"Idioten der Familie"
Filmbewertung: enttäuschend
Starttermin: 12.09.2019
Regisseur: Michael Klier
Schauspieler: Lilith Stangenberg, Jördis Triebel, Hanno Koffler
Entstehungszeitraum: 2018
Land: D
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm Verleih GmbH
Laufzeit: 102 Min.
Nicht ohne meine Schwester
Kommt noch einmal zusammen, bevor alles anders wird: Dieser Aufforderung folgen die drei Brüder einer mittlerweile elternlosen Familie. Fünf Geschwister treffen sich in "Idioten der Familie" im viel bemühten "Haus am Berliner Stadtrand", dort, wo die älteste Schwester sich um die jüngste kümmert, die mit einer psychischen Erkrankung lebt. Jetzt soll die Kleine, inzwischen auch 26, in ein Heim, damit ihre Schwester endlich mal ein eigenes Leben führen kann. So weit, so klar. Was gibt es da eigentlich noch zu sagen?

Als "Die Brüder sind da" durch den Garten schallt, versteckt sich Ginnie (Lilith Stangenberg) im Busch. Ihre Ersatzmutter Heli (Jördis Triebel) ist mit ihrer Geduld am Ende, hat sich, so gut sie kann, gekümmert. So wie Philosoph Bruno (Florian Stetter), Lebemann Tommie (Hanno Koffler) und der erfolgreiche Frederik (Kai Scheve) will jetzt auch sie ihr Leben leben. Daher stehen nun Stunden des Abschieds an.

Eitelkeit, Respektlosigkeit und Hilflosigkeit sind der Kitt, der diese Zeit zusammenhält. Ein Kitt, untauglich für ein Familiengefühl, denn die Egos der Besserwisser prallen aufeinander. Regisseur Michael Klier ("Alter und Schönheit") verzichtet auf einen Sympathieträger, was ein riskanter Schritt ist. Alles, was der Zuschauer wissen muss, wird von den unterschiedlichen Brüdern sehr brav und deutlich aufgesagt. Die restliche Zeit vertändelt man, besonders zu Beginn. Ungewollt treffen die Geschwister aufeinander, gehen miteinander um wie Fremde. Das lässt keine Atmosphäre entstehen, einzig Jördis Triebel bringt Leben in diesen Film.

Inszenierung ist alles

Frederik, der Älteste, ist "der Bestimmer", weil der Vater ihm früher schon alles zugetraut hat und er ein erfolgreicher, da bezahlter Musiker geworden ist. Er konnte, wie der antiquierte Kassettenrekorder beweist, schon in der Grundschule als lampenfieberfreier Streber glänzen. Seine disziplinierte Zielstrebigkeit betont er gerne gegenüber dem Zweitältesten, der ebenfalls passionierter Musiker ist, aber weniger erfolgreich.

Dann wäre da noch Bruno, der augenscheinlich etwas schräge Eigenbrötler, der sich in dieser Rolle sehr gefällt, aber schnell Geduld und Beherrschung verliert. Er sollte abgetrieben werden, erfährt das Publikum gleich zu Beginn und muss in der Folge seine Monologe wie seine Übergriffigkeit ertragen. Die Männer wollen Heli zeigen, dass sie klarkommen mit der schwierigen Ginnie, und lehnen ihre Abschiebung ins Heim ab - solange sie danach nichts mit ihrer jüngsten Schwester zu tun haben müssen.

Ginnie ist eine unberechenbare junge Frau, und dem Zuschauer fällt es schwer, Sympathie zu ihr aufzubauen, genauso schwer wie zu ihren Brüdern. Lilith Stangenberg mag dadurch auffallen, dass sie erneut eine Frau jenseits der Norm spielt, wie schon in "Wild" von Nicolette Krebitz. Doch dem Film nützt das nichts. Auch an ihr kann man sich nicht festhalten.

Spucken, basteln, streiten - und dann sagt jeder noch, warum er den anderen beneidet: Regisseur Michael Klier macht keinen Hehl daraus, dass es um die Inszenierung geht. Würde er die Figuren ernst nehmen, wäre jeder Bruder, allein aus Eitelkeit, zu einem Zeitpunkt gekommen, wenn die anderen beiden nicht da sind. Doch es sollte ja ein Film werden, voller symbolträchtiger Arrangements. Einer, in dem Männer aufgestellt werden wie die Orgelpfeifen. Schließlich spielen Frederik und Tommie zum Schluss das Lied "Abschied", was treffend beschreibt, wie plakativ dieser angestrengte Film ist.

Von Claudia Nitsche