"Roads"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 30.05.2019
Regisseur: Sebastian Schipper
Schauspieler: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu
Entstehungszeitraum: 2018
Land: DE / FR
Freigabealter: 6
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 99 Min.
Fionn Whitehead im Interview
Fionn Whitehead im Interview
"Kreativität und Politik liegen nah beieinander"
Manche Talente erkennt man einfach sofort. Fionn Whitehead ist so ein junger Schauspieler, der die Voranstellung "Nachwuchs-" längst nicht mehr benötigt. Gerade einmal 21 Jahre alt, spielte der Londoner bislang ausnahmslos fantastische Rollen - und begeisterte schon mit seinem ersten Kinofilm 2017 Kritik und Publikum. Christopher Nolan besetzte ihn als junge Hauptfigur im Kriegsdrama "Dunkirk", das Whitehead über Nacht zum neuen Shootingstar machte. Nach dem Religionsdrama "Kindeswohl" und dem herausragend experimentellen Abstecher in die dystopische Netflix-Reihe "Black Mirror: Bandersnatch" wagt sich der Brite nun an ein weiteres Genre - unter Leitung eines diesmal deutschen Ausnahmeregisseurs: In Sebastian Schippers Roadmovie "Roads" (Kinostart: 30.05.) begibt sich Whitehead auf einen bemerkenswerten Teenager-Trip im Angesicht der Flüchtlingskrise.

Weser-Kurier: Der britische "Guardian" nannte Sie aufgrund Ihrer bisherigen düsteren Rollen den "Prinzen der Dunkelheit". Glauben Sie, das könnte sich mit "Roads" nun ändern?

Fionn Whitehead: Kann sein. "Roads" besitzt in mancher Hinsicht eine leichtere Atmosphäre. Aber egal wie sie mich nennen: Ich fühle mich ohnehin geschmeichelt (lacht).

Weser-Kurier: Mochten Sie den Zugang des Films vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise?

Whitehead: Das hat mich als Erstes fasziniert: "Roads" ist bisweilen sehr humorvoll erzählt - auch wenn das ernste Thema dahinter problemlos Stoff für ein echtes Drama sein könnte. Der lockere Ton hilft dem Publikum auch, die angesprochenen Probleme erst einmal sacken zu lassen, zu verarbeiten. Manchmal verweigert man sich dem, wenn es zu dramatisch wird.

Weser-Kurier: Damit hebt sich der Film von vielen anderen Filmen mit Geflüchteten ab.

Whitehead: Regisseur Sebastian Schipper hat von Anfang an klar gemacht, dass er die Story nicht als Indie-Tragödie erzählen wollte. So nach dem Motto: Der Westeuropäer trifft auf den Geflüchteten und hilft ihm, um sich selbst besser zu fühlen. Es wäre sehr einfach gewesen, in diese Falle zu tappen. Das wollte Sebastian vermeiden. Im Vordergrund stand die Geschichte eines Roadtrips zweier 18-Jähriger, die sich miteinander anfreunden.

Weser-Kurier: Erzählt die Geschichte in diesem Sinne auch von Jugendlichen, die unabhängig von ihrer Herkunft einen ähnlichen Blick auf die Welt haben?

Whitehead: Definitiv. So ernst die Lage auch ist - am Ende sind es Teenager, die herumfahren und Leute kennenlernen wollen, die Partys feiern und miteinander trinken und kiffen.

Weser-Kurier: Es ist nur wenige Jahre her, da waren Sie selbst noch im Teenageralter. Seither hat sich in kurzer Zeit viel verändert. Kam das Ende Ihrer Jugend mit der Prominenz?

Whitehead: Auf gewisse Weise kann man das so sagen. Als ich meinen ersten Job bekam, in der Serie "Him", und fast zeitgleich die Rolle in "Dunkirk", änderten sich viele Dinge ziemlich schnell und ziemlich radikal. Vorher war ich ein relativ normaler Typ. Andererseits bewarb ich mich auf ziemlich viele Rollen, schrieb E-Mails und ging zu Castings. Wie es dann letztlich kam, hatte ich aber so natürlich nicht erwartet.

Weser-Kurier: Der Durchbruch kam also überraschend?

Whitehead: Ja, es ging alles sehr schnell. Ich hatte eigentlich vermutet, dass ich viele Jahre mit Bewerbungen verbringen würde. So eine Karriere lag für mich nie im Bereich des Möglichen. Mein Vater ist Musiker, meine Schwester ist Tänzerin - ich war also immer von vielen kreativen Menschen umgeben und konnte sehen, wie schwer es ist, in der Kreativindustrie an Jobs zu kommen. Daher hatte ich mich ganz einfach darauf eingestellt, mich so durchzuschlagen. Das genügte mir, und deshalb ging ich an die Schauspielerei ohne große Erwartungen.

"Das kann Angst machen"

Weser-Kurier: Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Das ist es jetzt?

Whitehead: Eigentlich bereits, als ich die Rolle in "Him" bekam. Das war ein offenes Casting, ich hatte einfach wie an zig andere Ausschreibungen meinen selbstgeschriebenen Lebenslauf geschickt. Als ich den Part dann bekam, suchte ich mir in London einen Manager. Ich traf meine jetzige Managerin, und sie fragte mich: "Was willst du machen?" Als ich sagte, dass ich nicht wirklich die Möglichkeit sehe, wählen zu können, antwortete sie: "Jetzt schon." An dem Punkt wurde mir klar, dass ich erstmals darüber nachdenken muss, was ich eigentlich genau will. Das war ein Schock.

Weser-Kurier: War die Vorstellung beängstigend?

Whitehead: Ja, ist sie immer noch, jeden Tag (lacht)! Sebastian sagte mir: Bei der Schauspielerei gibt man dem Publikum ein kleines Stück von sich selbst. Man öffnet sich einer Masse an Menschen, die man nicht kennt, man setzt sich ihnen aus. Das kann Angst machen, ein Risiko ist immer dabei. Zu gleichen Teilen ist es aber auch befreiend.

Weser-Kurier: Interessant ist, dass Sie in Ihrem Alter nicht wirklich auf Social Media aktiv sind. Eine bewusste Entscheidung?

Whitehead: Ja. Ich war vorher nicht dort präsent und bin es auch jetzt nicht. Social Media ist nichts für mich. Wenn es für andere funktioniert, ist das toll, aber mir gibt das nichts, ich finde es seltsam. Es ist einfach, sich vom Lob anderer abhängig zu machen. Gerade als Schauspieler zieht man daraus leicht Befriedigung. Ich sehe darin eine Falle - und ich würde gern das Risiko vermeiden, reinzufallen.

Weser-Kurier: Meinen Sie, man muss aktiv dagegen arbeiten?

Whitehead: Nicht unbedingt dagegen. Es geht vielleicht darum, sich nicht davon mitreißen zu lassen. Nicht an seine eigene Repräsentation in den Medien zu glauben. Viele Menschen sagen immer eine Menge Zeug, vor allem über junge Schauspieler. Davon darf man sich nicht davontragen lassen.

Weser-Kurier: Das hängt sicher auch davon ab, mit wem man in welchen Projekten zusammenarbeitet.

Whitehead: Vielleicht bin ich naiv. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich für die jeweilige Rolle der Richtige bin und deshalb ausgewählt wurde. Dass ich nicht benutzt wurde. Dahingehend hatte ich viel Glück.

Weser-Kurier: Täuscht der Eindruck, oder haben Sie absichtlich mit verschiedensten Genres experimentiert - vom Sci-Fi in "Black Mirror" bis zum Kriegsdrama "Dunkirk"?

Whitehead: Ich hatte immer das Gefühl, dass ich zu dem jeweiligen Projekt passte. So war ich etwa immer ein riesiger "Black Mirror"-Fan. Als sie dafür jemanden gesucht haben, bin ich auf und ab gesprungen (lacht). Die Varianz in meinen Filmen kommt sicher auch daher, dass man nach dem Abschluss eines Projekts Lust auf etwas anderes hat.

Weser-Kurier: Eine Gemeinsamkeit haben Ihre Projekte: Sie besitzen allesamt einen sehr politischen, gesellschaftskritischen Hintergrund. Verstehen Sie sich als politischen Menschen?

Whitehead: Ja, ich denke schon. Kreativität und Politik liegt nah beieinander. Wer etwas erschaffen will, benötigt eine gewisse politische und ethische Grundhaltung.

Weser-Kurier: Mussten Sie sich für "Roads" in politischer Hinsicht, mit Blick auf die Flüchtlingssituation, vorbereiten? Ihr Charakter ist immerhin keine sehr politische Person ...

Whitehead: Das war auf gewisse Weise ein Segen. Hätte ich mich zu sehr ins Thema eingelesen, wäre das für eine relativ naive Figur vielleicht sogar schädlich gewesen. Es ging vorher also weniger um die Politik, denn die würde - wie im Film - auf der Reise automatisch dazukommen. So war es dann auch: Als wir in Calais drehten, war das Schicksal der Geflüchteten schwer zu ignorieren - etwa als wir Refugee-Gemeinschaftsküchen besuchten.

Von Maximilian Haase
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