Berührende Rückkehr einer Leinwandgöttin
Sophia Loren - alleine dieser Name ist pure Erotik. Kaum eine Schauspielerin des 20. Jahrhunderts ist derart zum Mythos geworden wie die in einem Armenviertel Neapels aufgewachsene Tochter einer Filmkomparsin und eines Gelegenheitsarbeiters. Und kaum eine andere wurde derart auf ihr Äußeres reduziert. Natürlich: Die Loren war ja auch von einer überirdischen Schönheit, die pure Eleganz mit weiblicher Überlegenheit verband. Heute ist sie 86 Jahre alt. Und wer sie nun in ihrem neuen Film "Du hast das Leben vor dir" (ab 13. November bei Netflix) sieht, der ist noch immer gefesselt von ihrer zeitlosen Anmut. Vor allem aber erlebt man hier eine Schauspielerin, die ihr Handwerk fantastisch beherrscht.

Loren spielt Madame Rosa, eine Holocaustüberlebende und ehemalige Prostituierte, die sich im süditalienischen Bari niedergelassen hat. Hier kümmert sie sich um die Kinder befreundeter Sexarbeiterinnen, ist Tagesmutter und manchmal auch Mutterersatz. Einen Jungen und ein Mädchen hat sie schon in ihrer kleinen Wohnung aufgenommen, ein drittes "Nuttenkind", wie sie es ausdrückt, will sie nicht. Und schon gar nicht will sie Momo (Ibrahima Gueye) unter ihre Fittiche nehmen, einen kleinen Straßenjungen aus dem Senegal, der ihr auf einem Markt auch noch die Tasche gestohlen hat. Doch ihr Freund Dr. Coen (Renato Carpentieri) besteht darauf. Momo, sagt er, sei ein guter Junge. Und so lässt sie sich doch breitschlagen, und Momo zieht bei ihr in die Abstellkammer. Die beiden freunden sich an, und während Madame Rose versucht, den kleinen Gelegenheitsdealer von der Straße fernzuhalten, muss auch Momo lernen, für einen anderen Menschen Verantwortung zu übernehmen. Denn Rosa, die von den Dämonen einer düsteren Vergangenheit eingeholt wird, entgleitet zunehmen die Kontrolle über ihr Leben.

Heiße Oscar-Kandidatin

"Du hast das Leben vor dir" ist einer dieser Filme, die auf dem Papier nach rührseligem Machwerk klingen, sich dann aber wundersamerweise als dessen genaues Gegenteil entpuppen. Das liegt natürlich vor allem an der Loren, die hier hier alles auffährt, was ihr als Schauspielerin zur Verfügung steht. Die Holocaustüberlebende und die ehemalige Prostituierte, die sich sorgende Pflegemutter und die nach einem selbstbestimmten Leben Gierende, die starke Frau und die mit dem Alter kämpfende Schönheit - all das nimmt man ihr ohne zu zögern ab. Zusammen mit dem jungen Nachwuchsdarsteller Ibrahima Gueye bildet sie ein wunderbar schräges Leinwandpaar, das ein klein wenig an "Ziemlich beste Freunde" erinnert.

In Romain Garys gleichnamigem Roman von 1975, der "Du hast das Leben vor dir" zugrunde liegt, steht der junge Momo im Mittelpunkt. Im Film, der die Handlung aus dem Frankreich der 70-er ins Italien von heute verlegt, teilt er sich die Aufmerksamkeit mit Madame Rosa. Und so ist der Film, anders als das Buch, nicht nur der Entwicklungsroman eines Jungen, sondern vor allem auch das Porträt einer Frau, die im Alter vom Trauma von Auschwitz eingeholt wird. Und für Loren ist der Film ein fulminantes Comeback; zuletzt sah man die Schauspielerin vor sechs Jahren im Kurzfilm "Voce umana". US-Branchenexperten sehen sie nun als Kandidaten für einen Oscar. Es wäre ihr dritter.

Von Sven Hauberg
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