David Tennant und Michael Sheen im Interview
David Tennant und Michael Sheen im Interview
"Es lohnt sich, für die Welt zu kämpfen"
Vor rund 30 Jahren fassten ein aufstrebender und ein weltberühmter Fantasy-Autor den Entschluss, gemeinsam den Weltuntergang anzuzetteln. Mit einem Antichristen, apokalyptischen Reitern, Engeln, Dämonen und allem, was dazugehört. Das hätte eine ganz schön deprimierende Angelegenheit werden können, wäre jener aufstrebende Schriftsteller nicht Neil Gaiman ("Coraline", "American Gods") und sein weltberühmter Co-Autor nicht Terry Pratchett (Scheibenwelt-Romane) gewesen, die von ihren Fans vor allem für ihren britischen Humor geschätzt werden. Beziehungsweise, in Pratchetts Fall, geschätzt wurden. Nun, nach drei Jahrzehnten Wartezeit, bringt Amazon ab 31. Mai "Good Omens" als TV-Serie heraus - realisiert von Neil Gaiman selbst. In den Hauptrollen: Michael Sheen und David Tennant als Engel Erziraphael und Dämon Crowley, die in ihren 6.000 Jahren auf der Erde die Welt und einander viel zu sehr schätzen gelernt haben, um diese nervige Apokalypsen-Sache jetzt einfach so passieren zu lassen.

Weser-Kurier: Mr. Sheen, was sind David Tennants dämonischste Charakterzüge? Und was macht Michael Sheen zum Engel, Mr. Tennant?

Michael Sheen: Ha, das ist gar nicht so einfach. Die Sache ist die: Obwohl Erziraphael und Crowley für gegnerische Teams spielen, sind sie sich während ihrer Zeit auf der Erde ähnlicher geworden, als sie zugeben möchten. Nur weil Erziraphael ein Engel ist, ist er nicht unbedingt der Gute. Und Crowley ist ganz sicher nicht der Böse: Davids Crowley ist zwar aus dem Holz, aus dem Dämonen geschnitzt sind, hat aber ein gutes Herz. Man muss ihn einfach mögen. So wie David.

David Tennant: Das Herrliche an Michaels Engel ist, dass er so menschlich ist. Er versucht, der Inbegriff der Rechtschaffenheit zu sein und ist manchmal schrecklich heilig, aber so lebensfroh und menschlich. Das macht die Geschichte aus: Dass die zwei übermenschlichen Wesen, um die es geht, eigentlich menschlicher sind als die meisten menschlichen Charaktere, die darin vorkommen.

Der Fan und der Unwissende

Weser-Kurier: Wie kam es dazu, dass Sie zum Engel beziehungsweise zum Dämon wurden?

Sheen: Ich habe "Good Omens" 1990 gelesen, direkt, nachdem das Buch herausgekommen ist. Zu der Zeit besuchte ich die Schauspielschule in London, in meinem zweiten Jahr, glaube ich. Ich hatte zuvor schon Comics von Neil Gaiman gelesen, darum habe ich sofort zugegriffen, als ich den Namen auf dem Buchcover las. Ich kenne das Buch also schon ziemlich lange. Vor zehn Jahren freundete ich mich dann mit Neil an.

Weser-Kurier: Dann waren Sie sozusagen ein Insider?

Sheen: Sozusagen. Als Neil begonnen hatte, die Episoden für "Good Omens" auszuarbeiten, schickte er mir einige Rohentwürfe. Ich fühlte mich also von Anfang an sehr involviert.

Tennant: Bei mir war es das komplette Gegenteil: Ich hatte bis Anfang 2017 noch nie davon gehört. Ich erhielt aus heiterem Himmel die Drehbücher der ersten beiden Folgen und war sofort fasziniert und bezaubert von dieser Welt und diesen Figuren. Und da ich die Chance hatte, mal mit Michael zusammenzuarbeiten, sagte ich zu. Dass dieser Roman so eine große Fangemeinde hat, war mir ehrlich gesagt gar nicht bewusst.

Rücksprache mit einem Toten und dem jüngeren Ich

Weser-Kurier: Wie schnell fanden Sie das dann heraus?

Tennant: Nun ja, seither wird mir immer wieder von Leuten gesagt, dass "Good Omens" ihr absolutes Lieblingsbuch sei. Das hab ich in den letzten zwei Jahren wirklich mehrere hundertmal gehört. Das ist wundervoll und aufregend, aber auch ein wenig erschreckend, weil die Erwartungshaltung so hoch ist.

Sheen: Es ist wirklich nicht alltäglich, dass ein so beliebtes Buch fast 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch nicht verfilmt worden ist. Darum haben die Leser nun einen sehr starken Beschützerinstinkt, sind aber auch sehr loyal und gespannt auf die Serie. Das ist schon eine besondere Situation.

Weser-Kurier: Warum glauben Sie, dauerte es so lange, "Good Omens" ins Fernsehen zu bringen?

Tennant: Meiner Meinung nach musste "Good Omens" einfach warten, bis Neil Gaimans Karriere weit genug vorangeschritten war. Bis er in der TV-Branche genug Autorität hatte, um zu sagen, ich dreh' die Serie selbst. Jeder andere hätte das Ausgangsmaterial unvermeidlich "normalisiert", die Ecken und Kanten abgeschliffen. Aber dann würde es nicht mehr funktionieren.

Sheen: Neil hat den Einblick in die Welt und fühlt sich dafür stark verantwortlich. Schon allein, um Terry Pratchetts Andenken zu bewahren. Was ich sehr interessant fand, war, dass Neil bei seiner Adaption versuchte, sich nicht nur Terry Pratchetts Standpunkt zu gewissen Dingen vorzustellen, sondern auch den seines jüngeren Ichs. Denn als Neil das Buch damals mit Terry verfasste, stand er ja noch am Anfang seiner inzwischen langen, erfolgreichen Karriere.

Weser-Kurier: Inwieweit war Terry Pratchett, der 2015 verstorben ist, in der Produktion noch präsent?

Tennant: Oh, er war sogar physisch anwesend. Also, zumindest der Hut, den er immer getragen hatte: Der lag bei unserer ersten Szenenlesung auf dem Tisch und ist sogar in der Serie zu sehen. Außerdem ist die ganze Serie ihm gewidmet. Immerhin erfüllte Neil ihm mit der Verfilmung sozusagen seinen letzten Wunsch.

Öfter mal den Perspektivwechsel wagen

Weser-Kurier: Was lernen die Zuschauer im Idealfall von Erziraphael, Crowley und aus ihrem Versuch, die Welt zu retten?

Sheen: Als wir Menschen nach der Mondlandung das erste Mal Bilder von der Erde sahen, die vom Mond aus aufgenommen wurden, gab uns das plötzlich ein neues Gefühl von Zusammenhalt und Heimat. Mit diesen beiden Charakteren ist es ähnlich: Sie sind nicht von dieser Welt, aber sie repräsentieren, was so toll an dieser Welt ist, weil sie sie so lieben und schätzen. Ich hoffe, dass die Leute, die die Serie sehen, dadurch ein Gefühl dafür bekommen, wie wundervoll wir Menschen eigentlich sind: Wie fehlerhaft wir sind, wie verkorkst wir sind, aber wie toll es auch ist, Mensch zu sein und in dieser Welt zu leben.

Weser-Kurier: Wofür lohnt es sich in dieser Welt Ihrer Ansicht nach zu kämpfen?

Sheen: Für uns!

Tennant: Für ihre ganze Existenz! Die Geschichte greift ja nicht von ungefähr die Idee auf, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstehen könnte. Sie soll auch alarmieren. Und wenn man irgendwas aus dieser Geschichte mitnehmen sollte, dann, dass sich zwei Vertreter diametral gegensätzlichen Glaubensrichtungen schätzen und zusammenarbeiten.

Sheen: Meiner Meinung nach sind es gerade unsere Unvollkommenheit, unsere Fehler, der Mist, den wir gebaut haben - eben all die Dinge, die unsere Verletzlichkeit zeigen - das, was es lohnenswert macht für unsere Weiterexistenz zu kämpfen. Dass wir uns aufeinander verlassen, zusammenhalten und füreinander aufstehen.

Weser-Kurier: Wie könnte man die Welt denn besser machen?

Tennant: Das ist eine gute Frage.

Sheen: Ich glaube, je öfter wir es wagen, die Welt durch die Augen eines anderen zu betrachten und je größer unser Empfinden dafür wird, wer wir sind und was für uns möglich ist, desto besser können wir einander verstehen und unsere Gemeinsamkeiten und unsere Unterschiede preisen.

Von Annekatrin Liebisch
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