Diane auf Wolke sieben, Cineasten auf der Palme
Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes feierten sich in diesem Jahr selbst und wieder einmal das Kino. Zur Jubiläumsausgabe, der 70. seit 1946, hatten sich die Veranstalter aber auch einen Störenfried eingeladen. Der vor Ort entbrannte Netflix-Streit als Kulturkampf zwischen dem überall verfügbaren kleinen Screen und der großen Leinwand im Kinosaal prägte das diesjährige Festival und weist in die Zukunft. Steht der Untergang der Filmkunst bevor - oder eben gerade nicht? Auch in seiner 70. Ausgabe bewies das Festival so, dass es mit der angestoßenen Debatte nah dran am Zeitgeist ist. Gestritten wurde an der Croisette schon immer gerne. Man denke nur an den Einzug der Animationsfilme in den ehrwürdigen Wettbewerb 2004 oder, zwei Jahre zuvor, an Michael Moores gnadenlos subjektiv-assoziativer Doku-Abrechnung "Bowling for Columbine", die allen Kontroversen zum Trotz den "Jubiläumspreis" gewann.

Als Palmengewinner 2017 kürte die Jury unter Vorsitz von Pedro Almodóvar nun einen, der augenscheinlich selbst von der Auszeichnung überrascht war: den Schweden Ruben Östlund. Mit "The Square" setzt er seine Erfolgswelle an der Croisette fort, die 2014 begann. Vor drei Jahren wurde er in der Nebenreihe "Un Certain Regard" für das provokative Werk "Höhere Gewalt" ausgezeichnet. Nun konnte er den Hauptpreis mit einer Komödie holen, einem Genre, das in Cannes traditionell einen schweren Stand hat. Diesmal jedoch nicht.

"The Square" nimmt mit Sarkasmus und Humor die Kunstwelt (und auch die Gesellschaft) mit ihren Heucheleien rund um Political Correctness auf die Schippe. Als die Hauptfigur, der Kurator eines der größten Museen in Stockholm ausgeraubt wird und ihm die provokante Kampagne seiner neuen Ausstellung rund um das Thema Empathie um die Ohren fliegt, gerät seine Einstellung zu sich selbst und zur Gesellschaft ins Wanken. Die gute Nachricht für alle, die diesen Gewinnerfilm sehen wollen: Er hat bereits einen deutschen Verleih, der Kinostart ist für den Herbst vorgesehen. Damit droht "The Square" zumindest nicht das Schicksal anderer Wettbewerbsbeiträge, die in Deutschland nie ins Kino kommen und nur eine DVD-Auswertung erhalten.

Ab 23. November kann sich das deutsche Publikum dann auch ein eigenes Bild von der Leistung Diane Krugers in dem NSU-Drama "Aus dem Nichts" machen. Die Hauptdarstellerin von Fatih Akins Beitrag (immerhin war damit zwei Jahre in Folge ein deutscher Film im Wettbewerb) durfte den Preis als "Beste Schauspielerin" entgegennehmen. Ein großer Erfolg für die aus Niedersachsen stammende 40-Jährige, die in Hollywood und damit in großen US-Produktionen ("Troja", 2004) Karriere gemacht hat. In ihrem ersten deutschen Film überhaupt spielt Diane Kruger eine zwischen Trauer und Rachegefühlen zerrissene Witwe. Deren Leben zerbricht, als aus dem Nichts ihr Mann und ihr Sohn bei einem Bombenanschlag ums Leben kommen. Die Verdächtigen sind ein junges Neo-Nazi-Paar. Diane Kruger gewinnt diesen Preis als erste Deutsche seit Barbara Sukowa, die 1986 für ihre Rolle in Margarethe von Trottas "Rosa Luxemburg" in Cannes ausgezeichnet wurde.

Wichtige Preise einheimsen, das konnten in diesem Jahr auch zwei der drei im Wettbewerb vertretenen Regisseurinnen. Die Auszeichnung für die "Beste Regie" ging an Sofia Coppola für ihren Film "Die Verführten" (Start: 29. Juni). Die Schottin Lynne Ramsey teilt sich den Preis für das "Beste Drehbuch" mit dem Griechen Giorgos Lanthimos ("The Killing of a Sacred Deer"). In Ramseys Film "You Were Never Really Here" sah die Jury zudem die beste Schauspielleistung eines männlichen Darstellers. Joaquin Phoenix überzeugt in dem Thriller-Drama als ein psychisches und emotionales Wrack, das den Actionhelden spielt. Mit dem Jubiläumspreis zum 70. Geburtstag des Festivals wurde Nicole Kidman geehrt, die in diesem Jahr in Cannes in gleich vier Filmen (zwei im Wettbewerb) zu sehen war.

Viel erwartet wurde vom neuen Film des russischen Regisseurd Andrei Zvygintsev ("Leviathan", 2014) der mit "Loveless" dann auch den Preis der Jury gewinnen konnte. Ein Film, der eindrucksvoll zeigt, dass Materialismus und Egoismus der Fluch unserer Zeit sind. Eine filmische Botschaft, die es würdig ist, von Cannes in die Welt hinaus getragen zu werden - hoffentlich auch mit einem Start in einem deutschen Kino.

Von Diemuth Schmidt