Lomo - The Language Of Many Others
Filmbewertung: akzeptabel
Starttermin: 12.07.2018
Regisseur: Julia Langhof
Schauspieler: Jonas Dassler, Lucie Hollmann, Eva Nürnberg
Entstehungszeitraum: 2017
Land: D
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm Verleih
Laufzeit: 101 Min.
Jonas Dassler
spielt die Hauptrolle in "Lomo - The Language of Many Others" (Start: 12. Juli)
"Wie bin ich denn hier hineingeraten?"
"Nein, nein!" wiegelt Jonas Dassler ("Das schweigende Klassenzimmer", "Werk ohne Autor") ab. Der junge Götz George sei er nicht. Er habe nur einen Preis gewonnen, der nach dem Schimanski-Darsteller benannt ist. Und überhaupt überfordere ihn der ganze Rummel um seine Person. Das passt zu dem außergewöhnlich höflichen, fokussierten und nachdenklichen Eindruck, den Jonas Dassler (Jahrgang 1996) im Interview zu seinem neuen Film "Lomo - The Language of Many Others" (Kinostart: 12. Juli) macht. Darin spielt Dassler einen Abiturienten, der ein intimes Video von seiner Freundin postet und in der Web-Community den Halt sucht, den er im Privaten nicht findet.

Weser-Kurier: Wieso findet man nichts von Ihnen bei Facebook, Twitter und Instagram?

Jonas Dassler: Weil ich keine Muße dafür habe. Mich interessiert das alles nicht besonders, und ich habe keine Zeit und Lust, diese Netzwerke zu füttern.

Weser-Kurier: Das ist in der Generation Selbstdarstellung nicht selbstverständlich ...

Dassler: Ich betreibe doch genug Selbstdarstellung, indem ich immer spiele, und ich kreise die ganze Zeit um mich in verschiedenen Rollen. Ich bin ganz froh, wenn ich mal Zeit für mich habe und mich nicht noch ins Internet stellen muss.

Weser-Kurier: Nutzen Sie soziale Netzwerke passiv, also um in andere Leben einzutauchen?

Dassler: Eher selten. Dadurch, dass ich gar nicht auf diesen Portalen bin, habe ich gar keinen schnellen Zugriff. Früher hatte ich mal ein privates Facebook-Konto. Ich stellte fest, dass man sich ganz schön darin verlieren kann. Wenn man einmal auf einen Button klickt, fragt man sich irgendwann: Was habe ich eigentlich die letzte Stunde gemacht?

Weser-Kurier: Sind Facebook und Co. Zeitverschwendung?

Dassler: Das hängt davon ab, was man genau sucht. Im Internet hat man ja schnellen Zugang zu Nachrichten und aktuellen Informationen. Das empfinde ich überhaupt nicht als Zeitverschwendung. Die Zeit hat allerdings eine andere Dimension: Man verliert sich schneller darin.

Weser-Kurier: Das Leben in und mit sozialen Netzwerken ist eines der zentralen Themen in "Lomo": Wie ist es denn in Ihrem Umfeld? Sind Ihre Freunde und Bekannten zeigefreudig?

Dassler: Zum Teil ja. Natürlich sind einige meiner Freunde auf Instagram unterwegs. Aber ich komme persönlich aus einem Umfeld, wo das Thema keine große Rolle spielt.

Weser-Kurier: Also können Sie mit dem Einzug des Virtuellen in den Alltag wenig anfangen?

Dassler: Darüber habe ich erst vor Kurzem nachgedacht. Ich finde ein persönliches Gespräch, in dem auch etwas gesagt wird, interessanter als belanglose Selbstdarstellung. Das gilt auch für das Internet.

Weser-Kurier: Sie haben "Lomo" vor drei Jahren gedreht: Haben soziale Medien in der Zwischenzeit an Bedeutung gewonnen oder verloren?

Dassler: Ich glaube, sie sind noch wichtiger geworden. Man kann bei Facebook oder Instagram relativ schnell und anonym eine Meinung äußern. Man muss nicht real anwesend sein und vor Leute treten. Dann kommen nämlich Sachen wie Scham und Überwindung dazu. Im Internet ist die Hemmschwelle geringer. Das Netz überbrückt die natürliche Distanz, deswegen, glaube ich, finden soziale Medien immer mehr Anklang.

Weser-Kurier: Lapidar gesagt: Die Kids von heute können aus der Anonymität heraus leichter eine große Klappe haben.

Dassler: Es ist auf jeden Fall einfacher, sich schnell und direkt zu äußern. Das sieht man ja auch in den Kommentaren zu bestimmten Post: Da entwickeln sich schnell richtige - wie nennt man das? - Shitstorms.

Weser-Kurier: In "Lomo" kommen die tragischen Ereignisse ins Rollen, weil Ihre Figur Karl aus der - vermeintlichen - Anonymität heraus ein intimes Video postet. Haben Sie sich vor dem Dreh mit Cybermobbing beschäftigt?

Dassler: Nicht explizit, nein. Aber ich kann mich daran erinnern, dass wir in der Schule Vorträge zum Thema Cybermobbing hatten. Für mich entsprang die Tat allerdings aus einer inneren Logik der Figur. Karl ist ein Suchender: Er sucht Nähe, er sucht etwas, das größer ist als das Leben. Das alles meint er in Doro zu sehen. Dass er das Video postet, ist die Folge einer emotionalen Verletzung.

Weser-Kurier: Wenn man die sozialen Medien in "Lomo" ausblendet, bleibt eine klassische Geschichte von "teenage angst" und Weltschmerz: Wie viel Weltschmerz steckt in Ihnen?

Dassler: Das war damals und ist heute definitiv ein zentrales Thema. Und es unterscheidet sich nicht einmal groß von dem, was Karl erlebt: Ich habe bis zu einem bestimmten Punkt in einem Leben gelebt, ohne darüber nachzudenken. Und irgendwann fragte ich mich: Wie bin ich eigentlich an diesen Punkt in meinem Leben gelangt? Was mache ich hier? Wie soll's weitergehen?

Weser-Kurier: Sie haben in einem Interview zu "Das schweigende Klassenzimmer" gesagt, dass Sie gegen Ihr allzu liberales Elternhaus protestierten. Was war denn bei Ihnen zu Hause los?

Dassler: Ich durfte vieles. Bei mir hat im privaten Leben nie eine Rebellion stattgefunden. Ich hatte keine ausgeprägte Pubertät, in der ich mich richtig aufbäumen musste. Und das hat mir ein wenig gefehlt: dass ich keinen Widerstand spürte.

Weser-Kurier: Haben Sie einen "Ersatz-Widerstand" gefunden?

Dassler: Na ja, es gibt ja immer Widerstände. Bei jedem Projekt, bei jeder Liebe. Die Schauspielschule war ein Widerstand. Da werden einem gewisse "Wahrheiten" aufgezeigt, die man natürlich hinterfragt. Auf der einen Seite hab ich sie angenommen und auf der anderen dagegen angekämpft. Aber ich glaube, Reibung und Widerstand sind essenziell für kreative Prozesse.

Weser-Kurier: Seit dem Dreh sind fast drei Jahre vergangen: Wie ist es, so lange darauf zu warten, dass die Arbeit endlich zu sehen ist?

Dassler: Er ist auf jeden Fall nie ganz weg gewesen aus dem Bewusstsein. Jeder Film, jedes Projekt sammelt sich irgendwie im Körper an. Außerdem hatte ich ihn vorher schon mit dem Team gesehen.

Weser-Kurier: In der Zwischenzeit ist in Ihrer Karriere viel passiert: Sie sorgten in "Das schweigende Klassenzimmer" für Furore, gewannen den Bayerischen Filmpreis, den Götz-George-Nachwuchspreis beim First Steps Award. Wie überwältigt sind Sie von der neuen - auch medialen - Aufmerksamkeit?

Dassler: Ich habe den Beruf in erster Linie gewählt, um zu spielen. Dass ich mich zeige, das gehört dazu. Natürlich will ich, dass mich Leute sehen. Und ich freue mich, das geht Menschen mit anderen Berufen ja auch so, wenn meine Arbeit wertgeschätzt wird. Andererseits habe ich schon das Gefühl, dass da jetzt ein Apparat ins Rollen kommt, dass sich eine Blase aufbaut, von der ich denke: Wie bin ich denn hier hineingeraten? Das überfordert mich durchaus. Vor Interviewtagen bin ich manchmal aufgeregter als vor Drehtagen.

Weser-Kurier: Verändert sich dadurch Ihre Selbstwahrnehmung?

Dassler: Definitiv. Ich muss mich jetzt damit auseinandersetzen, dass sich fremde Menschen ein Bild von mir machen. Basierend zum Beispiel auf diesem Interview glauben Sie zu wissen, wer ich bin. Dabei bin ich heute vielleicht ganz anders drauf, als ich es sonst bin. Damit umzugehen, muss ich noch lernen.

Von Andreas Fischer