26 Millionen Tote: Vor zehn Jahren beschwor "Contagion" den Pandemie-Horror herauf
Fast schien es, als sei manch einem die Realität nicht unheimlich genug gewesen. Zehntausende Menschen weltweit hatten sich im März vergangenen Jahres bereits mit dem Coronavirus infiziert, viele Tausend waren gestorben, die Innenstädte menschenleer. Und inmitten dieses beginnenden Horrors fand sich der Film "Contagion" wieder in den Charts der Streamingdienste - bei iTunes etwa war der Film zeitweise in den Top Ten. In dem Thriller von Steven Soderbergh, der am 3. September vor zehn Jahren Weltpremiere feierte, bedroht ein Virus die Menschheit, das weitaus tödlicher ist als dasjenige, das uns derzeit Sorgen bereitet.

Zwei Wochen dauert es in "Contagion", bis das öffentliche Leben zusammenbricht: Kirchen, Schulen, Flughäfen - Plätze des öffentlichen Lebens sind menschenleer. Apotheken und Supermärkte werden geplündert, Hausbewohner wegen ihrer Vorräte erschossen. Diese erschütternde Verrohung ist die eigentliche Katastrophe in dem Film, den sich vor zehn Jahren rund 380.000 Kinozuschauer in Deutschland ansahen. Doch Soderbergh lässt die Gewalt nicht ausarten, sondern liefert auch genügend Beweise, dass der Mensch sogar in Ausnahmezuständen Mitgefühl, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft bewahren kann.

So schlimm wie im Film wird's schon nicht kommen

Wer Filme wie "Contagion" oder andere Seuchen-Klassiker wie "Outbreak" oder "12 Monkeys" schaue, der suche "eine Orientierung und einen Trost zugleich", versuchte sich der renommierte Film- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger im vergangenen Jahr an einer Erklärung für das wiederaufflammende Interesse an den Filmen. "Die Orientierung besteht in der Sehnsucht nach einem Narrativ, einer ordnenden Erzählung, durch die aktuell chaotische und unberechenbare Ereignisse fassbarer erscheinen", sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. "So werden Perspektiven und Identifikationen möglich, die einen Trost bergen mögen."

In "Contagion" sterben 26 Millionen Menschen. Das Szenario, das Soderbergh und sein Drehbuchautor Scott Z. Burns entwerfen, wirkt trotzdem relativ realistisch. Man glaubt, einen gewissen Einblick davon zu bekommen, wie Institutionen, Wissenschaft, Medien in einem solchen Fall reagieren und funktionieren. Die apokalyptischen Visionen, die "Contagion" heraufbeschwört, können aber auch so etwas wie Hoffnung spenden. Weil das, was der Film zeigt, noch weitaus schlimmer ist als die Realität in der Corona-Pandemie. So schlimm wie in Hollywood, so der rettende Gedanke, wird's schon nicht kommen.

Mehr als 100 Millionen Corona-Tote

Ein Film wie "Songbird" hingegen, der die tatsächlichen Pandemie-Ereignisse weiterspinnt, zerstört jede Hoffnung. Der Thriller von Adam Mason wurde im vergangenen Dezember veröffentlicht und spielt im vierten Jahr der Corona-Pandemie. Das Virus ist mutiert und greift nun das Gehirn an; mehr als 110 Millionen Menschen weltweit sind der Pandemie bereits zum Opfer gefallen, wer sich infiziert hat, wird in riesige Quarantänelager gesperrt. Diese Vorstellung war, mitten im Corona-Winter, den meisten dann doch zu viel.

Von Jan Treber