Golo Euler
spielt eine Hauptrolle in der neuen ZDF-Krimireihe "Schwartz & Schwartz" (Samstag, 27.10., 20.15 Uhr)
"Ich habe keine berufliche Arroganz entwickelt"
Ein Café in Berlin-Neukölln. In den Seitenstraßen tummelt sich das internationale Hipstertum, nebenan erweisen sich die fiktiven "4 Blocks" als wuselige Realität. Und mittendrin: Golo Euler, der hier lebende, von Understatement durchdrungene Mittdreißiger, der in den letzten Jahren zum Darling der Kritik avancierte. Gelassen winkt der in München aufgewachsene Schauspieler ab. Alles nicht der Rede wert. Und doch: Bekannt geworden durch die Soap "Sturm der Liebe", sah man Euler bald in hochgelobten "Tatort"-Krimis ("Im Schmerz geboren"), vielprämierten Kinodramen ("Fado") und gar in Wes Andersons Hollywood-Hit "Grand Budapest Hotel". Nun ermittelt der 36-jährige Wahlberliner im neuen als Reihe angedachten ZDF-Krimi "Schwartz & Schwartz" (Samstag, 27. Oktober, 20.15 Uhr). Ein Gespräch über Hype-Höhenflüge, Soap-Schubladen und das Leben mit Brüdern, Kindern und Schauspielkollegen.

Weser-Kurier: Für "Schwartz & Schwartz" drehten Sie in Ihrer Wahlheimat Berlin. Ist es angenehmer, zu Hause zu drehen?

Golo Euler: Es ist natürlich viel entspannter. Weil das tägliche Leben nicht ganz und gar durcheinander gerät. Auch die Familienorganisation ist nur etwas beeinträchtigt - ich bin nicht ganz raus, weil ich irgendwo im Allgäu bin. Sondern um die Ecke. Fast wie ein normaler Job (lacht)!

Weser-Kurier: Können Sie sich die Jobs nach dem Wohnort aussuchen?

Euler: Für dieses Projekt habe ich schon alles angestrengt, dass es klappt. Für mich als Berliner wäre eine Reihe ja schon eine Art Anstellung. Aber es ist nicht so, dass ich ausschließlich nach Berliner Drehs suche. Das ist nicht machbar. Ich bin noch nicht soweit, dass ich eine Auswahl auf dem Tisch liegen hätte, bei der ich einfach "Ja" oder "Nein" sage. Vielleicht kommt das ja irgendwann.

Weser-Kurier: Reizt es bei einer Reihe wie dieser, die eigene Figur selbst mehr mitgestalten zu wollen?

Euler: Klar. Durch den ersten Teil habe ich bereits ein Gefühl für die Figur. Nach dem Lesen des Buchs für den zweiten Teil kann und darf ich nun auch mitreden. Darum wird auch gebeten. Das ist schön. Ich will das, was ich mache, ja auch so gut wie möglich finden. Wenn ich dahinterstehe, kann ich besser spielen, als wenn ich mich sträube. Das sieht man sofort.

Weser-Kurier: Nun handelt es sich dabei ja um einen weiteren ZDF-Krimi. Manche reden ja von einer Flut an Krimis im deutschen TV ...

Euler: Ich halte mir da auch den Mund nicht zu. Es gibt auf jeden Fall eine Krimi-Überproduktion. Man sieht aber eine Entwicklung, dass es langsam breiter gefächert wird. Die Produktionen werden spezialisierter, es wird unter dem Label "Krimi" nicht mehr nur Brei produziert. Es wird figürlicher, geht nicht mehr nur um Leiche und Mörder.

Weser-Kurier: Sahen Sie dahingehend auch Potenzial bei "Schwartz & Schwartz"?

Euler: Klar. Zum einen geht es darum, wie man eine junge Familie und diesen Job unter einen Hut bringt. Zum anderen um den Bruderkonflikt, der aufgemacht wird.

Weser-Kurier: Sie selbst sind junger Vater und haben zwei Brüder - kamen Ihnen diese Herausforderungen bekannt vor?

Euler: Ja, total! Den morgendlichen Kampf in die Kita kenne ich sehr gut (lacht). Mit meinen Brüdern habe ich allerdings ein viel entspannteres und besseres Verhältnis.

Weser-Kurier: Mit einem Ihrer Brüder lebten Sie sogar später zusammen. Wie kam es dazu?

Euler: Erst war ich noch in München. Es lief erst mit der Schauspielerei nicht so gut, deshalb war ich viermal die Woche in der Bar arbeiten. Das nervte mich irgendwann, ein Tapetenwechsel musste her. In München war ich ja schon vom Kindergarten bis zur Schauspielschule. Ich kannte den Laden. Und dann fragte mein Bruder, ob ich nicht mit ihm in Berlin zusammen leben wolle. Und ich dachte: Geil!

Weser-Kurier: Sie scheinen eine enge brüderliche Bindung zu haben.

Euler: Ja, wir lebten zwei Jahre lang gemeinsam in einer Wohnung. Vollbeschallt von S-Bahn, Tram und Späti, wo es regelmäßig Kloppereien gab. Es war schön! (lacht)

Weser-Kurier: Waren Ihre beiden älteren Brüder Ihnen ein Vorbild?

Euler: Seit ich 16 war, waren wir sozusagen eine Altersklasse. Dadurch, dass wir alle auf einer Schule waren, hat sich auch unser Freundeskreis sehr gemischt. Wir waren mit vielen anderen Geschwistern befreundet - also dann jeweils der Älteste mit dem Ältesten, der Mittlere mit dem Mittleren und so weiter. Ich habe von meinen Brüdern viel übernommen, wir haben aber auch viel gemeinsam entwickelt.

Weser-Kurier: Gab es bei Ihnen denn anfangs einen Spagat zwischen Familie und "wildem" Leben als Schauspieler?

Euler: Mit der Gründung einer Familie verlagert sich viel in die eigenen vier Wände. Alles was draußen ist, rauscht dann eher vorbei. Dem trauert man anfangs hinterher, aber irgendwann ist auch jeder neue Hype nur ein Hype und geht wieder vorbei.

Weser-Kurier: Apropos Hype: Verfolgen Sie eigentlich, wenn Sie in den Medien gelobt werden?

Euler: Kaum. Ich glaube, es ist sehr gefährlich, wenn man darauf zu viel Wert legt. Denn mediales Interesse ist immer zu wenig, wenn man sich darum kümmert. Es kann immer mehr sein. Das bringt eine Fokussierung auf das Falsche mit sich. Das ist ja nicht mein Beruf.

Weser-Kurier: Steckt darin auch eine Angst vor der Enttäuschung?

Euler: Mediale Aufmerksamkeit hat immer etwas Vergleichendes. Egal wo man ist: Es gibt immer wen, der besser ist und mehr hat. Ich halt mich da bewusst von fern. Würde ich mich darauf einlassen, würde ich vielleicht schnell merken, dass ich auch gern das und das hätte. Da bekomme ich Gänsehaut (lacht)

Weser-Kurier: An eine Art Durchbruch glauben Sie nicht?

Euler: Es gibt kurz einen Hype, dann wieder keinen mehr. Und in Wirklichkeit bringe ich mein Kind morgens in die Kita. Das ist alles Behauptung. In diesem Mediending bin ich auch nicht gut. Andere können das - ich fühle mich darin nicht so wohl, deshalb lass ich das.

Weser-Kurier: Tauschen Sie sich darüber mit Kollegen aus?

Euler: Ich habe kaum Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen. Manchmal leider, manchmal zum Glück.

Weser-Kurier: Wann leider?

Euler: Wenn es um das Besprechen von Produkten wie Filmen oder Theaterstücken geht, die gerade draußen sind, würde ich mir wünschen, mit Leuten darüber reden zu können, die das auch machen. Das passiert sonst nur beim Drehen.

Weser-Kurier: Und zum Glück?

Euler: Auch deswegen (lacht). Der professionelle Austausch wird ja oft auch persönlich. Das mag ich nicht. Vor allem nicht, wenn es über Dritte läuft.

Weser-Kurier: Die Schauspielerei und das dazugehörige Umfeld sind für Sie also eher ein Mittel zum Zweck?

Euler: Ja, Schauspielerei ist für mich natürlich ein Brotjob, weil mein einziger. Mit besonderen Arbeitszeiten (lacht).

Weser-Kurier: Sie sagten mal, Sie hätten gern wieder mehr Theaterrollen.

Euler: Ja, ich mag das Erlebnis einer Figur, das länger als einen Take dauert. Der Vorhang öffnet und schließt sich - und dazwischen arbeitet man voll an der Figur, lässt sich auf sie ein. Das habe ich ja eigentlich studiert. Aber irgendwann war es schwer, die Theaterkontakte, die man als Neuling hat, zu reaktivieren. Vielleicht habe ich auch Angst davor.

Weser-Kurier: Wovor genau?

Euler: Weil das Theater in meinem Lebenslauf fehlt. Dabei muss ich es für mein Gefühl machen. Aber am Theater bin ich im Grunde noch Anfänger. Ich weiß nicht wo und wann - ich muss an ein festes Engagement, sonst kann ich mich nicht für voll nehmen. Aber als "Fernsehfresse" habe ich da sowieso keine guten Karten (lacht).

Weser-Kurier: Ihre Bandbreite war in den letzten Jahren im TV und Kino extrem breit - von "Alarm für Cobra 11" bis "Grand Budapest Hotel" ...

Euler: Ich glaube, ich habe keine berufliche Arroganz entwickelt. Weil ich bei der Soap angefangen habe. Wer vorher nur Schiller gespielt hat, rümpft bei "Cobra 11" vielleicht die Nase. Ich fand so einen Actiondreh eigentlich reizvoll.

Weser-Kurier: Hat Ihnen "Sturm der Liebe" einen Stempel aufgedrückt?

Euler: Ich habe lange, lange gebraucht, um aus der Soap-Schublade wieder rauszukommen. Wenn ich überhaupt schon draußen bin (lacht). Oft ist die Vorstellung in den Medien noch: Golo Euler, bekannt aus "Sturm der Liebe". Dabei ist das zehn Jahre her. Da kann ich noch so sehr mit Wes Anderson arbeiten - das bleibt (lacht).

Weser-Kurier: Wie sehr stört Sie das?

Euler: Solang es nicht in der ersten Zeile steht, stört es mich nicht so sehr. Es ist ja auch meine Entwicklung. Nirgends hast du so ein Pensum wie in der Soap. Jeden Tag drehst du zwölf Szenen mit richtig viel Text. Es ist ein technisches Arbeiten, das irre anspruchsvoll ist. Da lernte ich total viel - wenn auch auf Kosten der Inhalte. Wenn die ganze Crew genervt ist, weil du wieder was nicht auf die Reihe bekommst, dann lernst du es eben. Außerdem war es schon geil, nach der Bararbeit, wo du dein Trinkgeld zählst, auf diese Zahlen zu schauen. Aber klar, die Soap wird bei mir nie nicht mehr da sein.

Weser-Kurier: Das "Grand Budapest Hotel" wird immerhin auch oft erwähnt.

Euler: Was auch Quatsch ist, weil ich da ja echt nicht viel zu tun hatte (lacht). Es ist ein Name, an dem ich klebe.

Von Maximilian Haase