Eine Ode an das Nichtstun
Es gibt wohl kaum ein Wort, das die Coronakrise und den damit verbundenen monatelangen Lockdown besser umreißt als "Stillstand". Eine ganze Gesellschaft, zuvor geprägt von Digitalisierung, Globalisierung und dem heimlichen Motto der schnelllebigen, modernen Welt - "Höher, schneller, weiter" - war plötzlich zum Nichtstun verdammt, und das über Monate hinweg. Da mutet es schon fast ironisch an, dass ausgerechnet jetzt, wo die Kulturlandschaft langsam aber sicher aus der Zwangspause geführt wird, ein Film mit dem Titel "Stillstehen" startet. Zunächst gibt es das Drama ab 17. Juni exklusiv online zu sehen, unter "alleskino.de". Zur geplanten Kinoöffnung am 1. Juli soll der Film dann auch seinen Weg in die Lichtspielhäuser finden.

Anders als viele Menschen, die lieber heute als morgen in den geschäftigen Alltag aus Prä-Corona-Zeiten zurückkehren würden, hat Julie (Natalia Belitski) im Spielfilmdebüt von Regisseurin Elisa Mishto die Tatenlosigkeit perfektioniert. Sie isst, sie schläft und sie kauft ein - am liebsten den ganzen Einkaufswagen voller gelber Putzhandschuhe, die sie permanent trägt. Julie hat weder einen Job, noch gedenkt sie, zu studieren. Stattdessen verprasst sie das Erbe ihrer Mutter. Weil sie mit dieser Lebensphilosophie in der normalen Welt immer wieder an die Grenzen stößt, provoziert sie in regelmäßigen Abständen die Einweisung in eine Psychiatrie.

Doch als Julie ein weiteres Mal im Büro des Psychiaters Dr. Herrmann (Martin Wuttke) landet, ist etwas anders. Eine neue Pflegerin, Agnes (Luisa-Céline Gaffron), hat gerade ihren Dienst angetreten und wird Julie als Betreuerin zugewiesen. Was zunächst als distanziertes Aufeinandertreffen zweier vordergründig gegensätzlicher Frauen beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem Wechselspiel aus sexueller Anziehung und gefährlichen Abhängigkeiten.

Schlaglichter auf Teilzeit-Rebellen

Beide Protagonistinnen haben tief sitzende Wunden, mit denen Elisa Mishto, die auch das Drehbuch schrieb, sehr unterschiedlich umgeht. Agnes' seelische Pein wird offen gezeigt: Die junge Mutter quälen das schwierige Verhältnis mit ihrer dreijährigen Tochter sowie die argwöhnischen Blicke und das heimliche Getuschel der anderen Kindergarteneltern. Ständig lebt die Pflegerin in der Sorge, ihr Umfeld zu enttäuschen. Weit weniger eindeutig ist Julies Psychogramm aufgebaut. Hier arbeitet Mishto nur mit Andeutungen. Zwar erfährt man, dass Julies Mutter Selbstmord beging und auch ihr Vater tot ist, die Gründe ihres Nichtstuns bleiben aber größtenteils der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Mit zunehmender Dauer des behutsam erzählten Films verschmelzen die Welten der manipulativen Julie und der bisweilen hilflos agierenden Agnes immer mehr miteinander. Schauspielerisch von Natalia Belitski und Nachwuchshoffnung Luisa-Céline Gaffron ("8 Tage") packend umgesetzt, erreichen einige Szenen eine einnehmende Intensität. Auch die prominente Besetzung der Nebenrollen von Martin Wuttke über Katharina Schüttler bis Jürgen Vogel kommt dem Drama zugute.

Dennoch: Dem Anspruch Mishtos an ihren Film kann "Stillstehen" nicht ganz gerecht werden. Im Presseheft des Münchner Filmfestes, wo der 90-Minüter bereits 2019 Premiere feierte, heißt es: "Julie und Agnes sind Rebellen - weil sie sich weigern, etwas zu tun, auch wenn sie alles haben könnten." Als filmgewordener Protest gegen die Unterordnung unter gesellschaftlichen Konventionen taugt "Stillstehen" aber nur bedingt. Dafür bleibt einfach zu vieles im Vagen.

Von Julian Weinberger