Pinocchio, aber nicht so, wie wir ihn kennen: Das sind die Kino-Highlights der Woche
"Hellboy", "Pans Labyrinth", "The Strain", "Crimson Peak", "Nightmare Alley" und natürlich das oscarprämierte Meisterwerk "Shape of Water": Guillermo del Toro hatte schon bei vielen großen Fantasy-Projekten die Finger im Spiel. Nur wenige Filmemacher Hollywoods erzählen so abgründig, kreativ und bildschön von Teufeln, Vampiren, Unterwasser-Monstern und griechischen Grusel-Mythen wie der Mexikaner. Und jetzt das: "Pinocchio", ein Märchenstoff aus dem Kinderzimmer. Es ist durchaus ein neues Feld für del Toro. Einen konventionellen Kinderfilm sollte man aber auch hier nicht erwarten.

Außerdem neu im Kino: Im US-Psychothriller "Shattered - Gefährliche Affäre" ist Lilly Krug, Tochter von Veronica Ferres, erstmals in einer Kino-Hauptrolle zu sehen, und mit "Zeiten des Umbruchs" erzählt Filmemacher James Gray von einer Freundschaft zweier 80er-Jahre-Teenager, die aus ganz unterschiedlichen Welten kommen.

Guillermo del Toros Pinocchio

Jeder kennt die zigfach adaptierte Geschichte vom hölzernen Knaben, der so gerne ein echter Junge sein möchte. Als Musterverfilmung gilt (trotz einer kürzlich veröffentlichten Neuverfilmung von Disney, 2022) der Zeichentrick von 1940. Del Toro aber bezieht sich mit seinem neuen "Pinocchio" nicht auf diesen Kinderfilm-Klassiker, sondern eher auf die Original-Geschichte des italienischen Autors Carlo Collodi. Und die, erklärte del Toro schon vor einigen Jahren, sei viel "perverser" und "gruseliger" als die "Pinocchio"-Version von Disney. Da ahnt man ungefähr schon, wo die Reise der kleinen Holzfigur hingeht.

"Ich möchte euch eine Geschichte erzählen", heißt es in einem der Trailer. "Vielleicht glaubt ihr, sie zu kennen. Aber ihr kennt sie nicht ..." Der Film handle "von unvollkommenen Vätern, und von unvollkommenen Söhnen, und von Verlust, und Liebe". Angesiedelt ist das Märchen um Spielzeugmacher Geppetto und seinen holzgeschnitzten Bengel Pinocchio, der sich trotz bester Vorsätze immer wieder zu bösen Streichen hinreißen lässt, in diesem Fall im faschistischen Italien der 1930er-Jahre.

Bereits 2008 sprach Guillermo del Toro erstmals von einer geplanten "Pinocchio"-Verfilmung, dann passierte lange nichts - kein großes Studio wollte sich auf del Toros düstere Vision einlassen und das nötige Geld zuschießen. Am Ende hat es Netflix übernommen, weshalb der Film auch schon wenige Wochen nach Kinostart, ab 9. Dezember, bei dem Streamingdienst zu sehen sein wird.

Del Toro führte mit Mark Gustafson Regie, verfasste gemeinsam mit Matthew Robbins das Drehbuch, war auch als Produzent involviert. An "Guillermo del Toros Pinocchio" ist im Hintergrund außerdem die Jim Henson Company beteiligt, die unter anderem für die "Muppets" bekannt ist, seit jeher aber auch für ein recht anarchisches Entertainment-Verständnis steht. Umgesetzt wurde die Geschichte schließlich als aufwendiger Stop-Motion-Animationsfilm mit vielen prominenten Sprechern und Sprecherinnen - in der englischen Fassung hört man unter anderem Ewan McGregor, Christoph Waltz, Tilda Swinton und Ron Perlman.

Shattered - Gefährliche Affäre

Veronica Ferres, ihre Tochter Lilly Krug und John Malkovich auf der "Wetten, dass ..?"-Couch - das war gute Werbung und wird sicher helfen, ein paar zusätzliche Kinotickets zu verkaufen. "Shattered - Gefährliche Affäre", so heißt der US-Film. Einen besonderen Hype um diesen Psychothriller, in dem Lilly Krug erstmals eine Kino-Hauptrolle übernimmt, gab es hierzulande bislang nicht. Und international ist die Geschichte ohnehin schon nicht mehr ganz frisch - "Shattered" lief bereits im Januar in den amerikanischen Kinos, die deutsche Auswertung kommt mit einiger Verspätung.

Worum geht es? Die Geschichte spielt in Montana, wo die junge Sky (Lilly Krug) im Supermarkt auf den jungen, geschiedenen und sehr wohlhabenden Unternehmer Chris (Cameron Monaghan) trifft. Die beiden landen im Bett, ein One-Night-Stand, doch bei dieser einen Begegnung bleibt es nicht. Chris hat sich ernsthaft in Sky verguckt, die beiden gehen erneut miteinander aus. Dann passiert das vermeintliche Unglück: Chris wird überfallen, landet mit gebrochenem Bein im Gips. Und die junge Sky zieht bei ihm ein - aber nicht nur, wie er glaubt, um ihn wieder gesundzupflegen.

Einige klangvolle Namen waren an diesem Projekt beteiligt, neben Hollywood-Superstar John Malkovich als unheimlicher Vermieter Roland ist auch Frank Grillo ("The Purge: Anarchy") dabei. Veronica Ferres hat den Film mitproduziert, blieb diesmal also hinter der Kamera. Und dann ist da eben auch noch ihre Tochter Lilly Krug, die für ihre Rolle in "Shattered" bereits ein paar ziemlich gute Kritiken erntete - sie sei es, hieß es etwa bei "Variety", die diesen Film überhaupt erst sehenswert mache.

Zeiten des Umbruchs

"Der Junge ist kein Umgang für dich", belehrt die Mutter (Anne Hathaway) ihren Sohn Paul (Banks Repeta). "Warum nicht?", entgegnet der, völlig ahnungslos. "Du weißt genau, was ich meine." Was die Mutter meint, aber so nicht aussprechen möchte: Paul ist weiß, kommt aus einem gut situierten jüdischen Haushalt in New York. Und "der Junge", sein Kumpel Jonathan (Jaylin Webb), ist schwarz. Den beiden Knaben ist das zunächst völlig egal, aber im Amerika der frühen 80-er trennen sie eben doch Welten.

Regisseur und Autor James Gray, 1969 in New York geboren, war selbst Teenager in den 80-ern. Mit "Zeiten des Umbruchs" erzählt er nun eine Coming-of-Age-Geschichte aus dieser Zeit mit starken autobiografischen Zügen. Es geht um die Jungen Paul und Jonathan, aber auch noch um viel mehr. Es geht um soziale Gräben, Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Ronald Reagans Einzug ins Weiße Haus, die Macht von Unternehmern wie Fred Trump (hier verkörpert von John Diehl). Und Thema ist auch das leise Aufbegehren einer neuen Generation, die all das nicht akzeptieren will. "Zeiten des Umbruchs" - das klingt nicht so drastisch wie der englische Originaltitel "Armageddon Time", ist aber wohl doch ganz treffend.

Die Mutter hat nur selten Zeit für ihn, der Vater (Jeremy Strong) dringt mit seiner strengen Art auch nicht richtig zu ihm durch: Paul, der später mal Künstler werden möchte, ist in seiner Familie weitestgehend isoliert - einzig sein Großvater (Anthony Hopkins) bietet ihm ein wenig emotionalen Rückhalt. Dann trifft er Jonathan, der aus einer völlig anderen Welt kommt. Jonathan hat Probleme in der Schule, wohnt in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Großmutter und hat so ungefähr alle Nachteile, die man als junger Schwarzer im Amerika des Jahres 1980 haben kann. Er und Paul, ihnen beiden tut es gut, einfach zusammen durch die Parks zu rennen und herumzublödeln. Und doch ist es eine Freundschaft, die eigentlich von vornherein keine Chance hat.

Von Jonas Decker