Reise nach Jerusalem
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 15.11.2018
Regisseur: Lucia Chiarla
Schauspieler: Eva Löbau, Beniamino Brogi, Veronika Nowag-Jones
Entstehungszeitraum: 2018
Land: D
Freigabealter: 6
Verleih: Filmperlen
Laufzeit: 120 Min.
Eva Löbau
begibt sich in "Reise nach Jerusalem" auf Jobsuche (Start 15.11.)
"Es ist härter geworden, arbeitslos zu sein"
Eine kluge, gut ausgebildete Single-Frau wird arbeitslos - und gerät in eine Spirale des sozialen Abstiegs. Was klingt wie ein tristes Sozialdrama, ist eine der kleinen Kinoperlen in diesem Herbst. Was vor allem an Eva Löbau liegt, die der Berliner Online-Redakteurin Alice eine Präsenz verleiht, die weit über "normales" Schauspiel hinausgeht. Ähnlich wie in Maren Ades ("Toni Erdmann") Frühwerk "Der Wald vor lauter Bäumen", das Eva Löbau bekannt machte, schaut man auch hier schmerzhaft detailliert einer Frau bei der eigenen Demontage zu. Immerhin - mit grimmigem Humor. Die 46-jährige "Tatort"-Kommissarin über Masochismus vor der Kamera und eine Arbeitskultur, die unser Leben anfällig gemacht hat.

Weser-Kurier: Ist es schwierig, einen Film finanziert zu bekommen, den manche Zuschauer aufgrund des Themas als quälend empfinden könnten?

Eva Löbau: Es hat es tatsächlich ungewöhnlich lange gedauert, den Film auf den Weg zu bringen. Lucia Chiarla hatte zwar eine Drehbuchförderung, aber in der Phase der Realisierung blieb das Projekt stecken. Ich wurde 2011 gecastet, wir drehten da bereits einen Teaser - also eine Art Kurzfilm mit den Schlüsselszenen des Films. Zwischendurch wäre es fast ein "Kleines Fernsehspiel" geworden, aber die Eingriffe der Redaktion ins Skript waren zu massiv.

Weser-Kurier: Also wurde der Film anderthalb Jahrzehnte später als Kinoversion realisiert ...

Löbau: Ich bin froh, das es nun endlich geklappt hat, weil ich das Buch toll fand. Wir haben "Low Budget" gedreht, was ja zur Story irgendwie passt. Da bin ich nicht vom Fahrer morgens zum Dreh abgeholt worden, sondern fuhr mit der U-Bahn zum Set. Und war damit schon richtig vorbereitet für den Drehtag. Hätten wir uns noch länger darum bemüht, dass das Projekt doch richtig finanziert wird, wäre es eine andere Geschichte geworden. Vielleicht ein Altersdrama ... (lacht).

Weser-Kurier: In "Reise nach Jerusalem" schaut man einer Frau über 120 Minuten bei der Jobsuche und ihrem sozialen Abstieg zu. Würden Sie "Arbeitslosendrama" als Filmgenre gelten lassen?

Löbau: Wenn Sie das so nennen wollen, okay - aber: Es ist auch eine Komödie. Es geht um die Absurdität der Alltagssituationen einer Arbeitslosen. Die Regisseurin sagte gleich zu Beginn zu mir: Das ist eine Clownsfigur, die du da spielst. Das war für mich der Schlüssel zur Rolle.

Weser-Kurier: In Maren Ades Film "Der Wald vor lauter Bäumen" spielten Sie 2003 eine junge, extrem selbstunsichere Lehrerin. Der Zuschauer wurde Zeuge einer der denkwürdigsten Quälereien einer Filmfigur in der deutschen Kinogeschichte. Ist das hier nun die Fortsetzung?

Löbau: (lacht) Ja, es gibt Ähnlichkeiten, weil es in beiden Fällen das Porträt einer alleinstehenden Frau in Schwierigkeiten ist. Aber ansonsten haben sie verschiedene Thematiken, "Reise nach Jerusalem" ist auch die pointiertere Komödie. Es geht um das Groteske der Bewerbungstrainings und Fortbildungen. Alice ist eine stärkere Figur als die Lehrerin in "Der Wald vor lauter Bäumen". Sie wehrt sich viel mehr. Was beiden Figuren gemein ist: Sie machen immer wieder die gleichen Fehler und tun absurde Dinge, um ihr Gesicht zu wahren. Weil das auf viele Leute in der Realität ebenfalls zutrifft, kommt einem das im Film vielleicht quälend vor - weil man gebündelt die eigenen Leiden und Peinlichkeiten erkennt. Vermutlich ...

Weser-Kurier: Sie haben also keine Affinität zur Selbstquälerei?

Löbau: (lacht ) Hm, Selbstquälerei, weil ich da Nonstop vor der Kamera stand? Alle 15 Jahre kann ich mal Varianten so einer Figur spielen. Dazwischen habe ich auch Angebote für Rollen in diese Richtung abgelehnt, wenn mir das Gesamtwerk nicht lohnend erschien.

Weser-Kurier: Privat haben Sie keine Seiten, die etwas Masochistisches bedienen würden?

Löbau: Masochistisch glaub ich nicht. So sehe ich auch die Rollen nicht. Es sind ja reale Probleme, die sich Alice in den Weg stellen. Also nichts, was sie sich aus Leidenslust selbst aussucht. Ich bringe für diese Figuren eine gewisse Ausdauer und Sturheit mit. Natürlich ist "Reise nach Jerusalem" ein Film geworden, der trotz seiner Komödienstruktur eine gewisse Härte aufweist. Schon allein, weil wir im Winter im grauen Berlin drehten. Auch dass ich keine junge Frau mehr bin, macht den Film härter. Mit 40 kann man nicht mehr behaupten, dass einem noch alle Wege offen stünden. Zehn Jahre früher würde man meiner Figur vielleicht sagen: Na ja, das wird schon noch!

Weser-Kurier: Alice ist klug, gut ausgebildet, engagiert und total flexibel. Trotzdem kommt sie auf keinen grünen Zweig. Ist "Reise nach Jerusalem" ein Film, der etwas Typisches unserer Zeit beschreibt?

Löbau: Ich glaube, dass sich einige Dinge seit der Entstehung des Drehbuchs zugespitzt haben. In Berlin konnte man früher relativ günstig und unbehelligt leben - auch in mehr oder weniger unkonventionellen Arbeitszusammenhängen. Mittlerweile sind die Mieten enorm teuer geworden. Durch Hartz IV und andere Gesetze ist man einem ständigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Unser Film ist ja auch eine Behördenkomödie! Wir wollen allerdings nicht sagen: Die auf dem Amt, das sind üble Gesellen. Eigentlich sind es alles ganz nette Leute - die vielleicht sogar als Nächstes auf der Liste in Richtung sozialer Abstieg stehen.

Weser-Kurier: Was genau kritisiert der Film?

Löbau: Dass sich unsere Gesellschaft hauptsächlich über Arbeit und Einkommen definiert. Dadurch, dass meine Figur ihren Job verliert, fällt sie auch aus ihrem Freundeskreis heraus. Sie wird unattraktiv und fragwürdig für andere. Dadurch schwindet ihr Selbstbewusstsein, ihre Persönlichkeit ändert sich. Der Film fragt danach, was das Streben nach Vollbeschäftigung bringt. Gibt es nichts anderes, wodurch wir unseren Wert definieren könnten?

Weser-Kurier: Viele Schauspieler können ebenfalls nicht von ihrem Beruf leben. Kennen Sie Kollegen, die ein bisschen wie Alice sind?

Löbau: Es ist so, dass viele Schauspieler und Schauspielerinnen auf andere Berufe ausweichen oder zusätzlich noch Jobs machen müssen. Das ist auch nicht unbedingt schlimm, es gibt schließlich noch andere interessante Karrieren als die Schauspielerei. Ich sehe Menschen, die sich beruflich umorientieren oder es tun müssen, nicht als Gescheiterte. Dass man heute aber beruflich total flexibel sein muss, setzt uns alle unter Druck. Meine Figur verzehrt sich in einem grotesken Bewerbungsgespräch via Skype geradezu danach, von Berlin nach Gundelfingen umzuziehen. Eine sehr lustige Szene. Natürlich kriegt Alice den Job trotzdem nicht.

Weser-Kurier: Die Zeiten sind also härter geworden im deutschen Berufsalltag?

Löbau: Es ist vor allem härter geworden, arbeitslos zu sein! Und das ist kein deutsches Phänomen. Die Regisseurin ist Italienerin. Im Film wird also eher eine europäische Entwicklung diagnostiziert. Früher konnte man es sich in Berlin im Prekariat gemütlich machen. Das stand nicht für Elend, sondern auch für andere Werte, als unbedingt am Konsum teilnehmen zu wollen. Heute stehen alle viel mehr unter Druck, weil die Lebenshaltungskosten in der Stadt steigen und die Leute aus Ihren Wohngegenden herausgetrieben werden, Nachbarschaften und Solidaritäten auseinanderbrechen. Da geht's nicht nur um den Beruf, sondern ums Leben allgemein.

Weser-Kurier: Haben Sie auch etwas typisch Deutsches in diesem Film erkannt?

Löbau: Ich wurde mal auf einem Filmfest im Ausland gefragt, warum sich meine Figur nicht von ihrer Familie helfen lässt. Vielleicht ist das etwas Deutsches, dass man sich beispielsweise nicht an die Eltern wendet. Weil die Familie hier nicht eine solche Schutzblase ist, wie in anderen Gesellschaften.

Weser-Kurier: Wann kommt eigentlich Ihr dritter Schwarzwald-"Tatort"?

Löbau: Wir haben gerade schon unseren vierten Fall gedreht! Am 23. Dezember läuft aber erst mal unser dritter "Tatort", er trägt den Titel "Damian". Es geht darin um die Überarbeitung und Müdigkeit der Kommissare, die sich deshalb einem Fall gar nicht so richtig widmen können. Konkret kommen deshalb zwei Fälle durcheinander. Und es geht auch um psychische Erkrankung. In gewisser Hinsicht hat unser "Tatort" auch mit dem Thema Arbeit zu tun.

Von Eric Leimann