Ein Fantasy-Spektakel wie aus 1.001 Nacht: Die Kino-Highlights der Woche
George Miller? "Ah, Mad Max!", werden viele sofort denken, und das wahrscheinlich auch zu Recht. Mit den visionären Dystopien um Max Rockatansky, früher gespielt von Mel Gibson und dann von Tom Hardy, schrieb George Miller Kinogeschichte. Zwischendurch brachte der australische Filmemacher aber unter anderem auch "Die Hexen von Eastwick" (1987), "Ein Schweinchen namens Babe" (1995) und zweimal die animierten Pinguine von "Happy Feet" (2006, 2011) auf die Leinwand. Wirklich berechenbar, "Mad Max" hin oder her, war er nie. Das zeigt er auch mit seinem neuen Film "Three Thousand Years of Longing".

Neben dem Märchen-Spektakel "Three Thousand Years of Longing" erwarten das Publikum in dieser Woche zwei weitere spannende Neustarts: In "Freibad" von Doris Dörrie treffen ganz unterschiedliche Welten aufeinander; mit "Das Glücksrad" präsentiert Japans Oscar-Gewinner Ryusuke Hamaguchi ("Drive My Car") einen Episodenfilm über Zufall und Fantasie.

Three Thousand Years of Longing

George Millers bis dato letzter Film war das äußerst erfolgreiche Reboot "Mad Max: Fury Road" (2015), seitdem warten Fans gespannt auf den Nachfolger. Der liegt momentan jedoch auf Eis, Miller befand sich zuletzt im Streit mit dem Filmstudio. Stattdessen präsentiert er nun also, mal wieder, etwas ganz anderes: "Three Thousand Years of Longing" ist ein Märchen wie aus 1.001 Nacht, eine bildgewaltige Fantasy-Romanze mit Star-Besetzung. Miller selbst, der durchaus um sein besonderes Prestige weiß, bezeichnet seinen erst zehnten Spielfilm sogar als "Anti-Mad-Max".

Die Erzählung basiert auf der Kurzgeschichte "Der verliebte Dschinn" (1995) von Antonia Susan Byatt; die Grundidee ist viele hundert Jahre alt und wurde schon oft verfilmt - aber nicht so wie hier. Der Kaufmann, dem ein Dschinn drei Wünsche gewährt, ist in diesem Fall eine britische Akademikerin. Dr. Alithea Binnie (Tilda Swinton) reist für einen Kongress nach Istanbul und findet dort ein sonderbares Fläschchen auf dem Bazar, wenig später bietet der Dschinn (Idris Elba) ihr drei Wünsche für seine Freiheit.

Alithea, die sich gut auskennt mit der Weltliteratur, zögert: "Es gibt keine Geschichte über das Wünschen, die nicht auch eine Warnung enthält." Der Dschinn muss sich hier also besonders ins Zeug legen, wenn er die Freiheit will, und erzählt Alithea drei Geschichten. Es geht um König Salomo und die Königin von Saba, um Konkubinen und Kaufleute, um Liebe, Einsamkeit, Zorn und Mord. Die Märchen beeindrucken Alithea sehr, sie lässt sich auf die Sache ein und äußert ihren ersten Wunsch. Was dann passiert, hat auch der Dschinn in seinem über tausendjährigen Dasein noch nicht erlebt.

George Miller, hier Drehbuchautor (gemeinsam mit Augusta Gore), Regisseur und Produzent, erzählt "Three Thousand Years of Longing" als fantasievolles, visuell überwältigendes Episoden-Spektakel - mit Harfe, Perlenketten, Gold und Musketen, mit Scheidungsfrust, Funkmasten und einem verliebten Dschinn im samtweichen Bademantel. Ein klassischer Stoff, sehr unkonventionell inszeniert, und wieder einmal darf jeder für sich darüber nachdenken: Was macht man mit drei Wünschen? Was ist wirklich meines Herzens Begehr?

Freibad

Das durchschnittliche deutsche Freibad ist zuletzt ziemlich in Verruf geraten, über den Sommer gab es immer wieder hässliche Randele-Schlagzeilen. Ein echtes Reizthema, könnte man sagen. Und dann kommt eine Filmemacherin wie Doris Dörrie ("Grüße aus Fukushima") ausgerechnet mit einer Komödie an, die sie "Freibad" nennt. Irgendwann im Film rückt sogar die Polizei an. Ein aktueller Kommentar? Nein, wohl eher ein spannender Zufall. Die Diskussionen der letzten Wochen rücken schnell in den Hintergrund, wenn man sich dieses fiktive "Freibad" genauer ansieht, der Bezug zur realen Welt ist aber durchaus da.

Es gibt in diesem reinen Frauenbad keine Männer und (fast) kein Testosteron, aber trotzdem viel Stress und Ärger. Eva (Andrea Sawatzki) und Gabi (Maria Happel) stehen im Zentrum der Geschichte, die beiden Freundinnen hängen ständig im Freibad herum. "Das Freibad ist meine Familie", sagt Eva irgendwann sogar. Aber Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Ein paar Frauen in Burkinis entdecken die Badeanstalt für sich, außerdem eine Frau, die früher vielleicht mal keine Frau war - und dann taucht plötzlich ein neuer, definitiv männlicher Bademeister auf. Ein absolutes No-Go! Oder?

In diesem Freibad, wo ganz unterschiedliche Welten aufeinanderprallen, wird bald heftig diskutiert und gestritten, irgendwann kommt es auch zu Handgreiflichkeiten. Was in diesen rund 100 Minuten passiert, ist ein absoluter Stresstest für Eva, Gabi und ihre Liebsten - aber irgendwie auch für alle, die Eva, Gabi und ihre Liebsten aushalten müssen. Wer gehört dazu? Warum gibt es verschleierte Frauen, die Schweizerdeutsch reden? Wann ist eine Frau eine Frau? Doris Dörrie packt viele Themen an, diesmal nicht in Schwarzweiß und nicht dokumentarisch, sondern unterhaltend, brutal direkt und mit ziemlich knalligen Farben.

Das Glücksrad

Ryusuke Hamaguchi - den Namen kennen Kinofans inzwischen auch hierzulande. 2014 gewann der japanische Autor und Regisseur mit "Happy Hour" unter anderem den Preis für das beste Drehbuch in Locarno; für "Drive My Car" (2021) wurde er zuletzt mit einem Golden Globe und einem Oscar (jeweils als bester internationaler Film) ausgezeichnet. Als Hamaguchi letztere Preise entgegennahm, war der nächste große Wurf längst im Kasten - und jetzt landet er auch bei uns im Kino: "Das Glücksrad".

Der Film handle von "Zufall und Fantasie", heißt es in einem Pressetext zum Film, die Handlung ist aufgeteilt in drei Kapitel: "Magie", "Die Tür bleibt offen", "Noch einmal". In allen Sequenzen spielen Frauen die Hauptrolle. Da ist Meiko (Kotone Furukawa), deren beste Freundin mit ihrem Ex flirtet, was zu einigem Durcheinander führt. Die Studentin Segawa (Kiyohiko Shibukawa) möchte ihren Professor verführen, gerät dann aber in arge Not, als sie eine E-Mail falsch verschickt. Moka (Fusako Urabe) wiederum fährt zu einem Klassentreffen und sieht nach 20 Jahren erstmals wieder ihre alte Liebe Nana (Aoba Kawai).

"Das Glücksrad" ist unaufgeregt und sensibel inszeniert, die ersten Auszeichnungen gab es für den neuen Film von Ryusuke Hamaguchi auch schon. Bei der Berlinale etwa wurde der Episodenfilm mit dem Großen Preis der Jury gewürdigt. Hamaguchi seinerseits hat zuletzt bereits angekündigt, weiter im Bereich der Kurzfilme arbeiten zu wollen, unter anderem ist eine Serie von sieben Episoden geplant.

Von Jonas Decker