"Black Widow"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 08.07.2021
Regisseur: Cate Shortland
Schauspieler: Scarlett Johansson, Florence Pugh, Rachel Weisz
Entstehungszeitraum: 2020
Land: USA
Freigabealter: 12
Verleih: Disney
Laufzeit: 134 Min.
Kein "Stück Fleisch" mehr: So befreit sich "Black Widow" Scarlett Johansson vom Marvel-Sexismus
Obwohl Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) wusste, dass ein potenziell sehr teurer Prozess wegen sexueller Belästigung ins Haus stehen könnte, konnte sich "Iron Man" Tony Stark (Robert Downey Jr.) nicht zurückhalten: "I want one" - "So eine will ich" sagte er, als Black Widow (Scarlett Johansson) ihren ersten Auftritt im Marvel-Kinouniversum hatte. Die schmierige Szene stammt aus "Iron Man 2" (2010): Es hat mehr als zehn Jahre gedauert, bis sich die Superheldin von ihrem sexualisierten Image befreien durfte.

In ihrem ersten Solo-Film "Black Widow" (Kinostart 8. Juli, Streamingstart bei Disney+: 9. Juli) steht nun nicht mehr die Killerin im Latexanzug, die Männer verschlingende Schwarze Witwe, im Mittelpunkt. Der Film dreht sich um Natasha Romanoff, wie Black Widow bürgerlich heißt: um den Menschen, um die Frau.

Für die mittlerweile 36-jährige Scarlett Johansson ist dies ein überfälliger Schritt, wie sie während der Dreharbeiten 2019 in einem Interview mit "Collider" sagte: Vor zehn Jahren noch, erinnerte sie sich, wurde über ihre Figur wie "ein Stück Fleisch gesprochen, das jemand besitzt". Das Perfide daran: Johansson selbst habe es damals sogar als Kompliment verstanden. Die Zeiten, konstatierte sie, waren einfach so.

"Ich habe jetzt weniger Angst"

Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert, hat sich Johanssons Blick auf ihre Figur verändert - und auf sich selbst. "Ich bin nachsichtiger mit mir selbst, ich akzeptiere mich mehr. Als Frau und Mutter stehe ich an einem anderen Punkt in meinem Leben", sagt der Hollywoodstar und ist froh, dass Natasha Romanoff nicht mehr als übersexualisiertes Klischee die Welt retten muss. "Ich habe einen so langen Teil meines Erwachsenseins damit verbracht, diese Figur zu spielen, dass ich jetzt weniger Angst vor Dingen habe, als ich es vor zehn Jahren hatte. Und das ist gut", unterstrich sie auf einer Zoom-Pressekonferenz kurz vor Kinostart.

Dass sich die Superhelden bei Marvel emanzipieren, dass sie diverser werden, ist überfällig. Das Studio feiert sich dafür gerne, auch wenn es im Grunde gesellschaftliche Debatten stets im Nachhinein aufnimmt - als pflichtbewussten Beitrag zu Debatten des zahlenden Publikums. Von Ausnahmen wie "Black Panther" abgesehen, beschränkt man sich häufig auf weichgespülte, leicht bekömmliche Botschaften, die niemandem wehtun. Wenn alle darüber reden, so das Motto, dann reden wir halt mit: aber nur ein bisschen und auf keinen Fall kontrovers.

Sexismus-Vorwürfe elegant überhört

Nur reden die Offiziellen gar nicht darüber. Bei der virtuellen Pressekonferenz wurden heikle Thema mehr oder weniger elegant umschifft. Weder Produzent Kevin Feige noch Regisseurin Cate Shortland äußerten sich zu Johanssons Aussagen, die Marvel im Prinzip Sexismus vorgeworfen hatte.

Mastermind Kevin Feige schmiedet lieber Pläne: "Die Idee, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des MCU zu erforschen, ist sicherlich für alle unsere Figuren eine Option", kündigt er zukünftige Projekte vage an. Ansonsten aber schweigt er beredt. Für ihn ist Scarlett Johansson einfach nur "eine erstaunliche Darstellerin, und mit jedem einzelnen Auftritt lernte man mehr, sah man mehr und wollte man mehr wissen." Das ist ein bisschen wenig, wenngleich Feige natürlich nicht Unrecht hat.

Dass ausgerechnet "Black Widow" den Re-Start des Kinojahres auf Blockbuster-Level einläutet, sei vor allem Scarlett Johansson gegönnt. Ihre Figur stand immer im Schatten der übermächtigen männlichen Avengers. Dabei war es im Grunde Natasha Romanoff, die den Laden immer dann am Laufen hielt, wenn alles verloren schien: Sie war das Herz der Superhelden-Truppe, und sie war es auch, die in "Endgame" das ultimative Opfer brachte. Mit "Black Widow" kommt sie die Aufmerksamkeit, die sie verdient.

Endlich mehr Vielfalt

Dem Marvel Cinematic Universe steht der Auftakt der Phase vier jedenfalls gut zu Gesicht, trotz des oberflächlichen "Disney-Feminismus", wie es der "Rolling Stone" nennt. Manchmal aber sind kleine Schritte besser als keine Schritte. Zumal Marvel nach den - vor allem netten - Serien bei Disney+ ab Herbst ein paar alte und viele neue Helden losschickt, die das Kino nach der verlorenen Corona-Zeit retten sollen - und es auch vielfältiger machen.

So startet am 2. September mit "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" der erste Marvel-Film, der vornehmlich mit asiatischen US-Amerikanern besetzt ist. Das kann insbesondere in Zeiten zunehmender anti-asiatischer Hassverbrechen in den USA durchaus als Zeichen gewertet werden. Auch die im November aus ihrem Tiefschlaf erwachenden "Eternals", eine uralte über die Erde wachende Alienrasse, sind divers in Kultur-, Geschlechts- und Altersangelegenheiten. Inszeniert von der in Peking geborenen Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao ("Nomadland"), besteht die Hoffnung, dass die absurde Ausgangslage (Warum haben die Götter bei Thanos' Universalgenozid in "Infinity War" und "Endgame" eigentlich tatenlos zugeschaut?) zumindest kulturell eine interessante Bereicherung wird.

Apropos Bereicherung: Thor (Chris Hemsworth), der alter Donner- und Hammergott, wird im nächsten Jahr wohl abdanken. In seinem vierten Solofilm "Thor: Love and Thunder" (Kinostart: Mai 2022) übernimmt dem Vernehmen nach seine Ex-Geliebte Jane Foster (Natalie Portman) die göttliche Verantwortung. Die Erkenntnis, dass Frauen mit Verantwortung und Macht umgehen können, oft sogar besser als Männer, setzt sich langsam durch im MCU. Auch dank Scarlett Johansson, die sich auf der virtuellen Pressekonferenz einen Seitenhieb dann doch nicht verkneifen konnte: Natasha Romanoff "hat eine Menge Integrität, sie ist ein großer Charakter", sagte Johansson. Und: "Sie hat keine Angst zuzugeben, wenn sie falsch liegt."

Von Andreas Fischer