Erbärmliches Wrack: So mies ist Sherlock Holmes in der neuen Netflix-Serie drauf
Mit Sherlock Holmes (Henry Lloyd-Hughes), dies vorweg, bekommt es "Die Bande aus der Baker Street" in der neuen Netflix-Serie (ab 26. März) erst ziemlich spät zu tun. Die Hälfte der acht Episoden ist schon vorbei, als der Meisterdetektiv endlich auftaucht - als seelisches und körperliches Wrack. Bis dahin macht Dr. Watson (Royce Pierreson) die Ansagen an eine Handvoll Jugendliche, die im Abwassersystem unter einem Pub hausen.

In den Originalgeschichten von Arthur Conan Doyle sind diese "Irregulars", wie die Serie im Original heißt, nur ein paarmal aufgetaucht und haben Sherlock Holmes mit ihrer Straßenschläue bei den Ermittlungen geholfen. In der Serie von Tom Bidwell sollen Bea (Thaddea Graham), Jessie (Darci Shaw), Spike (McKell David) und Billy (Jojo Macari) nun im Alleingang dunkle Mächte aufhalten, die nicht nur London bedrohen, sondern gleich die ganze Welt. Auf ihren schmalen Schultern lastet die Verantwortung für einige höchst mysteriöse Fälle von übernatürlichen Dimensionen. Dabei haben sie genug damit zu tun, irgendwie über die Runden zu kommen.

Monster und Dämonen überall

Ausgerechnet ein paar vergessene Kinder sollen also dunkle Mächte aufhalten, die nicht nur London bedrohen, sondern die ganze Welt. Immerhin bekommen sie dabei Unterstützung von Leopold (Harrison Osterfield), einem äußerst smarten und gebildeten jungen Mann, der sein wahres Ich versteckt und die Beziehungen innerhalb der Gruppe durcheinanderwirbelt.

Männer, die Krähengeschwader befehligen, eine Zahnfee, die Zombies züchtet, jede Menge Albträume, dazu Stolz und Vorurteile - es wirkt ein bisschen weit hergeholt, was sich Netflix mit der Mischung aus "Stranger Things", "Dark" und "Emil und die Detektive" erlaubt. Doch auch wenn die Geschichten von Episode zu Episode absurder (und vorhersehbarer) werden, hat "Die Bande aus der Baker Street" ein ziemlich großes Herz für all jene Menschen, um die sich eine Gesellschaft nicht mehr kümmert. Im spätviktorianischen London oder anderswo.

Die Kids jedenfalls lassen sich nichts sagen, schon gar nicht von Dr. Watson. Und sie sind die einzigen, die in unsicheren Zeiten, wenn die Sitten verfallen und aus Menschen Monster werden, ihren moralischen Kompass nicht verlieren. Auf Sherlock Holmes können sie in ihrem Kampf gegen das Böse ohnehin nicht setzen. Der ist nicht einmal mehr in der Lage, eine Teesorte korrekt zu bestimmen.

Von Andreas Fischer
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