"Das Grauen! Das Grauen!"
"Mein Film handelt nicht von Vietnam, er ist Vietnam", hat Francis Ford Coppola gesagt, als er "Apocalypse Now" 1979 in Cannes präsentierte. In seiner sehr freien Adaption von Joseph Conrads Erzählung "Herz der Finsternis" schickt der Regisseur Martin Sheen als Captain Willard auf eine fiebrige Odyssee in den Dschungel, wo er den abtrünnigen, scheinbar wahnsinnig gewordenen Colonel Kurtz (Marlon Brando) finden und töten soll. "Das Grauen! Das Grauen!", stammelt Kurtz ganz zum Schluss, davor lässt Coppola vom Hubschrauber aus vietnamesische Dörfer in Schutt und Asche legen, während Wagners Walkürenritt aus gigantischen Lautsprechern Unheil verkündet.

Knapp zweieinhalb Stunden war der Film lang, den Coppola 1979 erstmals ins Kino brachte - zu kurz, um die ganze Komplexität der Geschichte, die der "Pate"-Regisseur erzählen wollte, abzubilden. Aber der Film, dessen Dreh Unsummen verschlungen hatte, musste ein finanzieller Erfolg werden, und eine noch längere Version wollte man dem Publikum nicht zumuten. Auch wenn die Kritik seinerzeit zunächst verhalten auf "Apocalypse Now" reagierte - heute gilt der Film als einer der besten aller Zeiten. Wie nie zuvor und nie danach gelang es Coppola, den Irrsinn des Krieges einzufangen - ein wahnsinniges, größenwahnsinniges Werk.

So legendär wie der Film selbst ist auch seine Entstehungsgeschichte. Nach zwei Wochen Drehzeit auf den Philippinen tauschte der Regisseur seinen Hauptdarsteller Harvey Keitel gegen Martin Sheen aus, der wenig später einen Herzinfarkt erlitt. Immer wieder wurde das Set zerstört, die Dreharbeiten zogen sich über Monate hin. "Wir waren im Dschungel. Wir waren zu viele. Wir hatten Zugriff auf zu viel Geld, zu viel Ausrüstung - und nach und nach wurden wir wahnsinnig", erinnerte sich Coppola. Die Dokumentation "Hearts of Darkness" erzählt von diesem filmischen Irrsinn.

"Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen"

2001 schnitt Coppola sein Meisterwerk zu einer fast dreieinhalbstündigen "Redux"-Version um, fügte zusätzliche Szenen ein, etwa jene jenseits der vietnamesischen Grenze: Französische Plantagenbesitzer, die hier, in Kambodscha, Land bewirtschaften, lässt Coppola über die Vorzüge des Kolonialismus diskutieren. Es ist ein langer Einschub, der die Dramaturgie des Films ausbremst, ihm aber auch eine weitere, politische Komponente gibt.

Zum 40. Jubiläum seines Vietnam-Albtraums bringt Coppola "Apocalypse Now" nun als "Final Cut" in die Kinos, als endgültige Version - so, wie er den Film schon 1979 gerne gezeigt hätte, wie er sagt. Gut drei Stunden ist der Film nun lang, und auch jene Sequenz bei den französischen Plantagenbesitzern ist noch drin - sie muss Coppola sehr wichtig sein. Anderes ist hingegen wieder weggefallen, etwa jene Szene nach der außer Kontrolle geratenen Show der Playboy-Bunnies mitten im vietnamesischen Dschungel.

Sehenswert ist der "Final Cut" aber aus anderen Gründen: Noch nie zuvor sah der Film so gut aus, noch nie klang er so beeindruckend. Erstmals wurde das Originalmaterial in hochauflösendem 4K gescannt, der Soundtrack in Dolby Atmos abgemischt. Das Ergebnis ist beeindruckend, auch wenn freilich nicht alle Spuren des Alters gewichen sind. Das Napalm, dessen morgendlichen Geruch der von Robert Duvall gespielte Colonel Kilgore so liebt, man spürte es aber so gewaltig wie nie zuvor.

"Apocalypse Now - Final Cut" läuft am Montag, 15. Juli, bundesweit in den Kinos.

Von Sven Hauberg
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