"Minari - Wo wir Wurzeln schlagen"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 15.07.2021
Regisseur: Lee Isaac Chung
Schauspieler: Steven Yeun, Han Ye-ri, Yoon Yeo-jeong
Entstehungszeitraum: 2020
Land: USA
Freigabealter: 6
Verleih: Prokino
Laufzeit: 116 Min.
In amerikanischer Erde
Der amerikanische Traum, er sieht für jeden ein klein wenig anders aus. Für Jakob Yi (Steven Yeun), Einwanderer aus Südkorea, hat er die Form eines riesigen Wohnwagens. Der Trailer steht im ländlichen Arkansas, auf einer großen Wiese mitten im Nirgendwo. Jakob aber sieht hier mehr als nur Gras: Er sieht eine Zukunft für sich und seine Familie. Und so greift er in die amerikanische Erde und erklärt seiner Frau Monica (Han Ye-ri), dass es hier den besten Boden des ganzen Landes gäbe.

"Minari", nominiert für sechs Oscars, spielt in den USA der 80er-Jahre. Schon die ersten Minuten zeigen, worum es in dem berührenden Film geht: ums Ankommen und ums Aufblühen. "Wo wir Wurzeln schlagen" hat der deutsche Verleih dem Film von Regisseur Lee Isaac Chung als Untertitel verpasst, überflüssig vielleicht, aber passend. Später im Film wird die aus Korea angereiste Großmutter Soon-ja (Youn Yuh-jung) an einem Fluss in der Nähe des Wohnwagens Samen verstreuen, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hat. Bald schon wächst hier Minari, die koreanische Wasserlilie, eine Pflanze, die sich fast überall schnell heimisch fühlt.

Schuften für die Freiheit

Ganz so einfach wie für das anspruchslose Gewächs ist das Wurzelschlagen für Familie Yi nicht. Die Eltern arbeiten hart. Wie in Kalifornien, wo sie zuvor gelebt haben, schuften sie auch hier in einem Betrieb, der Küken züchtet. Hunderten der kleinen Wesen blicken sie jeden Tag zwischen die Beine, um das Geschlecht zu bestimmen. "Sexen" nennt man das, es ist eine unschöne Arbeit, denn die männlichen Küken werden schließlich verbrannt. Nur was nützlich ist, darf leben.

Vater Jakob versucht, sein neues Land urbar zu machen, er baut einen Brunnen, pflanzt koreanisches Gemüse. Zehntausende seiner Landsleute ziehe es jedes Jahr in die USA, sagt er. Ein großer Markt. Einer, den er bedienen will, und so schuftet er mit einem Pioniergeist, den man sonst nur aus Westernfilmen kennt, und lässt sich auch von Rückschlägen nicht unterkriegen.

Im Zentrum des mit sanfter Hand erzählten Films steht aber die zweite Generation: Tochter Anne (Noel Kate Cho), vor allem aber der siebenjährige David (Alan S. Kim), der mit unschuldigem Blick das Streben seiner Eltern mitverfolgt. Die beiden Kinder wurden in den USA geboren, sie sprechen fließend Englisch, zu Hause aber Koreanisch. Auch wenn "Minari" in Arkansas spielt, wo seit Jahrzehnten fast immer die republikanischen Präsidentschaftskandidaten gewählt werden, akzeptiert man die Neuankömmlinge schnell. Selbst der Junge, der David fragt, warum der so ein seltsam plattes Gesicht habe, wird bald ein Freund.

Kontroverse bei den Golden Globes

In "Minari" erzählt Regisseur Lee Isaac Chung ein Stück weit seine eigene Lebensgeschichte. Doch auch wenn er dabei universelle Fragen streift, ist sein Film vor allem ein intimer Blick auf ein bewegendes Einzelschicksal. Chung geht es nicht darum, eine Einwanderergeschichte zu erzählen, sondern eine Familiengeschichte. Und das macht seinen sehr persönlichen Film dann doch wieder sehr universell.

Bei der diesjährigen Oscarverleihung war "Minari" sechsmal nominiert, ausgezeichnet wurde schließlich Yoon Yeo-jeong, die die Großmutter der Familie spielt, als beste Hauptdarstellerin. Zuvor, bei den Golden Globes, gewann "Minari" den Preis als bester fremdsprachiger Film. In der Hauptkategorie, der des besten Films, war das Drama gar nicht erst nominiert worden, weil, so die seltsame Begründung, zu wenig Englisch gesprochen werde und zu viel Koreanisch. Dabei könnte ein Film kaum amerikanischer sein als dieser - im allerbesten Sinne.

Von Sven Hauberg