Werner Herzog
Der große deutsche Regisseur vollendet am 5. September sein 75. Lebensjahr
Der moderne Abenteurer
Er gilt als der große Abenteurer unter den deutschen Regisseuren: Einst trug Werner Herzog gemeinsam mit Gleichgesinnten Opas Kino zu Grabe - nun vollendet der Filmemacher am 5. September bereits sein 75. Lebensjahr. Seit seinem Erstling "Lebenszeichen" stand das Leitmotiv Herzogs - das des einsam handelnden Helden, des Titanen, der über alle Grenzen geht, bis zum Wahnsinn - einigermaßen fest. Gestalten wie Aguirre oder Fitzcarraldo sollten Jahre später folgen, und nicht selten gestaltete sich die Filmproduktion dabei ebenso abenteuerlich wie das fertige Werk. Herzog selbst bezeichnet sich zurecht als "Selfmade-Man": als unabhängigen eigenwilligen Filmemacher, dessen Wurzeln im Dunkel der Romantik und des Stummfilms liegen. Und doch modernisierte sich der Regisseur in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderer Grande des deutschen Films.

Filmhochschulen hasst der gebürtige Münchner, der im oberbayerischen Sachrang aufwuchs und sich immer noch als "essenziell bayerischer Filmemacher" bezeichnet, wie die Pest. Er kennt keinen Unterschied zwischen seinen berühmt gewordenen Spielfilmen wie "Auch Zwerge haben klein angefangen", "Fata Morgana", "Aguirre, der Zorn Gottes", "Fitzcarraldo" einerseits - und andererseits seinen immer wieder zwischengeschobenen großen Dokumentarfilmen, die er "Spielfilme in Verkleidung" nannte, weil er ja auch hier immer wieder als Regisseur eingriff. Zuletzt 2016 in der Netflix-Doku "In den Tiefen des Infernos", in der er - trotz seines Alters - hautnah die Schlünde der gefährlichsten Vulkane weltweit ergründet. Der Held, der an die Grenzen geht - das ist Herzog immer auch selbst.

Dabei überschreitet er, dessen Œu­v­re nie wirklich abgeschlossen und vorhersehbar scheint, seit einigen Jahren auch die unausgesprochenen formellen Mauern des deutschen Cineastentums. Nicht nur produziert Herzog nach einer ruhigeren Phase bis zu seinem 70. Geburtstag wieder wie am Fließband - auch geht er die mediale und gesellschaftliche Zukunft offensiv an: Neben der Arbeit mit Netflix drehte er 2012 die Mini-TV-Serie "On Death Row" über Todesstrafenkandidaten in den USA, schuf mit "Wovon träumt das Internet" 2016 eine tiefe Reflexion auf das digitale Netz und produzierte 2013 den YouTube-Dokumentarfilm "From One Second To The Next", in dem der handylose Herzog über die Folgen von Handys am Steuer aufklärt. In den vergangenen zwei Jahren drehte die Ikone, die zuvor meist Männern die Hauptrollen überließ, mit "Königin der Wüste" und "Salt and Fire" zudem zwei Spielfilme, die starke Frauen ins Zentrum rücken.

Einer seiner schönsten Filme, "Stroszek" von 1976, handelt von einer Reise seines Helden nach Amerika, ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. Als naiver Hauptdarsteller reiste Herzogs Lieblingsschauspieler Bruno S. ins gelobte Land - und wurde von den verrückten Einwohnern Wisconsins fürchterlich enttäuscht. Vor nunmehr zehn Jahren rieb man sich umso mehr die Augen, als man in Herzogs Spielfilm "Rescue Dawn" den deutsch-amerikanischen Piloten Dieter Dengler Amerika in höchsten Tönen - "I love America" - preisen hörte. Herzog inszenierte den Genrefilm nach Denglers wahrer Geschichte: Der Pilot stürzte bei seinem ersten Vietnam-Einsatz nach 40 Kriegsminuten ab.

Hatte Herzog, der Film-Titan, der einst zu Fuß von München zu seinem Stummfilm-Idol Lotte Eisner nach Paris gewandert war, um ihr Heilung zu bringen, nun vollends die eigene Unabhängigkeit aufgegeben? "Ganz im Gegenteil", belehrte Herzog gelegentlich mit seiner fantastisch suggestiven Stimme, "das Major-Studio MGM hat bei der Produktion keine Rolle gespielt. Die Produktionsfirma selbst war völlig unabhängig - zwei Leute, die bis dato nichts vom Kino verstanden. Sie wussten nicht, was ich da wirklich mache. Was wiederum eine zweischneidige Sache war: Einerseits waren die Produktionsbedingungen völlig unprofessionell und chaotisch, gleichzeitig genoss ich die größte Freiheit."

Eine amerikanische Freiheit, die sich der seit über 20 Jahren in den USA lebende Herzog in L.A. auch privat nimmt, aber nicht ausreizt: "Ich bin nicht so sehr auf Luxus angewiesen", sagte Herzog 2016 dem "Tagesspiegel". "Ich besitze nur einen Anzug, den ich seit mehr als 25 Jahren trage. Auch meine Schuhe sind seit fünf Jahren dieselben." Denn: "Jeder Komfort hat seine Kehrseite." Eine Weisheit, die der Autor und Filmemacher durch seine Hilfsjobs in jungen Jahren schnell lernte: "Jeder Schriftsteller oder Filmemacher sollte einmal als Taxifahrer gearbeitet haben oder in einem Schlachthaus oder als Türsteher in einem Sexclub."

Insgesamt brachte Herzog inzwischen über 70 Filme hinter sich. Er blieb bewusst Amateur und verzichtete zum Beispiel auf technische Hilfen und Tricks wie einen Monitor am Set. Herzog stellte sich in seiner Frühzeit ein eigenes, mit Laien durchsetztes Ensemble wiederkehrender Schauspieler zusammen. Der Profi Klaus Kinski war zweifellos der Berühmteste von allen: "Mein liebster Feind" nannte Herzog seine Dokumentation über ihn. Doch heute wiegelt er die Bedeutung ab. Schließlich habe er mit Kinski nur fünf Filme gedreht: "Und Kinski selbst hat 215 Filme gemacht, fünf davon mit mir. Kinski spukt einfach noch zu sehr in den Köpfen herum!"

1977 kettete sich Herzog mit anderen deutschen Filmemachern vor dem Münchner "Leopold"-Kino an, um gegen die Weigerung eines deutschen Senders zu protestieren, den Cannes-Gewinner "Padre Padrone" im Kino zu zeigen. Mit Erfolg. Mittlerweile hat sich die Kinostruktur verändert, die Macht des klassischen Fernsehens ist gesunken, während Streamingdienste wie Netflix alte Gewissheiten über Bord werfen. Angst vor der digitalen Zukunft hat Herzog nicht: "Ich arbeite nach wie vor auf Zelluloid, weil das technisch besser ist. Aber deswegen bin ich nicht nostalgisch", sagt der Regisseur. "Man darf es nicht wie in den Zwanzigern halten, als es beim Aufkommen des Tonfilms hieß: 'Jetzt wird die Filmkunst zu Grabe getragen, es wird nie wieder Filmkunst geben." Auch deshalb geht er auf neue Medienerscheinungen zu. Noch immer verstand es Herzog, seine einzigartige Form-Inhalt-Sprache zur Geltung zu bringen - egal, ob auf der Leinwand oder auf dem Laptop. Egal ob bei den 68-ern oder bei den Millennials.

Und egal, ob runder Geburtstag oder nicht: Längst gab es zahlreiche Retros mit seinen Filmen, noch immer arbeitet Herzog unermüdlich - auch nach einem gewissen Bruch in den 80er-Jahren. "Ich habe gar keine Gelegenheit, nach hinten zu schauen", betonte er, weiß aber auch: "Das Publikum hat sich gewandelt. Sonst würde es den Siegeszug des Hollywood-Kinos ja nicht geben. Es gibt dafür einen weltweiten Bedarf, den man ernst nehmen muss. Andererseits bleibt das Kino unbeeinflusst von Eintagsfliegen und Modetendenzen. Schnelle Schnitte, hektisches Erzählen - das muss nicht sein."

Längst lebt er größtenteils mit der Familie in Los Angeles, sieht sich aber nicht in einer Abhängigkeit zu Hollywood. "Wir sind immer abhängig - von den Zuschauern, von Verleihern, vom Zugang zu den Studio-Mischpulten. Es gibt nur Abstufungen von Abhängigkeit, und ich stehe auf einer Stufe von geringerer Abhängigkeit. Machen Sie Familienfilme am Strand. Das ist dann echtes Independent-Kino. Alles andere ist Etikettenschwindel", sagte er anlässlich einer großen Retrospektive beim Münchner Filmfest. Wenn man den jung gebliebenen Herrn mit der humordurchsetzten, hypnotischen Stimme reden hört, weiß man gar nicht so recht, was einem nun lieber ist: Herzog als fantastischer Exeget seiner selbst - oder der Filmerzähler, der die expressiv-magische Leinwand - und neuerdings auch den kleinen Bildschirm - immer noch neu erfindet.

3sat zeigt anlässlich Herzogs Geburtstag am Dienstag, 5. September, 22.25 Uhr Uhr, die Dokumentation "Wovon träumt das Internet?" als Free-TV-Premiere. Anschließend strahlt der Sender um 00.05 Uhr Herzogs Todeskandidaten-Film "Tod in Texas" von 2011 aus. Am Donnerstag, 7.9., folgt der Spielfilm "Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen" (22.25 Uhr). Das Drama mit Nicolas Cage ist auch am Sonntag, 3.9., 1.20 Uhr, auf RBB zu sehen.

Auch der BR widmet dem Jubilar sein Programm: An Herzogs Geburtstag zeigt das Dritte um 22.30 Uhr den Dokumentarfilm "Mein liebster Feind", den der Filmemacher über seine Hassliebe zu Klaus Kinski drehte. Am Folgetag, 6.9., nachts um 00.40 Uhr, strahlt der Bayerische Rundfunk den Herzog-Kinski-Klassiker "Aguirre, der Zorn Gottes" von 1972 aus.

Von Theodor Heisenberg