Jürgen Prochnow
spielt in "Leanders letzte Reise" einen 92-Jährigen, der nach der Liebe seines Lebens sucht
"Was uns prägt, ist die Liebe"
Der Kriegsfilm "Das Boot" (1981), die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsromans von Lothar-Günther Buchheim, machte Jürgen Prochnow (76) weltberühmt und ebnete dem Theatermimen den Weg nach Hollywood. Über 100 Filme hat der 1941 in Berlin geborene Schauspieler inzwischen gedreht, darunter Blockbuster wie "Beverly Hills Cop II" (1987), "Air Force One" (1997) und "The Da Vinci Code" (2006). Nun spielt der gelernte Banker mit den grauen Locken in dem bewegenden Low-Budget-Film "Leanders letzte Reise" einen ebenso grimmigen wie greisen Ex-Wehrmachts-Offizier, der sich auf eine Reise in die Vergangenheit und zu seiner großen Liebe begibt. Beim Interview im Hotel Bayerischer Hof in München zeigt sich Prochnow, der jüngst von Los Angeles in seine Heimatstadt Berlin zurückgekehrt ist, gut gelaunt und auffallend jugendlich, was vielleicht auch den Chucks liegen könnte und dem Hemd, das er locker über der Hose trägt.

Weser-Kurier: Willkommen in Deutschland! Sie waren ja jetzt über 25 Jahre in Amerika ...

Jürgen Prochnow: Ja, nach "Das Boot" fing das drüben dann, und ich wurde da unglaublich toll aufgenommen. Alles aufgrund dieses Films, der einen wahnsinnigen Eindruck hinterlassen hat. Meine Agentur ist immer noch drüben in L.A., ich habe nur meinen Wohnsitz nach Deutschland verlegt.

Weser-Kurier: Darf man fragen, warum?

Prochnow: Das hatte persönliche Gründe. Wegen meiner Frau (Schauspielerin Verena Wengler, d. Red.), die wollte drüben nicht leben. Sie hat eine Mutter, die über 80 ist und um die sie sich kümmert und an der sie wahnsinnig hängt. Ich habe mich in Amerika sehr wohl gefühlt, aber meine Frau merkte, dass das nicht ihr Ding ist. Und dann beschlossen wir, nach Berlin zu gehen.

Weser-Kurier: Vermissen Sie die USA?

Prochnow: Bis jetzt nicht. Klar, ich hatte da ein schönes Haus mit Pool und Blick auf den Ozean, das war schon ganz schön. Aber es kommen ja immer wieder Anfragen, und irgendwann werde ich sicher wieder drüben drehen. Außerdem mag ich Berlin und die Berliner, weil ich selbst einer bin. Die sind ehrlich, die sind pfiffig und haben Humor.

Weser-Kurier: Man sagt Ihnen nach, dass Sie sehr um Perfektion bemüht sind. Sind Sie sehr ehrgeizig?

Prochnow: Also was den Beruf angeht, bin ich sehr ehrgeizig. Und ich würde mir das immer vorwerfen, wenn ich es nicht wäre. Das ist ja mein Beruf und das, was mir Spaß macht.

Weser-Kurier: Was meinen Sie, woher kommt dieser Ehrgeiz?

Prochnow: Ich denke durch die Erziehung durch meinen Großvater. Mein Vater war ja nicht da. Dafür hat mir mein Großvater klargemacht: Wenn du was erreichen willst in deinem Leben, musst du fleißig sein, arbeiten, etwas können.

Weser-Kurier: Waren es auch diese persönlichen Aspekte, die Sie an der Figur des 92-jährigen Eduard Leander gereizt haben, der den Krieg nicht vergessen kann? Sie selbst wurden ja während des Krieges geboren.

Prochnow: Ich denke, die Rolle hat mich auch deshalb interessiert, weil es jemand aus der Generation meines Vaters ist, den ich da spiele. Ich weiß noch, dass wir an diese Generation nach dem Krieg diese ganzen vielen Fragen hatten, die uns nie beantwortet wurden. Das Schweigen dieses Mannes, der in sich verharrt und trotzdem versucht, sich von diesem Druck, diesem Schuldgefühl zu befreien, das kenne ich. Die jüngere Generation, im Film repräsentiert von der Enkelin, versteht nicht, was da passiert ist, weil eben nie darüber gesprochen wurde.

Weser-Kurier: Im Film sind Sie kein besonders guter Großvater. Wie sieht es im echten Lieben aus?

Prochnow: Ich bin halt Großvater. Mein Sohn hat zwei Töchter, und ich finde die Mädels entzückend und freue mich für ihn.

Weser-Kurier: Mussten Sie Ihr Privatleben der Karriere unterordnen, um eine so beeindruckende Entwicklung hinzulegen?

Prochnow: Ich würde sagen, der Beruf stand immer an erster Stelle. Was ich erreichen wollte, nahm in meinem Leben mehr Raum ein als das Privatleben. Darum bin ich da auch kläglich gescheitert, also in meinen Ehen. Dass ich mal in Hollywood Filme drehen könnte, das habe ich ja nie kommen sehen. Ich wusste nur, dass ich fleißig sein musste. Ich arbeitete mich erst am Theater empor, und dann kam der Film auf mich zu, der mir zuerst nicht gefiel.

Weser-Kurier: Was genau mochten Sie daran nicht?

Prochnow: Na die Dreharbeiten! Wenn man an den Drehort kommt, sitzt man erst die ganze Zeit nur rum und muss warten. Man ist der ganzen Technik unterworfen, wer alles da mitarbeitet! Ich wusste zum Teil gar nicht, was für eine Funktion die Leute haben. Dann war ich endlich dran und drehte eine Szene, die ein paar Sekunden dauert. Mir war auch nicht bewusst, dass in dem Augenblick, in dem etwas abgedreht wurde, alles endgültig ist. Man kann es nicht wiederholen, es ist im Kasten. Anders im Theater, wo man über mehrere Wochen probt, bis es zur Premiere kommt. Das bereitete mir schlaflose Nächte, ich überlegte ständig, war das richtig, was ich gemacht habe, war das gut? Für mich war das alles derart fremd, dieses Medium Film, das musste ich erst mal lernen. Erst Wolfgang Petersen öffnete mir die Augen.

Weser-Kurier: Der Claim von "Leanders letzte Reise" lautet: "Warum wir sind, wie wir sind." Was hat Sie geprägt?

Prochnow: Ich sage immer, das Wichtigste im Leben, was mir jedenfalls immer Kraft gegeben hat, war das Aufwachsen und die Liebe der Eltern. In meinem Fall die Liebe der Großeltern, denn mein Vater war ja in Gefangenschaft, und meine Mutter hat meinen Bruder und mich durch den Krieg gebracht. Andere sind ganz anders aufgewachsen, aber das, was mich ausmacht und was ich auch weitergeben kann im Leben, das ist diese Liebe.

Weser-Kurier: Und Sie glauben offenbar ganz fest an sie, immerhin haben Sie vor zwei Jahren zum dritten Mal geheiratet - ihre Kollegin Verena Wengler ...

Prochnow: (lacht). Ja, ich glaube an die Liebe, und jetzt habe ich sie endgültig gefunden.

Von Heidi Reutter