"Glück ist was für Weicheier"
Filmbewertung: akzeptabel
Starttermin: 07.02.2019
Regisseur: Anca Miruna Lazarescu
Schauspieler: Martin Wuttke, Ella Frey, Emilia Bernsdorf
Entstehungszeitraum: 2018
Land: D
Freigabealter: 12
Verleih: Concorde Filmverleih
Laufzeit: 95 Min.
Martin Wuttke im Interview
Martin Wuttke im Interview
Bademeister? Nein danke!
Es ist ein langwieriges Unterfangen, ein Interview mit dem Theaterschauspieler Martin Wuttke zu organisieren. Der Mann, der zwischen Berlin und Wien pendelt, wird von seiner Arbeit so vereinnahmt, dass es nicht einfach ist, einige Minuten herauszuschälen, in denen der 56-Jährige über seine Zusammenarbeit mit einer jungen rumänischen Regisseurin spricht: In der Tragikomödie "Glück ist was für Weicheier" von Anca Miruna Lazarescu spielt der ehemalige "Tatort"-Star einen depressiven Bademeister. In einer weiteren kleinen Lücke, die ihm die Theaterarbeit lässt, wird Wuttke in der dritten Staffel der Erfolgsserie "Babylon Berlin" mitwirken und neben Ronald Zehrfeld und Meret Becker das namhafte Schauspielerteam veredeln. Zum Zeitpunkt des Interviews bereitet er sich gerade auf diese Drehtage mit Regisseur Tom Tykwer vor. Wuttke kommt just aus Basel, wo er mit "Hotel Strindberg" auf der Bühne stand, um am nächsten Tag ein Stück in Berlin zu spielen. Wie es überhaupt zu seinem Mitwirken in dem kleinen Film "Glück ist was für Weicheier" kam, klärt Martin Wuttke im Interview ebenso wie die Themen Routine und Kürzertreten nach 30 Jahren Bühnenarbeit.

Weser-Kurier: Herr Wuttke, Sie sind durch Ihr Engagement am Wiener Burgtheater und aufgrund der Erfolge Ihrer Theaterstücke an anderen Spielstätten nicht nur in erster, sondern auch in zweiter Linie ein Mann der Bühne. Wie kam es zu Ihrem Mitwirken im Film "Glück ist was für Weicheier"?

Martin Wuttke: Dieser Film war nur möglich, da mein langjähriges Engagement an der Volksbühne unter Frank Castorf zu Ende ging. Daher hatte ich plötzlich längere Zeit, um zu drehen. Die Regisseurin Anca Miruna Lazarescu hatte mich persönlich angesprochen und ich freute mich, zusagen zu können.

Weser-Kurier: Der Fokus des Films liegt auf der jungen Hauptdarstellerin Ella Frey ...

Wuttke: ... die ich schon im Vorfeld kennenlernen durfte, um mit ihr zu proben. Da das sehr vielversprechend war, wusste ich, dass es vergnügliches Arbeiten wird. Doch in erster Linie reizte mich das merkwürdige Buch. Die Geschichte irritiert dahingehend, dass man nicht weiß, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist. Dieses Schwanken zwischen komödienhaften und sehr traurigen Szenerien ist außergewöhnlich.

"Der Film strahlt eine Wärme aus, die man nicht erklären kann"

Weser-Kurier: Der Film ist im Wortsinne merkwürdig. Er entwickelt sich nicht in gewohnte Richtungen und enttäuscht Erwartungshaltungen.

Wuttke: Stimmt, das Grundproblem löst sich nicht auf, wie man das sonst gewohnt ist. Vielmehr kann sich keiner aus der Situation befreien, aber Vater und Tochter lernen, damit umzugehen. Der Film strahlt eine Wärme aus, die man nicht erklären kann, denn das funktioniert nicht über die Narration. Ich kann nicht sagen, woran es liegt, es hat etwas mit den Menschen zu tun, dass zum Schluss ein utopisches Licht aufscheint.

Weser-Kurier: Vielleicht liegt es an der Frau hinter der Kamera. Spielten die rumänischen Wurzeln der Regisseurin in diesem Zusammenhang eine Rolle?

Wuttke: Anca trägt eine bestimmte Melancholie in sich, die mit ihrer Herkunft zu tun hat. Zumindest findet man diese nicht unbedingt in unserem Kulturraum, sondern eher in osteuropäischen Ländern. Begründet durch die andere Lebensart entstehen eine - wiederum - merkwürdige Art, mit Schwierigkeiten und Aussichtslosigkeit umzugehen, und auch ein besonderer Humor. Die Regisseurin besitzt ein feines Gespür dafür, die Balance zu halten zwischen dem latent Komischen und dem Traurigen.

Weser-Kurier: Ihre Rolle enthält einige körperlich herausfordernde Szenen. An welche erinnern Sie sich noch im Besonderen?

Wuttke: Nachts bei Eiseskälte in einem Swimmingpool herumzuhampeln, war jetzt nicht das reine Vergnügen (lacht). Aber das gehört ja zu meinem Beruf. Ich erinnere mich noch sehr genau an den ganzen Film und an die Dreharbeiten. Es war schön, mit einer jungen Schauspielerin wie Ella arbeiten zu dürfen, die neben ihrem großen Talent schon eine beeindruckende Professionalität an den Tag legte!

"Glück ist das, was man sich nicht verdient hat"

Weser-Kurier: Der Vater, den Sie spielen, ist eine Rolle mit angezogener Handbremse. Ist eine solche Aufgabe fordernder als das expressive?

Wuttke: Mir werden eher andere Rollen angetragen. Von daher fand ich es schon reizvoll, einen depressiven Bademeister zu spielen. Er ist sehr in sich gefangen. Zwar möchte er für seine beiden Töchter ein gutes Leben erreichen, das ist ihm jedoch kaum möglich. Man weiß eigentlich nicht genau, ob er sich um seine Kinder kümmert - oder seine Kinder sich um ihn.

Weser-Kurier: Ihr Protagonist ist oft sprachlos. Er weiß nicht wirklich zu sagen, worauf es im Leben ankommt oder was Glück ist. Können Sie die Frage beantworten?

Wuttke: Ich soll Ihnen beantworten, was Glück ist?

Weser-Kurier: Ja.

Wuttke: Na ja, Glück ist das, was man sich nicht verdient hat, was einem in den Schoß fällt. Glück ist, womit man nicht gerechnet hat.

"Die Arbeit wird immer mehr"

Weser-Kurier: Sie arbeiten gerade in Zürich, Basel, Wien und Berlin. Können Sie sich an freie Tage, an so etwas wie Langeweile im Jahr 2018 erinnern?

Wuttke: Ich hatte mir eigentlich wie jedes Jahr vorgenommen, dass es weniger werden soll, aber es wird immer mehr. Meine Arbeit interessiert mich einfach zu sehr und macht mir nach wie vor zu viel Spaß. Filmproduktionen kann ich nur selten und mit gewissem Vorlauf zusagen. Theater und Film intensiv zu machen ist sehr schwierig, aber es gelingt manchmal.

Weser-Kurier: Das Pendeln gehört zu Ihrem Berufsalltag. Liegt das Heimatlose in Ihrer Natur?

Wuttke: Da gibt es schon eine Kontinuität. Da ich seit den 90-ern jedes Jahr mindestens eine Theaterpremiere in Berlin habe, ist das so heimatlos nicht. Zeitweise war ich sehr viel in Berlin, von daher ist es gut, dann mal in eine andere Stadt zu gehen. Das bedeutet nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für einen selbst eine Erfrischung. Dafür habe ich mir Wien ausgesucht, weil es eine herrliche Stadt ist, zum Leben außerordentlich angenehm. Das Pendeln zwischen den beiden Städten gefällt mir sehr gut.

Weser-Kurier: Sie haben viel mit ihren Wunschregisseuren gearbeitet. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Wuttke: Das rührt aus gegenseitigem Interesse, vielleicht gehört auch Glück dazu.

Weser-Kurier: Glauben Sie, ohne dieses "Glück" wären Sie so lange bei der Stange geblieben?

Wuttke: Das kann ich mir schwer vorstellen. Wenn ich nicht solche Arbeitsverhältnisse gefunden hätte, die mir entsprechen, hätte ich bestimmt nicht lange ausgehalten.

Weser-Kurier: Und wären dann Bademeister geworden?

Wuttke: Bademeister wahrscheinlich nicht. Hätte, hätte, Fahrradkette ... Ich weiß es nicht, was ich dann geworden wäre.

Von Claudia Nitsche
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