"Tribes of Europa": Mad Max - made in Germany
Wem die Europäische Union mit ihren trägen Apparaten schon lange auf den Senkel geht und wer zudem auf überdrehte Endzeitszenarien der Marke "Mad Max"steht, dürfte an der neuen deutschen Netflixserie "Tribes of Europa" (ab Freitag, 19. Februar) Gefallen finden. Showrunner Philip Koch ("Play", "Picco"), der schon mal einen "Tatort" mit dem Vampir-Genre verknüpfte ("Blut"), fügt dem Popcorn-SciFi-Universum mit diesem Sechsteiler jedenfalls eine würdige Miniserie hinzu. Für sein wohl nicht unerhebliches Budget konnte er sowohl die Produzenten Wiedemann & Berg ("Dark") als auch die verantwortliche Netflix-Chefin deutschsprachiger Produktionen, Rachel Eggebeen, gewinnen.

Worum geht es? 2074, gut 40 Jahre nach einem ominösen globalen "Blackout", ist Europa in unzählige Mikro-Staaten zerfallen, die sogenannten Tribes. Zu Beginn lernt man die drei jungen Origine-Geschwister Lliv (Henriette Confurius), Kiano (Emilio Sakraya) und Elja (David Ali Rashed) kennen. Sie leben naturverbunden im Wald und lehnen moderne Technik ab, weil sie einst die alte Welt zerstörte. "Die Welt da draußen ist nicht die unsere", erzählt ihr Vater (Benjamin Sadler) mit bedeutungsschwangerem Blick der Kamera. Tatsächlich sind Charaktertiefe und Dialoge nicht unbedingt die Stärke des Formats. Dafür bietet sie überragenden Spaß, teure Sets und eine manische Überdrehtheit in der Figurenzeichnung, die man aus Deutschland bisher so noch nicht kannte.

Bist du Crow, Origine oder Crimson Republic?

Vor allem der Tribe der Crows kann auf diesem Sektor punkten. Die in schwarzem Leder und viel dunkler Schminke gezeichneten Mitglieder leben ein streng hierarchisches Unterdrückungs-System und viel Liebe zur Gewalt. In ihrer Freizeitgestaltung nehmen Sex, Drogen und enthemmte Unterhaltung im Sinne von arenenhaften Kämpfen auf Leben und Tod einen breiten Raum ein. Als die Crows das geheime Waldlager der Origines niedermetzeln, geraten die beiden älteren Geschwister in Gefangenschaft, während Nesthäkchen Elja mit einem ominösen Cube, einer kleinen Wundermaschine, fliehen kann.

Jener Cube, der irgendeine mythische Bedeutung aufweist, wurde aus einem Raumschiff-Wrack eines hoch technisierten Atlantiers geborgen. Ein Angehöriger jenes Tribes, der als Einziger dem technischen Blackout entkommen ist und nun auf geheimen Basen lebt. Gemeinsam mit Abenteurer-Schlawiner Moses (Oliver Masucci in einer Han Solo-Rolle) versucht Elja das Geheimnis des Cube und seiner Welt zu lüften. Zu guter Letzt gibt es noch einen vierten Tribe in der Erzählung, die Crimson Republic - militärisch organisiertes Überbleibsel einer europäischen Armee, deren Chef (Robert Finster, "Freud") Werte der alten Welt wie Ordnung, Gesetz und Disziplin zu restaurieren versucht.

Schlitzmesseraufsätze für die Fingerkuppen

Am meisten Spaß macht "Tribes of Europa" immer dann, wenn die Crows ins Spiel kommen. Deren komplett überdrehter Anführer (Sebastian Blomberg) und vor allem die großartige Melika Foroutan als Varwara bieten tatsächlich so etwas wie faszinierend schillerndes Schauspiel, während die Serie ansonsten vor allem mit tollen Set Desigs und einem atemberaubenden Tempo im Wechsel dieser aufwendigen Schauplätze überzeugt. Gedreht wurde in Tschechien und Kroatien, wo Szenenbildner Julian R. Wagner eines der schönsten Hauptmotive der Serie fand: ein einsam im Wald zerfallendes futuristische Hochhaus aus der Tito-Zeit, früher eine Gedenkstätte des jugoslawischen Widerstands im Zweiten Weltkrieg.

Überhaupt weiß die Serie mit unzähligen, pittoresk zerfallenen "Industrie"-Denkmälern aus unserer Gegenwart zu gefallen. So kann man in der Crows-Hauptstadt Brahtok unschwer ein postapokalyptisches Berlin erkennen, ohne dass einem dies durch ominöse Einstellungen mit Fernsehturm penetrant aufs Brot geschmiert würde. Stattdessen dient die Hochbahn an der Möckernbrücke als Eingangsportal in die Welt der eroberungsfreudigen Crows, die sich mit römischen Zirkus-Spielen und Steam Punk-Mode inklusive Schlitzmesseraufsätzen für die Fingerkuppen ihre Zeit vertreiben.

Dystopie mit viel Aufbruchs-Power

Laut Szenenbildner Wagner waren Filme wie "Children of Men", "Blade Runner" oder "Rogue One: A Star Wars Story" Vorbilder für den Look der Serie. Die noch deutlich näher liegende Parallele zu "Mad Max" bleibt unerwähnt, obwohl die Inspiration durch George Millers einzigartigen Dystopie-Entwurf mehr als offensichtlich ist.

Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie in raschem Tempo abgedreht, hatten die Macher im vergangenen Jahr noch einmal viel Zeit im Schneideraum, um ihr Werk zu überdenken, da sich wegen Corona die Arbeit an den Special Effects logistisch verzögerte. Showrunner Philip Koch gibt an, die Wartezeit habe die Serie positiver gemacht, da der tatsächliche Weltuntergang ja auf gewisse Weise schon stattgefunden hätte. Vielleicht erzählt die erste Staffel "Tribes of Europa"-Staffel deshalb auch von einem - wenn auch gewalttätigen - Aufbruch der Menschen, die voll wilder Energie eine neue Welt auf den Trümmern des alten Europas bauen wollen.

Von Eric Leimann
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