Film humorvoll auf, welche ungenutzten Möglichkeiten es für Männer gibt, sich auszudrücken - und sich damit auch zu verändern, oder?

Lellouche: Der Film sollte schon ein kleiner Schock sein, ein kleiner Impuls, in einer bisweilen ziemlich abgestumpften Gesellschaft ein bisschen aus eigener Kraft wiedergeboren zu werden.

Scheitern gehört zum Leben

Weser-Kurier: Die Männer im Film sind ja auch ziemlich abgeschnitten: Sie leben fern von der Familie, in Trailern, sind seit Jahren arbeitslos ... Randfiguren eben.

Lellouche: Ja, sie leben jenseits von dem, was sie leben wollen. Sie kommen sich nutzlos vor, ohne Ruhm, Erfolg, Geld ... Dabei wird das doch alles mit Männlichkeit verbunden. Aber sie finden eine Gemeinsamkeit, sie treten aus ihrer Einsamkeit heraus. Ich denke einfach, jeder steht auf irgendeine Weise am Rand. Jeder hat sein ideales Leben verfehlt. Mich interessiert der Abstand zwischen der eigenen Wahrnehmung, was man geschafft hat, und dem, was Realität ist. Jeder ist auf seine Art Realitätsverweigerer.

Weser-Kurier: Im Film sagt Délphine beziehungsweise Virginie Efira zu den Männern ihrer Synchronschwimmtruppe: Ihr müsst die Frau, das Mädchen in Euch suchen. Wie ist es mit Ihnen - haben Sie die Frau in sich gefunden, als Sie den Film gemacht haben?

Lellouche: Die ganze Konzeption des Films dreht sich ja um diese zentrale Idee. Ich habe mir beim Schreiben die Frage gestellt, was das denn gesellschaftlich heißt, wenn ein Mann so eine sportliche Disziplin betreibt. Ist das komisch, und warum ist es das? Und inwieweit können sich meine männlichen Figuren überhaupt feminin verhalten? Für mich riskieren die ganz schön was. Um das Feminine, genau darum geht es, aus einer in gewisser Weise verfremdeten Perspektive. Weiblichkeit als Wagnis.

Moati: Wir leben in einer Gesellschaft, die sich viel zu wenig Gedanken macht. Es scheint alles so einfach: Das ist ein Mann, der ist stark, das ist eine Frau, die ist schwach. Aber ich bin in meiner Familie immer umgeben gewesen von Männern, die eher schwach gewesen sind, und von Frauen, die stark waren. Die gesellschaftliche Abbildung der Geschlechterrollen ist total blöde und obsolet. Und in unserem Film wird der Kult der Männlichkeit ganz schön auseinandergenommen. Beleuchtet wird die Fragilität. Die Männer im Film leben ein Stück Feminität - dank ihrer Trainerin Délphine.

Weser-Kurier: Aber irgendwie erlaubt Ihnen das Frausein ja auch, wieder Männer werden zu können, oder?

Lellouche (lacht): Klassischerweise wird Männern Mut nachgesagt. Und wenn sie ihre weibliche Seite akzeptieren, dann zeigen sie Mut, oder?

Weser-Kurier: Was meinen Sie, wen wird der Film mehr interessieren - Männer oder Frauen?

Lellouche: Ah - das habe ich mich, ehrlich gesagt, noch gar nicht gefragt. Ich wollte einen Film jenseits aller Kategorien und allen Zielgruppendenkens machen ... Hier wird keine bestimmte soziale Schicht, kein bestimmtes Alter angepeilt. Das potenzielle Publikum ist ziemlich breit aufgestellt. Ich glaube aber, die ersten Zuschauer waren eben Frauen. Das mag auch daran liegen, dass das Plakat und die Informationen in Frauenzeitschriften die Erwartung eines interessanten Blicks auf Männer geweckt haben.

Von Andreas Günther
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