"Black Widow"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 08.07.2021
Regisseur: Cate Shortland
Schauspieler: Scarlett Johansson, Florence Pugh, Rachel Weisz
Entstehungszeitraum: 2020
Land: USA
Freigabealter: 12
Verleih: Disney
Laufzeit: 134 Min.
Marvel traut sich was: Scarlett Johansson darf die ganzen alten weißen Männer verprügeln
Es hat lange gedauert, aber Marvel traut sich endlich, den gesellschaftlichen Veränderungen wirklich Rechnung zu tragen. "Black Widow" räumt auf mit dem übersexualisierten, eindimensionalen Frauenbild, auf das die weiblichen Figuren im Marvel Cinematic Universe (MCU) so lange reduziert waren. Vor allem für die Titelheldin ist der erste MCU-Film, der nach der Corona-Zwangspause wieder in die Kinos kommt, eine Befreiung.

Ursprünglich sollte "Black Widow" mit Scarlett Johansson als Avengers-Heldin Natasha Romanoff Ende April 2020 in den deutschen Kinos anlaufen und die vierte Phase des MCU einläuten. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde der Start aber auf 8. Juli 2021 verschoben. Einen Tag später, am 9. Juli, ist der Film auch über Disney+ mit VIP-Zugang abrufbar.

Für kleine Bildschirme ist "Black Widow" freilich nicht gemacht - auch wenn der Film der Australierin Cate Shortland ("Lore", "Berlin Syndrom") seine Stärken in den leisen, nachdenklichen Szenen hat. In jenen Momenten, in denen Natasha Romanoff nach den Ereignissen in "Captain America: Civil War" an sich selbst zweifelt und ihre verschollene Familie neu kennenlernt. Im Mittelpunkt des Films steht dabei die Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Yelena: Florence Pugh ("Little Women") ist eine echte Bereicherung für die nunmehr 24 Filme umfassende Marvel-Saga und stiehlt selbst Johansson die Show.

Keine Geheimnisse mehr

Die beiden Schwestern verbindet das Trauma einer gestohlenen Kindheit. Sie wurden einst von einem größenwahnsinnigen Russen (Ray Winstone) im "Red Room" zu Profi-Killerinnen erzogen. Doch die Zeiten, in denen sich alte Männer Frauen mit psychischen und chemischen Tricks gefügig und willenlos machen können, sind vorbei: Natasha und Yelena haben ein Gegenmittel, um eine Armee von Black Widows aus seiner Knechtschaft zu befreien.

Sie brauchen allerdings die Hilfe ihrer Eltern. Während die brillante Wissenschaftlerin Melina Vostokoff (Rachel Weisz) Schweine Schach spielen lässt, verklärt sich der etwas aus dem Leim gegangene Ex-Superheld Alexei "Red Guardian" Shostakov (gespielt vom wunderbaren "Stranger Things"-Sheriff David Harbour), im Knast zur Sowjet-Variante von Captain America.

Dass jeder in der Familie einen anderen Nachnamen trägt, ist kein Versehen: Die Vergangenheit ist in "Black Widow" ein ziemliches Miststück. Nicht von ungefähr hat Natasha Romanoff in den MCU-Filmen immer wieder mit ihrem früheren Ich gehadert. Wie schlimm es wirklich um ihr Seelenheil steht, wird in ihrem ersten und längst überfälligen Solo-Film deutlich. Auch was in Budapest passiert ist - ein Running Gag in vorherigen Filmen - bleibt nicht länger ein Geheimnis und erklärt, warum Natasha in "Avengers: Endgame" so erbittert mit ihrem Freund Hawkeye (Jeremy Renner) kämpfte.

Starke Frauen stark in Szene gesetzt

Tragikomische Familiengeschichte, Sister-Movie, Spionage-Thriller, Rachefeldzug - dieser Mix funktioniert über weite Strecken sehr gut. Zum einen, weil Regisseurin Cate Shortland weiß, wie man starke Frauen stark in Szene setzt. Zum anderen, weil sich Jac Schaeffer, Ned Benson und Eric Pearson in ihrem Drehbuch vor einer Auseinandersetzung mit Themen wie Schuld und Sühne nicht scheuen, weil jeder in Natashas dysfunktionaler Familie ein Trauma überwinden muss und nicht zuletzt, weil sich die Marvel-Frauen endlich aus der Fuchtel der alten weißen Männer befreien.

Dass Marvel bereit ist, den Frauen mehr zuzutrauen, als enge Kostüme zu tragen, um schmierige Heldenfantasien zu befriedigen, hatte sich in "Captain Marvel" schon angedeutet. "Black Widow" geht den nächsten Schritt - konsequent und modern. Die Frauen lassen sich nichts mehr gefallen, sie übernehmen das Ruder. Der einzige gute Mann an ihrer Seite ist im Prinzip ein trauriger Clown, eine tragische Figur, die lange braucht, um seine neue Rolle in einer Familie mit drei starken Frauen zu akzeptieren.

Schade nur, dass sich "Black Widow" im Finale dann doch dem Franchise-Diktat beugt und sich mit einem zwar explosiven, aber auch uninspirierten Showdown zufriedengibt. Zum Glück hat man bis dahin schon knapp zwei Stunden Zeit mit den Figuren verbracht und sie mit all ihren Fehlern und Schwächen ins Herz schließen können.

Von Andreas Fischer