Die Boxtrolls
Filmbewertung: akzeptabel
Starttermin: 23.10.2014
Regisseur: Graham Annable, Anthony Stacchi
Entstehungszeitraum: 2014
Land: USA
Freigabealter: 6
Verleih: Universal
Laufzeit: 97 Min.
Unter unserer Stadt
Nichts hält sich hartnäckiger als verleumderische Gerüchte. Das ist auch im Städtchen Cheesebridge so. Jeden Abend werden hier die Bürgersteige hochgeklappt - aus Sicherheitsgründen. Und nicht nur das: Die besorgten Bewohner schrauben vorsichtshalber sogar ihre äußeren Türklinken ab und verrammeln die Fenster. Wenn die Dunkelheit fällt, hört man ein Trappeln, Rascheln und Klimpern in den Gassen. "Die Boxtrolls" sind wieder unterwegs, die dem skurrilen Stop-Motion-Familienfilm von Graham Annable und Anthony Stacchi ihren Namen geben. Doch wer sind die nächtlichen Störenfriede wirklich? Sind sie tatsächlich die gefürchteten Schachtelmonster, die aus der dunklen Unterwelt emporklettern, um die Menschheit zu terrorisieren und ihr den geliebten Käse zu stehlen? Nur ein kleiner Waisenjunge kennt beide Welten - ein Wissen, das ihn rasch in Gefahr bringt.

Wie seine "Monster"-Mitbewohner trägt auch "Eggs" nur den Namen einer Eier-Kartonschachtel, die ihm von frühester Kindheit an über den Körper gestülpt wurde und aus der er nach und nach herauswächst. Sein bester Freund heißt "Fish" - wegen der Fisch-Verpackung natürlich, in die er steckt. Wie ein väterlicher Beschützer kümmert sich Fish um den kleinen Jungen, der einst in der Oberwelt lebte. Wie man sich unter den furchtsamen Menschen erzählt, wurde das Waisenkind von den Kanalisationsungeheuern entführt. Unten bei den Boxtrolls gestaltet sich die Lage natürlich ganz anders: Eggs ist glücklich, er führt ein fast normales Boxtrolls-Müllsammler-Leben, bastelt genau wie die anderen leidenschaftlich gerne und spricht natürlich deren Sprache. Die Vorstellung, dass mit ihm etwas anders sein sollte, ist ihm komplett fremd. Man kennt das aus dem pädagogisch ambitionierten Kinder- und Jugendfilm.

Eigentlich könnte man meinen, Cheesebridge hätte sich mit der Zwei-Welten-Lösung arrangiert. Und doch muss es eines Tages zum fürchterlichen Konflikt kommen: Aus sehr eigennützigen Motiven macht der selbsternannte Trolljäger Archibald Snatcher Stimmung gegen die Boxtrolls, indem er aufgebauschte Schauergeschichten verbreitet. Beim arroganten Bürgermeister der Stadt - einem genusssüchtigen Adeligen, der sich seine "Amtszeit" am liebsten mit Edelschimmel-Schlemmen versüßt - kann Snatcher sogar eine Art Feldzug gegen die Boxtrolls durchsetzen. Snatchers Argument: Angeblich hätten es die Boxtrolls auf die Käsevorräte der Aristokraten abgesehen. Doch Snatcher hat seine Rechnung ohne Eggs gemacht: In höchster Not erkennt der sympathische Junge, dass er zwischen den Fronten steht. Und er setzt alle Hebel in Bewegung, seine geliebten Boxtrolls zu schützen.

"Die Boxtrolls" basiert auf der britischen Kinderbuchvorlage "Die Monster von Rattingen" von Alan Snow: kein Märchen, sondern eine ziemlich abgründige Identitätsfindungsgeschichte, die ein noch recht junges Publikum überfordern dürfte. Die Macher der Laika-Produktionen "Coraline" und "Paranorman" haben daraus ein aufwendig inszeniertes Animationsabenteuer in der altmodisch zeitraubenden Stop-Motion-Aufnahmetechnik gestaltet. Das optische Ergebnis ist für den Kenner durchaus beachtlich, junge Zuschauer dürfte es eher befremden, streckenweise sogar verunsichern.

Dies liegt an der teilweise doch ziemlich drastischen Figuren-Überzeichnung, die vor allem aus den Erwachsenen reine Karikaturen macht. Der Monster-Welt fehlt dagegen das Anheimelnde, sodass der Film von der Sympathieführung wenig Anknüpfungsmoment bietet und gelegentlich furchteinflößend finster wirkt. Zudem erweist sich die Dramaturgie als schleppend und die Film-"Moral" von den bösen Vorurteilen und der Notwendigkeit, Andersartigkeit zu akzeptieren, als doch etwas platt. Wer im Abspann sieht, wie viel Mühe verwendet wurde, diese Cheesebridge-Abenteuer überhaupt erst in Gang zu bringen, fragt sich zu Recht, ob der Aufwand nicht vielleicht doch vergebliche Liebesmühe war.

Von Rupert Sommer